Hamburg 1956, Rede 6, Teil 2

Mir erscheint es so über die Maßen unreif, wenn man ohne Verständnis, ohne tiefes und wesentliches Erforschen seiner kleinlichen Gesinnung, seines oberflächlichen und beschränkten Denkens und Fühlens nur Gesellschaften beitritt und Führern nachfolgt, die bessere Gesundheit, bessere wirtschaftliche Bedingungen und so weiter versprechen; denn innerlich bleibt man sich gleich, – voller Ängste, die vielleicht abgewandelt oder auf eine andere Ebene verschoben werden, aber immer Ängste bleiben; voller Hemmungen und selbstsüchtiger Handlungen. So werden wir immer innerlich arm bleiben, bis wir das andern, auch wenn wir sozialen Wohlstand, die allerbeste Gesetzgebung und Ordnung, einen Wohlfahrtsstaat und alles mögliche andere einführen.

Wie kann sich unser Sinn hiervon befreien? Ich weiß nicht, ob Sie je darüber nachgedacht haben und ob es überhaupt ein Problem für Sie ist. Vielleicht interessieren wir uns nur für bessere Lebensbedingungen, eine bessere Ordnung, für Umgestaltung, nicht aber für den grundlegenden, radikalen Wandel im Denken des Menschen. Der Kernpunkt des Problems scheint mir darin zu liegen, ob die wesentliche Änderung durch äußere Umstände, durch äußerlichen Zwang oder aus einer vollkommen anderen Richtung kommt. Wenn wir uns auf Zwang von außen, auf eine soziale Ordnung infolge von Erziehung und angesammeltem Wissen verlassen, wird unser Leben weiter oberflächlich bleiben. Dann werden wir zwar über sehr viele Dinge eine Menge erfahren, werden alle möglichen Autoritäten anführen und uns sehr gelehrt ausdrücken können, doch wir werden oberflächlich bleiben und weiter Schmerz, tiefe Not, große Furcht und Unsicherheit in uns tragen. Bei dem Druck und Einfluss von außen gibt es keinen grundlegenden Wandel; er kann nur aus einer ganz anderen Richtung kommen.

Hierüber möchte ich jetzt noch einmal kurz sprechen; denn in meinen anderen fünf Vorträgen habe ich bereits sehr viel darüber gesagt. Mir scheint es das einzige Problem zu sein. Da wir so verwirrt, beschränkt und kleinlich sind, muss all unser Denken und Handeln wie unser Begriff von Wahrheit, Gott, Schönheit oder Liebe notgedrungen auch kleinlich, verworren und beschränkt sein. Ein verwirrter Mensch kann nur in verworrenen Begriffen denken. Ein kleinlicher Sinn kann sich niemals vorstellen, was Gott oder Wahrheit ist; trotzdem beschäftigt er sich damit. Daher halte ich es für so wichtig zu untersuchen, ob man sich ohne jeden Zwang, ohne Beweggrund umformen kann; denn im Augenblick, da Zwang eintritt, ist man bereits dabei, sich anzupassen. Jeder Antrieb zu einer Wandlung ist aber selbst-ersonnen, und damit wird die Veränderung ein Ergebnis selbstsüchtigen Handelns.

Ich bin der Ansicht, dass hier das wirkliche, fundamentale Problem liegt, das man anpacken und bis ins Letzte verfolgen muss, – nicht aber den Unsinn, wem man folgen solle, wer der beste Führer sei und so weiter.

Die Frage ist die: kann man ohne jeden Zwang oder Antrieb einen Wandel in seinem Sinn herbeiführen? Da jeder Beweggrund notwendigerweise das Ergebnis eines selbstsüchtigen Verlangens darstellt, ist er selbst-einschließend und wird den Geist weder befreien noch umwandeln. Kann man sich von allem Einfluss und Antrieb losreißen? Und ist nicht der Vorgang des Sich-Loslösens bereits Umwandlung? Können Sie dem folgen, was ich sage? Sehen Sie, wir müssen unsere Welt aufgeben, wenn wir eine andere finden wollen. Wir müssen die Welt voller Autorität, Macht, Einfluss, Beschränkung, Furcht, Ehrgeiz und Neid fahren lassen, sie muss in uns absterben. Unsere Welt, in der wir gefangen sind, muss ohne Zwang und ohne Beweggrund von uns gehen; denn jede Motivierung wäre nichts als Umformung desselben Etwas.

Ich glaube, das bloße Betrachten, das bloße Verstehen des Problems an sich bringt die Antwort. Denn wenn ich mir sage: ich bin als menschliches Wesen ein Ergebnis von zahllosen Einflüssen, gesellschaftlichen Vorschriften und religiösen Eindrücken, dann erkenne ich, dass trotz meines Strebens nach einer höheren Wirklichkeit als der, die man mich gelehrt hat, mein Suchen auf nichts anderem als meinem zwangsläufigen Wissen begründet und daher durch meine Erziehung und die Einflüsse meiner Umgebung bedingt ist. Kann ich je frei von dem allen werden? Ich kann es nur, wenn ich meine Bedingtheit kenne; das heißt, wenn ich weiß, dass ich eigentlich nicht ein menschliches Wesen bin, sondern ein Hindu, ein Katholik, ein Deutscher, Protestant, Kommunist oder Sozialist; mit einer solchen Aufschrift werde ich geboren, und sie bleibt an mir haften bis an mein Lebensende. Ich werde in eine Religion hineingeboren, sterbe in ihr und glaube, ich habe Gott oder die Wirklichkeit verstanden; während tatsächlich nichts anderes als die Bedingtheit meines Geistes oder die Aufschrift übrig geblieben ist. Wäre es nun denkbar, dass ich als menschliches Wesen all das ablege, und zwar ohne jeden Zwang?