Genugtuung – Teil 2

Sie suchen also nach Genügen, nach Befriedigung und haben bisher noch nicht gefunden, was Sie suchen, nicht wahr? Könnte nicht dieses Verlangen nach Befriedigung schuld an Ihrer Unzufriedenheit sein? Suchen setzt voraus, dass man weiß, was man sucht. Sie sagen, Sie seien unzufrieden, und doch suchen Sie. Was Sie suchen, ist Befriedigung, und die haben Sie bis jetzt noch nicht gefunden. Sie wollen befriedigt sein, das heißt, dass Sie in Wirklichkeit nicht unzufrieden sind. Wären Sie wirklich mit allem und jedem unzufrieden, dann kämen Sie nämlich nicht auf den Gedanken, nach einem Ausweg aus diesem Zustand zu suchen. Ein Unzufriedener, der nach Genügen, nach Befriedigung sucht, findet das Gewünschte bald in Form einer neugewonnenen Beziehung zu persönlichem Eigentum, zu einem Menschen oder irgendeinem Ismus.

»Das habe ich alles schon ausprobiert, und doch bin ich bis auf den Grund meiner Seele unzufrieden.«

Diese äußeren Beziehungen werden Ihnen nicht das gegeben haben, was Sie suchten, vielleicht brauchen Sie eine Bindung seelischer Art, um volle Befriedigung zu finden.

»Auch damit habe ich es schon versucht, aber es hat mir nichts geholfen.«

Dann frage ich mich, ob Sie wirklich unzufrieden sind. Wären Sie nämlich mit sich und der Welt so gründlich unzufrieden, wie Sie sagen, dann würden Sie doch nicht immerzu nach allen möglichen Richtungen vorstoßen, um diesen Zustand zu ändern. Wenn Sie unglücklich darüber wären, überhaupt in einem Zimmer wohnen zu müssen, dann läge es Ihnen fern, nach einem größeren Zimmer mit besseren Möbeln zu suchen. Und doch ist dieses Suchen nach einem besseren Zimmer genau das, was Sie Unzufriedenheit nennen. Sie sind also nicht etwa mit allen Zimmern unzufrieden, sondern nur mit dem einen, in dem Sie sich eben befinden und aus dem Sie heraus möchten. Ihre Unzufriedenheit kommt nur daher, dass Sie das Leben bis jetzt nicht voll befriedigen konnte. Was Sie wirklich suchen, ist freudige Genugtuung, ist Selbstzufriedenheit. Dieses Verlangen lässt Ihnen keine Ruhe, ihm zuliebe nehmen Sie bald dies, bald jenes auf und lassen es wieder fallen, immer urteilend, vergleichend, abwägend und wieder und wieder ablehnend. Dass Sie mit dem negativen Ergebnis unzufrieden sind, ist klar. Meinen Sie nicht, dass es sich so verhält?

»So betrachtet, möchte es fast scheinen, als hätten Sie recht.«

Sie sind also in der Tat nicht unzufrieden, es war Ihnen bisher nur nicht gegönnt, etwas zu finden, das Sie vollständig und dauernd befriedigen könnte. Was Sie brauchen, ist wirkliches und vollkommenes Genügen, eine tiefe innere Zufriedenheit, die nicht so leicht zu erschüttern ist und auch der Zeit standhält.

»Ich möchte doch den Menschen helfen, aber meine Unzufriedenheit ist mir dabei im Wege. Sie hindert mich daran, mich dieser Aufgabe voll und ganz zu widmen.«

Ihr Ziel ist, zu helfen und darin volle Genugtuung zu finden. In Wahrheit kommt es Ihnen dabei nicht auf das Helfen, sondern auf die Genugtuung an. Sie finden Genugtuung im Helfen, ein anderer in irgendeinem Ismus, ein Dritter in seiner Trunk- oder sonstigen Sucht. Was Sie suchen, ist also nur eine restlos befriedigende Droge, die Sie im Augenblick im ›Helfen‹ gefunden zu haben glauben. Indem Sie sich zum Helfen rüsten, setzen Sie etwas in Szene, das Ihnen volle innere Genugtuung verschaffen soll. Was Sie wirklich wollen, ist nie schwindende Zufriedenheit mit sich selbst.

Die meisten Unzufriedenen sind ja so leicht zufrieden zu stellen, ihre Unzufriedenheit lässt sich ohne viele Umstände einschläfern, sie ist rasch betäubt und zur Ruhe gebracht, so dass sie nicht mehr lästig wird. Nach außen hin haben Sie mit allen Ismen Schluss gemacht, aber in tiefster Seele suchen Sie immer noch etwas, woran Sie sich halten können. Sie sagen, Sie hätten alle persönlichen Beziehungen abgebrochen. Wahrscheinlich haben Sie in Ihren persönlichen Beziehungen auf die Dauer keine rechte Befriedigung gefunden, und das ist für Sie der Grund, es nun mit einer Idee zu versuchen, die ja immer ein Kind der eigenen Vorstellung ist. Jetzt erhebt sich die Frage, ob Sie bei Ihrer ständigen Suche nach einer Beziehung, die Ihnen volle Befriedigung verspricht, bei Ihrem Umherirren nach einem sicheren Schlupfwinkel, der Ihnen vor allen Stürmen Schutz bieten könnte, ob Sie bei diesen Unternehmungen nicht gerade dessen verlustig gehen, was Ihnen allein Zufriedenheit von Bestand gewährleisten könnte. ›Zufriedenheit‹ ist vielleicht kein schönes Wort, aber die echte, gültige Zufriedenheit ist wahrlich alles andere als stagnieren, als gleichgültig, träge und gefühllos sein. Zufriedenheit ist das Innewerden dessen, was ist, und das, was ist, ist niemals statisch, sondern immer in Bewegung.

Mit dem Innewerden dessen, was ist, überkommt uns unerschöpfliche Liebe, Wärme und Demut. Vielleicht ist das Ihr Wunschtraum, das Ziel Ihres Suchens, aber dies ist kein Ziel, das man suchen und finden könnte. Unternehmen Sie, was Sie wollen, Sie werden es niemals finden. Es ist da, wenn alles Suchen sein Ende gefunden hat. Suchen können Sie nur nach dem, was Sie kennen, nach dem, was Ihnen mehr Genugtuung verspricht. Suchen und Schauen sind zwei ganz verschiedene Vorgänge, das eine bindet, das andere führt zum Innewerden, zur Einsicht. Suchen hat immer ein Ziel vor Augen und bindet an dieses Ziel, passive Schau erlaubt uns, von Augenblick zu Augenblick dessen innezuwerden, was ist. Was ist, das endet und beginnt von Augenblick zu Augenblick, Suchen aber dauert und findet kein Ende. Durch Suchen lässt sich das Neue niemals finden, da ohne Enden nichts Neues werden kann. Das Neue ist das Unerschöpfliche. Nur die Liebe macht alles immer wieder neu.