Hamburg 1956, Rede 5, Teil 2

Lassen Sie uns einmal die Furcht betrachten. Was ist Furcht? Furcht herrscht immer in Bezug auf etwas, sie besteht niemals an sich. Und wovor fürchten wir uns? Vielleicht nehmen wir unsere Ängste nicht immer bewusst wahr; unbewusst sind sie jedoch vorhanden, und das unbewusste Empfinden hat viel größeren Einfluss auf unser tägliches Denken und Handeln als das bloße Unterdrücken und Ableugnen aller Furcht. Wovor fürchten wir uns also? Es gibt oberflächliche Ängste, wie zum Beispiel die um eine Stellung oder ähnliches, aber an diese können wir uns anpassen; auch wenn man keine feste Stellung hat, wird man schon irgendwie Arbeit finden. Bei der wahren Furcht geht es nicht um soziale Sicherung, sondern um etwas viel Tieferes. Und ich weiß nicht, ob man willens ist, so tief in sich hineinzublicken, dass man wahrnehmen kann, wovor man sich im Grunde so sehr fürchtet. Aber keine Anstrengung, kein Fluchtversuch, keine besondere Einstellung oder Tugend kann einem etwas nützen, solange man es nicht selber herausfindet; denn Furcht ist die Wurzel der meisten unserer bangen Impulse. Kann nicht jeder bei sich selber untersuchen, was es ist? Und ist es uns allen gemeinsam wie das Sterben? Oder ist es etwas, das jeder selber entdecken und betrachten muss?

Um ein Beispiel zu nehmen: viele Menschen fürchten sich vor der Einsamkeit. In unserem Unterbewusstsein wissen wir, dass wir einsam und leer, dass wir nichts sind; zwar haben wir Titel und Stellungen, Macht, Geld und so weiter, aber wenn wir über all das hinausgehen, kommen wir zu einem Zustand der Leere, der unerfüllten Sehnsucht, des Vakuums, den wir ›Einsamkeit‹ bezeichnen, – es ist ein Gefühl, als ob das Ich vollkommen eingeschlossen sei. Vielleicht liegt hier die Grundursache unserer Furcht. Müssen wir das nicht betrachten, um es zu begreifen? Denn ich bin der Ansicht, wir müssen es zu verstehen suchen, wenn wir darüber hinausgehen wollen. Unsere Handlungsweise beruht zum größten Teil auf Furcht, nicht wahr? Wir wollen uns niemals wahrheitsgetreu so sehen, wie wir sind, wollen uns nie bis auf den Grund erkennen, weil das Empfinden innerer Leere immer größer wird, je tiefer, drastischer und grundlegender man in sich selber vorstößt. Alles, was man gelernt und erworben hat, alle Tugenden, Kenntnisse und so weiter liegen an der Oberfläche und verlieren an Bedeutung, je tiefer man in sein Wesen eindringt. Und je weiter man vorstößt, desto näher kommt man dem gewaltigen Gefühl der Leere. Vielleicht hat man es gelegentlich einmal ganz flüchtig erlebt, als man sich einsam fühlte; aber in solchen Augenblicken dreht man gewöhnlich dann das Radio an oder beginnt eine Unterhaltung oder tut irgendetwas, um dem Empfinden der Unzulänglichkeit zu entfliehen. Das Gefühl des Nicht-Seins könnte aber gerade die Ursache aller Furcht sein; und ich glaube bestimmt, die meisten Menschen haben es irgendwann einmal erlebt.

Wenn man es also in einem flüchtigen Augenblick erfährt, läuft man im allgemeinen davon und stürzt sich in Unterhaltung, in Vergnügen, ins Lernen, oder macht einen anderen der vielen zivilisierten Fluchtversuche. Was aber geschieht, wenn man nicht davonläuft? Kann man dann tiefer eindringen? Ich glaube, man muss es tun! Denn wenn man tiefer in den Zustand der Leere eindringt, wird man vielleicht etwas ganz Neues entdecken und sich vollkommen von aller Furcht befreien können.

Will man etwas verstehen, so darf man es sicherlich nicht verurteilen, nicht wahr? Wenn ich Sie hier begreifen will, darf ich nicht an all das denken, was ich über die Deutschen weiß oder gehört habe, – oder über Hindus oder Russen, wenn es sich um diese handelt; ich muss frei von dem Gefühl der Bewertung und Verurteilung sein. Will ich ein Kind begreifen, so darf ich es nicht verurteilen oder mit anderen Kindern vergleichen; ich muss es unaufhörlich beobachten, beim Spielen oder beim Weinen, in allen seinen Launen. Ebenso geht es mir, wenn ich das, was ich Leere, Einsamkeit oder Unzulänglichkeit nenne, verstehen will; dann muss ich es betrachten und genau beobachten, ohne es zu tadeln; denn im Augenblick, da ich urteile, habe ich bereits Furcht geschaffen. Kann ich aber mich selber und meine Unzulänglichkeit betrachten, ohne sie zu verurteilen? Schließlich ist das Verurteilen nur ein Bezeichnen mit einem Wort, nicht wahr?, und sobald ich etwas verurteile, habe ich die wahre Beziehung dazu verloren.

Ich hoffe, Sie folgen dem, was ich sage. Ich halte es nämlich für besonders wichtig, dass Sie beim Zuhören damit experimentieren und es zu verstehen suchen, nicht so fortgehen und später darüber nachdenken. Ich meine aber nicht, dass Sie mit meinen Worten experimentieren sollen, sondern mit dem Aufspüren Ihrer eigenen Leere, Einsamkeit oder Unzulänglichkeit, die Furcht hervorruft. Nur wenn man sich dem Gegenstand seiner Untersuchung ohne jedes Gefühl der Furcht oder Missbilligung nähert, kann man frei davon werden.

Lassen Sie uns also das, was wir Leere, Einsamkeit, Unzulänglichkeit genannt haben, betrachten und uns vergegenwärtigen, dass wir uns lieber in alle mögliche Tätigkeit flüchten, als sie zu begreifen suchen. Indem ich nun erkenne, dass es wichtiger ist, sie zu verstehen als zu verurteilen, verschwindet meine Missbilligung und ich kann mit ganz anderer Einstellung an sie herantreten: mit einheitlichem, freiem Sinn. Ich erkenne auch, dass sich mein Sinn nicht von dem Zustand der Leere trennen lässt, – ich selber bin die Leere. Wenn man dann bei sich selber wirklich tief darauf eingeht, kann man erleben, dass aus dem, was man Leere oder Furcht genannt hat, ein außerordentlicher Zustand hervorgeht, in dem man vollkommen ruhig, furchtlos und ohne jedes Verlangen ist. In solcher Stille entsteht Schöpfung. Wirklichkeit oder Gott, – wie man es nennen will. Das Gefühl der inneren Furchtlosigkeit kann aber nur eintreten, wenn man den Gesamtvorgang seines Denkens begriffen hat. Erst dann, glaube ich, ist es möglich, bei sich selber die ewige, schöpferische Kraft zu entdecken.