Hamburg 1956, Rede 5, Frage 3

Frage: Was geschieht nach dem Tode? Und glauben Sie an Reinkarnation?

Krishnamurti: Dies ist eine sehr komplizierte Frage, in die man tief eindringen muss, um sie zu verstehen. Es ist ein Problem, das jeden Menschen berührt, ob er jung oder alt ist, ob er in Russland lebt, wo man nicht an ein Jenseits glaubt, oder in Indien oder hier im Westen, wo man wohl daran glaubt. Es erfordert sehr gründliches Forschen und ist nicht durch das bloße Annehmen oder Ablegen eines Glaubens zu lösen; daher möchte ich es mit Ihnen zusammen durchdenken. Der Tod ist das unvermeidliche Ende für alle, und wir wissen es. Mögen wir auch vernunftmäßige Erklärungen suchen oder mit Hilfe unseres Glaubens an Wiedergeburt, Auferstehung oder sonst etwas der Ungeheuerlichkeit des Ungewissen, Unbekannten zu entfliehen suchen, – die Furcht davor besteht. Es ist unvermeidlich, dass ein Mechanismus, ein Organismus sich abnutzt; jede Maschine nutzt sich ab, das wissen wir.

Hier liegt indessen nicht unser Problem. Denn wir haben alle erlebt, wie Krankheit und Alter kommen und die Menschen dahinraffen; dem beugen wir uns, wir sagen: »Ja, es ist so« und erkennen es an. Unser wahres Problem geht viel tiefer. Wir fürchten uns davor, alles zu verlieren, was wir gewonnen, verstanden und gesammelt haben; wir fürchten uns davor, nicht zu sein, wir fürchten uns vor dem Unbekannten. Man hat gelebt, gelernt, gesammelt, erfahren und gelitten; man hat seinen Geist gebildet und sich diszipliniert; ist das nun das Ende von allem? Man denkt nicht gern daran, dass es das Ende ist. Deshalb spricht man von einem Jenseits, von der Fortdauer des Lebens, – entweder auf dieser Ebene oder woanders. Und so entsteht die trostreiche Theorie der Wiedergeburt.

Für mich bedeutet sie aber nichts; denn der Glaube an eine Idee, – auch wenn sie tröstend und wertvoll ist, – kann unmöglich zum vollen Verständnis des Todes führen. Der Tod ist natürlich etwas Unbekanntes, etwas völlig Neues, – er muss es sein. Er muss etwas bleiben, was ich nicht kenne, wie sehr ich mich auch bemühe, ihn zu untersuchen und zu erforschen. Ich kenne nur die Vergangenheit und ihre Fortsetzung durch die Gegenwart in die Zukunft; das ist nämlich mein Gedächtnis, das sich mit meinem Haus, meiner Familie, meinem Namen, meinen Erwerbungen, Tugenden, Kämpfen und Erlebnissen identifiziert, – das ist mein ›Ich‹. Man will sein Ich gern fortleben lassen; oder man sagt, wenn man seines Ich überdrüssig ist: »Gott sei Dank, alles Leben endet einmal«. So aber kann das Problem ebenso wenig gelöst werden.

Wir müssen also tiefer in die Frage eindringen. Was man über Reinkarnation glaubt oder nicht glaubt, hat nichts mit der Wahrheit an sich zu tun; aber vielleicht können wir wirklich herausfinden, was Tod ist, – nicht, was nach dem Tode geschieht. Es wäre nämlich denkbar, dass Leben ein Vorgang des Absterbens ist. Warum machen wir immer die Teilung zwischen Leben und Tod? Offenbar weil wir das Leben für einen Vorgang des Ansammelns und Fortbestehens halten und den Tod für das Aufhören und Vernichten all dessen, was wir vollbracht haben. So trennen wir Leben und Tod. Vielleicht ist es aber ganz anders; vielleicht ist es nur ein Vorgang, den wir nicht kennen, – etwa wie leben und jeden Augenblick sterben. Wir kennen nichts anderes als eine Art Fortdauer: das, was ich gestern war, heute bin und morgen wieder sein werde. Hieran klammern wir uns und fürchten uns vor dem, was wir Tod nennen.

Könnte aber unser lebendiger Geist Kenntnis vom Tode bekommen? Verstehen Sie das Problem? Ich meine nicht: »Was geschieht nach dem Tode«, sondern ich frage: »Kann ein lebender Mensch, der nicht krank, sondern völlig bei sich und seiner selbst bewusst ist, den Zustand erfahren, den er Tod nennt?« Mit anderen Worten, wissen wir wirklich, was Leben ist? Denn Leben könnte auch ein Sterben sein in dem Sinne, dass wir nichts als Gedächtnis sind. Bitte, folgen Sie diesen Gedanken, dann werden Sie vielleicht erkennen, wie ungeheuer viel in dem Begriff Tod miteingeschlossen liegt. Wir leben auf dem Gebiet des Bekannten, nicht wahr? Und das Gebiet des Bekannten umfasst alles, womit ich mich identifiziert habe: meine Familie, mein Vaterland, meine Erfahrungen, meine Arbeit, meine Freunde, meine Tugenden, Eigenschaften und alle Bücher und Dinge, die ich gesammelt habe, – kurz, alles, was mir bekannt ist. Mein Sinn ist das Ergebnis der Vergangenheit; er ist die Vergangenheit und ist erfüllt von Bekanntem. Könnte er sich aber von allem Bekannten befreien? Mit andern Worten, könnte ich für alles, was ich gesammelt habe, aufhören zu leben, – nicht erst wenn ich alt und gebrechlich bin, sondern jetzt? Kann ich heute, während ich noch Lebenskraft, Klarheit und Verständnis besitze, für alles, was ich je gewesen bin, was ich noch sein werde oder glaube, sein zu müssen, aufhören zu leben? Das heißt, kann ich allem Bekannten, jedem einzelnen Augenblick gegenüber sterben? Kann ich den Tod herausfordern, kann ich das Haus des Todes betreten, während ich noch am Leben bin?

Es wird nur dann möglich sein, wenn man sich von allem Bekannten freimacht, von allem, was man angesammelt hat, was man ist und zu sein glaubt. All das muss völlig zu bestehen aufhören. Gibt es dann aber eine Trennung zwischen Leben und Sterben, – oder ist es nur eine vollkommen andere Einstellung des Geistes?

Ich fürchte, Sie werden den tieferen Gehalt dessen, was ich sage, nicht erfassen, wenn Sie nur mechanisch meinen Worten folgen. Doch wenn Sie wollen, können Sie selber erfahren, dass das Leben in jedem Augenblick einen Vorgang des Sterbens und der Erneuerung darstellt. Denn sonst lebt man nicht voll. Sonst verharrt man nur in einem Geisteszustand auf bekanntem Gebiet, und das bedeutet Routine und Langeweile. Man lebt nur dann voll, wenn man bewusst und intelligent für alles, was man gewesen ist, für alles von gestern sterben kann. Erst dann ändert sich das Problem des Todes vollkommen. Vielleicht besteht es überhaupt nicht mehr. Vielleicht gibt es einen Geisteszustand ohne Zeitbegriff. Zeit besteht nur, wenn man sich mit dem Bekannten identifiziert. Und solange der Sinn mit Bekanntem beladen ist, fürchtet man sich vor dem Unbekannten. Was man auch tun mag, welche Glaubenssätze, Dogmen oder Hoffnungen man hegt, – alles ist auf Furcht begründet. Und solche Furcht zerstört das Leben.