Hamburg 1956, Rede 5, Frage 1

Frage: Die meisten Menschen sind in der Routine ihrer Arbeit gefangen und langweilen sich; aber ihr Lebensunterhalt hängt davon ab. Warum können wir bei unserer Arbeit nicht glücklich sein?

Krishnamurti: Sicherlich zwingt uns die moderne Zivilisation oft zu einer Art Arbeit, die wir als Individuen keineswegs mögen. Unsere heutige Gesellschaft ist auf Wettbewerb, Grausamkeit und Krieg begründet; sie braucht Ingenieure und Wissenschaftler, die überall in der Welt gesucht werden. Denn ein Ingenieur oder Wissenschaftler kann Kriegsinstrumente entwickeln und dadurch sein Volk besser vorbereiten, es kriegstüchtiger und grausamer machen. Die Erziehung zielt also daraufhin, Ingenieure auszubilden, – ob man dafür geeignet ist oder nicht; es wird zur Notwendigkeit, wir alle wissen es. Der junge Mann, der zum Ingenieur ausgebildet wird, wollte es vielleicht gar nicht werden; er wäre viel lieber Maler oder Musiker oder Gott weiß was geworden. Doch Umstände, Erziehung, Familie, Gesellschaft, alles zwingt ihn in diese Richtung, und er wird Ingenieur. So haben wir selber die Routine geschaffen, in der er für den Rest seines Lebens gefangen ist, – enttäuscht, elend, unglücklich. Wir alle kennen so etwas.

Es ist also eine Frage der Erziehung, nicht wahr? Könnte man nicht eine andere Art Erziehung einführen, bei der jeder Mensch seine Arbeit liebt? Ich meine wirklich das Wort ›liebt‹. Denn man kann nicht gut etwas lieben und gleichzeitig mit dessen Hilfe nur nach Erfolg, Macht, Stellung oder Ansehen streben.

Wie die Gesellschaft heute gefügt ist, bringt sie in der Tat nur Menschen hervor, die sich über alle Massen langweilen und in der Routine ihrer Arbeit gefangen sind. Will man aber Kindern oder Schülern helfen, sich in dem, was sie gern tun, auszubilden, will man einen ganz anderen Zustand herbeiführen, so muss eine gewaltige Revolution nicht nur in der Erziehung, sondern auch in allem andern stattfinden.

Bei dem heutigen Stand der Gesellschaft müssen wir uns mit Routine und Langeweile begnügen; und wir versuchen, dem auf allerlei Weise zu entfliehen: durch Vergnügen, sogenannte Religion, Radio, Bücher; so werden wir in unserem Leben immer seichter, leerer und stumpfer. Und solche Oberflächlichkeit führt wiederum zum Annehmen von Autorität, die uns ein größeres Gefühl von Macht und Stellung, eine Empfindung des Allumfassenden verleiht. In unserem Herzen wissen wir all das; aber es ist sehr schwer, sich davon loszumachen, denn man muss es mit Verstand, Energie, harter Arbeit und ohne Sentimentalität tun.

Will man also eine neue Welt schaffen, – und sicherlich muss es geschehen nach den entsetzlichen Kriegen, dem Elend und Schrecken, das so viele Menschen durchgemacht haben, – dann muss in jedem einzelnen eine religiöse Revolution vor sich gehen und eine neue Kultur, eine völlig neue Religion entstehen, ohne Autorität, Priesterschaft, Dogmen und kirchliche Bräuche. Zur Erschaffung einer solchen grundlegend anderen Gesellschaft und Kultur bedarf es einer religiösen Revolution, das heißt einer Revolution im Innern des Menschen, nicht aber eines entsetzlichen Blutbades, das nur größere Tyrannei, mehr Furcht und Elend zur Folge haben würde. Wollen wir eine in ganz anderem Sinne ›neue‹ Welt schaffen, so muss es unsere Welt sein, und nicht mehr die deutsche, russische oder indische; wir sind alle Menschen, und die Erde gehört uns.

Unglücklicherweise fühlen aber nur sehr wenige Menschen so; denn man braucht dazu Liebe, – nicht Sentimentalität oder Rührung. Liebe ist schwer zu finden. Ein Mensch, der sentimental und gerührt ist, wird im allgemeinen auch grausam sein. So glaube ich also, dass in jedem einzelnen Menschen eine Revolution vor sich gehen muss, wenn wir eine ganz andere, neue Welt herbeiführen wollen; wir müssen frei von allen Ängsten und Dogmen werden, frei von persönlichem Ehrgeiz und allem selbstsüchtigen Handeln. Sicherlich kann erst dann eine neue Welt entstehen.