Hamburg 1956, Rede 6, Teil 1

Es kommt mir so vor, als ob die ganze Welt danach strebt, den menschlichen Geist zu beeinflussen. Die Welt, die wir geschaffen haben, die psychologische Welt unserer Beziehungen, die Welt, in der wir leben, – wir haben sie zu dem gemacht, was sie ist; und nun will sie ihrerseits uns beherrschen, unser psychologisches Wesen, unser Denken und Handeln formen. Man kann beobachten, wie alle Organisationen hinter dem Menschen her sind: sie alle wollen seinen Geist einfangen, ihn bilden und nach einem bestimmten Muster formen. Die Autoritäten – und nicht nur die kommunistischen, die den Menschen so krass in jeder Hinsicht einengen, sondern auch die organisierten Religionen in der ganzen Welt – trachten seit Jahrhunderten danach, alles menschliche Denken in eine Form zu gießen. Jede Gruppe, sei sie religiös, weltlich oder politisch, versucht, den Menschen im Rahmen dessen zu halten, was ihre Bücher, ihre Führer oder ein paar Machthaber für ihn für richtig halten. Sie glauben, dass sie die Zukunft kennen, und sie glauben auch zu wissen, was am Ende gut für ihn sei. Die Geistlichen, Machthaber der so genannt religiösen Autorität, ebenso wie die der weltlichen Autorität, — sei es nun in Moskau, Rom, in Amerika oder woanders, – streben alle nach der Kontrolle über das menschliche Denken, nicht wahr? Und wir sind irgendwie begierig, alles anzunehmen und uns willig zu fügen. Es gibt nur sehr wenige, die den Klauen der organisierten Kontrolle über den Menschen und sein Denken zu entrinnen vermögen.

Es erscheint mir indessen keine Lösung für die Verwicklungen unseres Lebens, unseres elenden, katastrophalen Daseins zu sein, wenn wir uns nur von einem Schema – sei es dem der Linken oder der Rechten oder einem religiösen – losmachen und versuchen, unsere eigene Schablone an dessen Stelle zu setzen. Ich glaube, die grundlegende Lösung liegt woanders. Wir sind alle auf der Suche, – tastend und blind treten wir Organisationen und Gruppen bei, schließen uns Gesellschaften an, folgen Führern oder suchen nach einem Meister in Indien, – immer in der Hoffnung, uns von unserem engen, begrenzten Dasein loszureißen, doch stets innerhalb eines Schemas gefangen. Niemals scheinen wir uns von der Schablone zu entfernen, – der auferlegten oder der selbst-geschaffenen, der eines Führers oder einer Religion. Wir nehmen jede Autorität blindlings an und hoffen, irgendwie durch die Dunkelheit unseres eigenen Strebens, unserer Kämpfe und Leiden hindurchzubrechen. Aber kein Führer, keine Autorität kann den Menschen je befreien. Ich glaube, die Geschichte hat es bewiesen; und Sie wissen es hier in diesem Lande nur zu gut, vielleicht besser als alle andern.

Wenn also eine neue Welt geboren werden soll, – was geschehen muss, – scheint es mir außerordentlich wichtig, dass man das Problem ›Autorität‹ voll zu verstehen sucht. Autorität wird von außen durch die Gesellschaft, durch Gesetze oder eine Gruppe von Menschen auferlegt; sie glauben zu wissen, was für die Menschheit gut sei, und versuchen, sie durch jegliche Form von Zwang einschließlich der Folter zur Anpassung an ihr Schema zu treiben. Wir folgen solchen Menschen so leicht, weil wir in unserem eigenen Dasein unsicher und verwirrt sind, weil wir eitel und arrogant sind und nach der Macht streben, die sie uns anbieten. Wie kann man sich aber von all dem losreißen? Ich fühle, dass es nötig ist. Können wir uns in unserem Innern von aller Autorität befreien? Vielleicht hat man schon die Autorität anderer abgelegt, hält aber unglücklicherweise an der Autorität seiner eigenen Erfahrungen, seines Wissens und Denkens fest und lässt sich von ihr leiten; doch im Grunde ist alles dasselbe. Solange man den Wunsch hat zu folgen, nachzuahmen oder sich anzupassen, und hofft, dadurch etwas zu erreichen, werden Elend und Kampf, Unterdrückung und Vereitlung unseres Strebens bestehen bleiben. Ich glaube nicht, dass wir uns klar genug über die Notwendigkeit sind, alle Autorität, allen Zwang zur Gefolgschaft innerlich wie äußerlich ablegen zu müssen. Und ich halte es für äußerst wichtig, es psychologisch, das heißt von innen her, zu verstehen. Denn in der Welt, in der wir leben, unser Dasein führen und kämpfen, werden wir niemals das andere, Größere finden. Ohne Zweifel müssen wir uns von dieser Welt losmachen, wenn wir eine vollkommen andere Welt finden wollen. Und das bedeutet einen wirklich grundlegenden Wandel in unserem Leben, in unserer Handlungs- und Denkweise wie in unserem Gefühlsleben. Doch wir kümmern uns so gar nicht um unser Denken, Fühlen und Handeln. Wir interessieren uns nur dafür, was wir glauben oder nicht glauben, wem wir folgen oder nicht folgen sollen, ob unsere Gesellschaft oder politische Partei die rechte sei und mehr Unsinn dieser Art. Niemals sind wir tief in unserm Innern mit einer grundlegenden Änderung unseres Lebenswandels, unseres täglichen Lebens, unserer Redeweise oder der Empfindsamkeit unseres Denkens in Bezug auf andere beschäftigt; das alles berührt uns nicht. Wir pflegen unseren Intellekt und haben ungeheures Wissen; aber innerlich bleiben wir uns gleich: ehrgeizig, grausam, gewalttätig, neidisch, in der ganzen Kleinlichkeit, deren unser Sinn fähig ist. Können wir uns davon freimachen, wenn wir es erkennen? Ich glaube, das ist das einzig wirkliche Problem. Und ich glaube auch, dass wir, wenn wir uns von unserem kleinlichen Geist befreien, die wahren Lösungen für unsere wirtschaftlichen, sozialen wie alle anderen Probleme finden werden.