Hamburg 1956, Rede 6, Frage 3

Frage: Ist es möglich, das Denken der Menschheit auf rechte Weise mit Meditation und angemessenen Gedanken zu beeinflussen?

Krishnamurti: Ich finde das Verlangen des Menschen, andere beeinflussen zu wollen, eins seiner merkwürdigsten Interessen. Sie tun es alle, nicht wahr? Sie versuchen, Ihren Sohn, Ihre Tochter, Ihren Mann, Ihre Frau, Ihre ganze Umgebung zu beeinflussen, weil Sie glauben, etwas zu wissen, was andere nicht wissen. Das ist eine Form von Eitelkeit.

Was wissen Sie denn? Was wissen Sie tatsächlich? Sehr wenig, nicht wahr? Sie mögen große Wissenschaftler sein, viel Tatsachenmaterial gesammelt haben, eine Menge wissen, was in Büchern über Philosophie, Psychologie und so weiter steht, – das ist aber nichts anderes als Gedächtnisgut. Was wissen Sie darüber hinaus? Und Sie wollen andere auf die rechte Weise beeinflussen! Das tun die Kommunisten auch; denn sie glauben, dass sie alles wissen. Sie legen die Weltgeschichte aus, – wie es die Kirche ebenfalls macht; sie alle wollen die Menschen beeinflussen. Das geschieht denn auch zur Genüge, – sie stecken sie in Konzentrationslager, stellen ihnen Fallen wie das Fegefeuer oder den Kirchenbann und so weiter, – und das soll dann ›Einfluss auf rechte Weise‹ sein! Diejenigen, die Einfluss ausüben, glauben auch zu wissen, was die rechte Weise sei. Alle haben Macht und die von Gott eingegebene Vision dessen, was wahr ist, – die die Kirche für sich beansprucht, ebenso wie die Kommunisten sie für sich in Anspruch nehmen. Und Sie wollen sich mit ›rechtem‹ Denken, wie Sie es nennen, ihnen anschließen!

Zuerst einmal: wissen Sie eigentlich, was Denken ist? Und gibt es überhaupt rechtes Denken, solange der menschliche Geist bedingt ist, solange man sich als Christ oder sonst etwas betrachtet? Die Idee der Beeinflussung anderer Menschen ist bestimmt grundfalsch. Nun könnten Sie mich fragen: »Was tun Sie hier?« Ich versichere Ihnen, dass ich Sie nicht zu beeinflussen suche. Ich zeige bestimmte, einleuchtende Dinge auf, über die Sie vielleicht noch nie nachgedacht haben, – alles weitere steht bei Ihnen. Denn wenn man nach Wahrheit sucht, gibt es weder guten noch schlechten Einfluss. Jede Beeinflussung muss aufhören, wenn man herausfinden will, was wahr ist. Es gibt weder gute noch schlechte Bedingtheit, nur Freiheit von aller Bedingtheit. Daher erscheint mir der Versuch, einen andern zu seinem Besten beeinflussen zu wollen, vollkommen unreif und falsch.

Die Frage enthält weiterhin noch das Problem der Meditation. Ich weiß nicht, ob Sie darauf eingehen wollen; es ist sehr kompliziert. Ehe man nicht erkennt, was Meditation ist, und wie man meditiert, hat das Leben keine Tiefe. Ohne Meditation entbehrt das Leben den Duft, Schönheit und Liebe. Meditation ist etwas Gewaltiges und

erfordert Wahrnehmung und tiefe Einsicht. Wir wissen und fühlen es gelegentlich. Wenn man sehr still in seinem Zimmer sitzt oder unter einem Baum oder in den blauen Himmel blickt, kann man ein Gefühl von Unermesslichkeit ohne Grenzen, ohne Vergleich, ohne Erkenntnis bekommen. Und das ist etwas ganz anderes als alles, was man je über Meditation gelernt hat. Vielleicht haben Sie ein paar indische Bücher gelesen, die alle darauf hinweisen, wie man meditieren soll, und deshalb wollen Sie nun die Technik lernen.

Aber gerade das Erlernen einer Technik zum Meditieren bedeutet das Verleugnen aller Meditation, denn sie ist etwas völlig anderes. Sie kann niemals das Ergebnis von Übung, Disziplin, Zwang oder Anpassung irgendwelcher Art sein. Wenn man sich jedoch bemüht, den Vorgang der Anpassung, des Zwanges oder seines Verlangens nach Leistung und Gewinn zu begreifen, dann wird das Verstehen dieses Vorgangs zu einem Teil der Meditation. Selbsterkenntnis ist der Anfang allen Meditierens, – das Wissen um die Wege seines eigenen Denkens und die Fähigkeit, einen Gedanken bis ans Ende zu verfolgen.

Es ist nicht so leicht, einen Gedanken bis an sein Ende zu verfolgen, weil andere Gedanken dauernd dazwischentreten; daher sagen wir, wir müssen lernen, uns zu konzentrieren. Konzentrieren ist aber nicht wichtig; jedes Kind kann es: gib ihm ein Spielzeug, und es konzentriert sich darauf. Jeder Geschäftsmann ist konzentriert, wenn er Geld verdienen will. Die Konzentration, die wir zum Meditieren nötig zu haben glauben, ist in Wirklichkeit nur eine Art Begrenzung, Ausschließung oder Einengung. Wenn man also die Frage stellt: »Wie soll ich meditieren?«, ist es nur wichtig, den Grund zu begreifen, warum man nach dem ›wie‹ fragt. Und wenn man sich hierein vertieft, wird man entdecken, dass es an sich schon Meditation ist.

Das ist aber nur der Anfang. Beim Meditieren gibt es keinen Denker mit seinem Denken, keinen Verfolger und nichts, was verfolgt wird. Es ist vielmehr ein Seinszustand ohne denjenigen, der etwas erlebt. Um aber so weit zu kommen, muss der Verstand wirklich seinen eigenen Denkvorgang voll erfassen. Denn wenn er ihn nicht versteht, wird er sich wiederum in einer seiner eigenen Vorstellungen, in einer selbst-erschaffenen Vision verfangen; und sich in einer Vision zu verfangen, ist nicht meditieren. Meditation ist der Vorgang, bei dem man sich selber versteht; es ist der Beginn. Selbsterkenntnis bringt Weisheit. Und während der Sinn anfängt, seinen eigenen Denkvorgang zu verstehen, wird er sehr ruhig, sehr still, ohne jedes Gefühl der Bewegung oder des Verlangens. Dann, in solchem Zustand, kann vielleicht etwas Unermessliches geboren werden.