Zwiespalt und Ausgleich – Teil 2

Der Zwiespalt in uns selbst führt also entweder zu weiterer Selbstexpansion oder zur Selbstzerstörung, dem Wahnsinn. Wir brauchen nur zu versuchen, etwas anderes darzustellen als wir sind, und schon ist der Widerspruch da. Angst vor dem, was ist, erzeugt die Illusion des Entgegengesetzten, und indem wir dieses Entgegengesetzte zu verwirklichen trachten, hoffen wir, die Angst loszuwerden. Betonung und Pflege eines Entgegengesetzten führt aber nie zu einem Ausgleich des Widerspruchs, sondern bewirkt nur seine Verschärfung. Ausgleich oder Synthese erwächst nun einmal nicht aus Widerstand, denn aller Widerstand vergrößert nur die Spannung zwischen den Gegensätzen. Die Gegensätze in uns selbst bewirken alle erdenklichen körperlichen und seelischen Reaktionen, zahme und gewalttätige, einwandfreie und gefährliche. Festigkeit nach außen trägt dazu bei, unsere innere Zwiespältigkeit zu verschärfen und uns den Blick dafür zu verdunkeln.

Das eindeutige Streben nach Erfüllung eines bestimmten Verlangens, eines besonderen Anliegens fordert den Widerstand des auf sich selbst bedachten Ichs heraus. Innerer Widerstand führt zu äußerem Konflikt, also deutet äußerer Konflikt auf inneren Zwiespalt hin. Ausgleich unserer inneren Gegensätze können wir nur finden, wenn wir innewerden, wie es um unser Wünschen und Begehren bestellt ist. Dieser Ausgleich darf sich nicht auf die obersten, bewussten Schichten unseres Geistes beschränken, er ist weder in einer Schule zu erlernen, noch stellt er sich ein, wenn wir uns Wissen aneignen oder uns in Selbstaufopferung üben. Ausgleich allein macht uns frei von bedingungslosem Jasagen zur Umwelt und von innerem Widerspruch. Aber dieser Ausgleich besteht nicht darin, dass wir alle unsere Wünsche und vielfältigen Interessen unter einen Hut bringen, er bedeutet auch nicht Anpassung an irgendeine, noch so hochstehende und kluge Norm. Wir können ihm nicht auf geradem Wege, also gewissermaßen positiv, näherkommen, sondern nur mittelbar, das heißt von der negativen Seite her. Sich auch nur eine Vorstellung von diesem Ausgleich zu bilden, heißt schon eine Norm anerkennen, die nur Torheiten und Unheil verursacht. Den Ausgleich anstreben, heißt ihn zum Ideal, zum selbstvorgestellten Ziel erheben. Da alle Ideale der eigenen Vorstellung entspringen, fuhren sie samt und sonders unweigerlich Zwietracht und Feindschaft herbei.

Alles, was sich das Ich vorstellen kann, muss seiner eigenen Natur entstammen und daher zwiespältig und verwirrend sein. Ausgleich ist keine Idee, keine Reaktion der Erinnerung und kann daher auch nicht von uns geübt und gefördert werden. Das Verlangen nach Ausgleich hat seine Ursache in unserem inneren Zwiespalt, aber indem wir den Ausgleich üben, kommen wir nicht aus dem Zwiespalt heraus. Wir können ihn vor uns selbst verbergen oder verleugnen, wir sind seiner vielleicht nicht einmal bewusst, dennoch ist er da und wartet nur darauf, offen auszubrechen.

Was uns also vor allem angeht, ist der Zwiespalt selbst und nicht sein Ausgleich. Der Ausgleich ist wie der Friede ein Nebenprodukt und nicht etwa Selbstzweck, er ist nur ein notwendiges Endergebnis und daher von zweitrangiger Bedeutung. Wenn wir das Wesen des Zwiespalts begreifen und seiner innewerden, erreichen wir nicht nur Ausgleich und Frieden, sondern etwas unendlich viel Größeres. Zwiespalt kann weder unterdrückt noch sublimiert werden, er gibt auch kein Surrogat dafür. Zwiespalt entsteht durch unser Verlangen, Begonnenes fortzusetzen, mehr zu werden – womit natürlich nicht dessen Gegenteil, einer faulen Zufriedenheit, das Wort geredet werden soll. ›Mehr‹ ist der ständige Schrei des Ichs, ›mehr‹ ist das Verlangen nach immer neuen Reizen und Eindrücken, mögen sie aus der Vergangenheit stammen oder in die Zukunft weisen. Eindrücke schlagen sich als Gedanken nieder, darum ist Denken kein geeignetes Werkzeug, um unseres inneren Zwiespalts innezuwerden.

Dieses Innewerden vollzieht sich nicht in Worten, es ist keine Verstandestätigkeit und darum auch keine Sache der Erfahrung. Erfahrung ist Erinnerung, und ohne Worte, Gleichnisse oder Bilder ist keine Erinnerung möglich. Wir mögen Bände über den inneren Zwiespalt lesen – mit dem Innewerden dieses Zwiespalts hat das nichts zu tun. Wenn man seiner wahrhaftig innewerden will, darf sich das Denken nicht einmischen, Innewerden ist ein Aufgeschlossensein, ein Gewahrwerden ohne Gedanken und ohne den Denker. Der Denker ist immer auch der Wählende, der unwillkürlich für das Angenehme und Erfreuliche Partei nimmt und dadurch den Zwiespalt unterhält. Es mag ihm vielleicht gelingen, den einen oder anderen Zwiespalt aufzulösen, aber der Boden für den nächsten ist schon bereitet. Der Denker entschuldigt oder verdammt und verhindert damit das Innewerden. Wenn der Denker nicht beteiligt ist, wird der Zwiespalt unmittelbar erlebt, also nicht als Erlebnis eines Erlebenden. Im Zustand dieses Erlebens gibt es weder den Erlebenden noch ein Erlebnis, das sich bei ihm als Erfahrung niederschlagen könnte. Solches Erleben ist unmittelbar, das heißt wir stehen unmittelbar und nicht auf dem Umweg über die Erinnerung in Beziehung zum Erlebten. Nur diese unmittelbare Beziehung führt zum Innewerden. Wenn wir des inneren Zwiespalts innewerden, sind wir davon befreit, und mit dieser Freiheit vom Zwiespalt ist uns auch der Ausgleich geschenkt.