Hamburg 1956, Rede 6, Teil 3

Meiner Ansicht nach ist es sehr wichtig zu verstehen, dass jede Anstrengung, die man macht, um von seiner Bedingtheit frei zu werden, nur eine andere Form von Bedingtheit ist. Wenn ich versuche, mich vom Hinduismus, Buddhismus, Kommunismus oder was es auch sei, zu befreien, tue ich es in der Absicht, ein Ergebnis, einen anderen Status zu erlangen; daher wird mein Beweggrund die Veränderung bedingen. Ich muss also meine Bedingtheit erkennen und darf nichts mehr tun. Und das ist sehr schwer. Wenn ich indessen weiß, dass ich kleinlich, beschränkt und verwirrt bin, sehe ich auch, dass alle Veränderung auf dem Gebiet der Verwirrung liegt, und dass jede Anstrengung oder Handlung nur noch mehr Verwirrung zur Folge haben muss.

Ich hoffe, dass ich mich hier deutlich ausdrücke. Wenn man voller Verwirrung ist, – und die meisten Menschen sind es, – wird alles Denken, Handeln und Wählen, einschließlich der Wahl eines Führers, auch verworren sein. Aber was geschieht, wenn man seine Verwirrung erkennt? Was geschieht, wenn man weiß, wenn man sich dessen voll bewusst wird, dass jede Anstrengung aus Verwirrung heraus nur noch mehr Verwirrung bringen muss? Wenn man es sich grundlegend und tief klar macht, kann man einen ganz anderen Vorgang am Werke sehen: dann sieht man keine Anstrengung mehr, kein Verlangen nach Durchbruch, sondern das Wissen um die eigene Verwirrung und damit das Aufhören allen Denkens.

Ich fürchte, es wird sehr schwer verständlich sein; denn wir sind so fest davon überzeugt, dass wir mit unserem Denken, unserem Erklärungsvermögen, unserer Logik, unserer Urteilskraft, unserem gesunden Menschenverstand alle Probleme lösen können. Wir haben aber niemals unseren Denkvorgang an sich untersucht. Wir halten es für selbstverständlich, dass wir alle Probleme mit unserem Denken lösen werden, doch wir sind nie auf die Frage eingegangen, was unser Denken eigentlich ist. Solange ich Protestant, Katholik oder sonst etwas bin, muss sich mein Denken hierauf gründen und ist demgemäss bedingt; infolgedessen ist meine Antwort auf das Leben auch bedingt. Solange ich in nationalistischen Begriffen als Deutscher, Hindu und so weiter denke und meiner Tradition gemäß handle, muss meine bedingte, beschränkte, kleinliche nationalistische Gesinnung zur Absonderung, zu Elend, Hass und Krieg führen. Daher wird es nötig, dass wir uns einmal mit dem großen Problem des Denkens befassen.

Es gibt keine Freiheit beim Denken; alles Denken ist bedingt. Freiheit kommt erst, wenn ich begreife, dass mein Denken bedingt ist, und mich dadurch von meiner Bedingtheit befreie; das bedeutet aber, dass ich nicht mehr in Begriffen wie Katholik, Hindu, Buddhist, Deutscher und so weiter urteilen darf, sondern überhaupt nicht denke, mich rein beobachtend verhalte und sehr aufmerksam bin. Die wahre Revolution, glaube ich, liegt hier: in dem tief gehenden Verständnis, dass kein Denken unser Daseinsproblem lösen kann. Damit meine ich aber keineswegs, dass man nun gedankenlos werden sollte, – im Gegenteil! Will man seinen Denkvorgang verstehen, so darf man weder annehmen noch ablehnen, sondern muss angespannt nachforschen.

Wenn aber der Verstand seinen eigenen Denkvorgang erfasst, tritt eine grundlegende Revolution, eine wesentliche Veränderung ein, die nicht durch bewusste Anstrengung herbeigeführt ist. Es ist eher ein unbewusster Zustand, dem die radikale Wandlung entspringt. Doch die Umwandlung geschieht nicht in der Zeit. Man kann nicht zu sich selber sagen: »Sie wird am Ende schon kommen; ich muss daraufhin arbeiten, muss dies oder jenes tun.« Im Gegenteil, sobald man Zeit als einen Faktor der Veränderung einführt, tritt keine Veränderung ein.

Will man das Unermessliche begreifen, das, was nicht zu unserer Welt gehört, und was der Verstand nicht zusammengesetzt hat, – denn was er zusammensetzt, kann er auch wieder auflösen, – will man in eine ganz andere Welt eindringen, dann muss man zuerst die Welt begreifen, in der wir leben, die wir gestaltet haben und deren Teil wir sind, – die Welt voller Ehrgeiz, Gier, Neid, Absonderung, Begierde, Furcht und Hass. Das bedeutet aber, dass man sich selber in seinem Bewusstsein und in seinem Unterbewusstsein voll verstehen muss. Und das ist nicht so sehr schwer, wenn man erst einmal seinen Sinn darauf richtet. Will man wirklich sein Wesen ganz erforschen, so kann man leicht Entdeckungen machen. Es enthüllt sich in jedem Augenblick und in jeder Art von Beziehung, – wenn man den Autobus besteigt oder eine Taxe nimmt oder zu jemandem spricht. Man kann sehr leicht alles über sich selbst herausfinden, wenn man dem nachgeht.

Das interessiert jedoch die meisten Menschen nicht, weil sie sich ernsthaft darum bemühen und beharrlich untersuchen müssten. Und weil sie so oberflächlich sind, geben sie sich schnell mit Worten wie ›Gott‹, ›Liebe‹ und ›Schönheit‹ zufrieden. Sie nennen sich ›Christen‹, ›Deutsche‹ oder ›Hindus‹ und glauben, damit das ganze Problem gelöst zu haben. All das muss man abwerfen, fallen lassen; und man kann es nur, wenn man anfängt, sich wirklich tief zu erkennen. Nur mit dem Verstehen des eigenen Wesens kann man etwas entdecken, das jenseits aller Grenzen ist.

Es hat keinen Sinn, meine Worte lediglich zu wiederholen oder auswendig zu lernen. Was man wiederholt, hat keine Bedeutung; nur das, was man selber erlebt und direkt versteht. Wenn das nicht geschieht, wird die Welt weiter in Elend und Chaos, in Mühsal und Kummer bestehen bleiben.