Erziehung und Einheitlichkeit – Teil 2

»Was verstehen Sie unter einem einheitlichen menschlichen Wesen?«

Man muss sich dieser Frage auf negative oder indirekte Weise nähern, denn sie lässt sich nicht positiv beantworten.

»Ich verstehe nicht, was Sie damit meinen.«

Mit der positiven Aussage, was ein einheitlicher Mensch sei, würde man nur ein neues Schema, ein Muster oder Beispiel zur Nachahmung schaffen, und ist das Nachahmen eines Musters nicht ein Zeichen des Verfalls? Können wir einheitlich werden, wenn wir versuchen, einem Beispiel zu folgen? Nachahmung ist doch ein Vorgang der Zersetzung – was man überall in der Welt beobachten kann. Wir sind alle auf dem Wege, sehr gute Grammophonplatten zu werden: wir wiederholen, was die sogenannten Religionen uns gelehrt haben, oder was der neuste politische, wirtschaftliche oder religiöse Führer gesagt hat. Wir halten an unseren Ideologien fest und gehen zu politischen Massenversammlungen; wir haben sportliche Massenvergnügen, Massenverehrung und Massenhypnose. Ist das ein Zeichen von Einheitlichkeit? Das Sich-Anpassen ist doch kein Einheitlich-Werden, nicht wahr?

»Das führt zu der grundlegenden Frage der Disziplin. Sind Sie gegen Disziplin?«

Was verstehen Sie unter Disziplin?

»Es gibt die verschiedensten Formen von Disziplin, die der Schule, des Bürgers, der Partei, der Gesellschaft, der Religion und die selbst auferlegte. Disziplin kann einer inneren oder äußeren Autorität folgen.«

Im Grunde schließt Disziplin eine Art Anpassung ein, nicht wahr? Anpassung an ein Ideal oder eine Autorität bildet aber Widerstand aus, der notwendigerweise zur Opposition führen muss. Widerstand ist Opposition. Disziplin ist also ein Isolierungsvorgang, bei dem man sich als Einzelner oder innerhalb einer Gruppe absondert. Nachahmung ist eine Form von Widerstand, nicht wahr?

»Glauben Sie, dass Disziplin dem Einheitlich-Werden im Wege steht? Was würde in einer Schule geschehen, wo keine Disziplin herrschte?«

Ist es nicht wichtiger, die wesentliche Bedeutung der Disziplin zu erfassen, als voreilige Schlüsse zu ziehen oder Beispiele anzuführen? Wir versuchen, hier zu erkennen, welche Faktoren Auflösung herbeiführen, oder was der Einheitlichkeit im Wege steht. Ist nicht Disziplin im Sinne von Anpassung, Widerstand, Opposition oder Konflikt ein solcher Faktor? Warum wollen wir uns immer angleichen? Doch nicht nur aus Gründen rein körperlicher Sicherheit, sondern auch zu unserm psychologischen Wohlbefinden und Behagen. Bewusst oder unbewusst treibt uns die Angst vor Ungewissheit zu äußerer und innerer Anpassung. Wir alle brauchen ein bestimmtes Maß physischer Sicherheit, doch unsere Furcht vor psychologischer Ungewissheit macht physische Sicherheit unmöglich, außer vielleicht für einige wenige. Furcht ist die Grundlage aller Disziplin: Furcht davor, keinen Erfolg zu haben, bestraft zu werden, zu verlieren und so weiter. Disziplin bedeutet Nachahmung, Unterdrückung, Widerstand, und ob sie nun bewusst oder unbewusst angewandt wird, sie bleibt das Ergebnis von Furcht; und ist Furcht nicht ein zersetzender Faktor?

»Womit wollen Sie Disziplin ersetzen? Ohne Disziplin würde noch größeres Chaos als jetzt herrschen. Ist eine gewisse Disziplin nicht zum Handeln nötig?«

Intelligenz beginnt, wenn man das Falsche als falsch erkennt, wenn man das Wahre im Falschen und das Wahre als wahr sieht. Es ist keine Frage von Ersatz. Man kann Furcht nicht durch etwas anderes ersetzen – sie bleibt in jedem Falle bestehen. Auch wenn man seine Angst erfolgreich zudeckt und vor ihr davonläuft, ist sie immer noch da. Ersatz zu finden, hat keine Bedeutung, wohl aber, seine Furcht auszumerzen. Keine Disziplin kann jemals Freiheit von Furcht herbeiführen. Furcht muss beobachtet, erforscht und verstanden werden. Sie ist nichts Abstraktes, denn sie entsteht nur in Beziehung auf etwas, und eine solche Beziehung muss verstanden werden. Verstehen heißt aber, sich nicht zu widersetzen und nichts zu bekämpfen. Ist also Disziplin im weiteren und tieferen Sinne nicht auch ein zersetzender Faktor, und die Furcht mit ihren Folgeerscheinungen wie Nachahmung und Unterdrückung eine zersetzende Kraft?

»Wie kann man aber frei von Furcht werden? Wie kann in einer Klasse mit vielen Schülern ohne eine gewisse Disziplin – oder, wenn Sie vorziehen, Angst – Ordnung herrschen?«

Nur wenn die Schülerzahl sehr herabgesetzt wird und rechte Erziehung stattfindet. Das ist natürlich unmöglich, solange der Staat sich nur für ein Massenprodukt von Bürgern interessiert. Die herrschende Klasse zieht Massenerziehung vor und will keine Unzufriedenheit anfachen, denn dann könnte ihre Stellung bald unhaltbar werden. Der Staat kontrolliert die Erziehung, er tritt dazwischen und formt den Menschen für seine eigenen Zwecke, und zwar am leichtesten durch Furcht, Disziplin, Lohn und Strafe. Freiheit von Furcht ist etwas ganz anderes. Furcht will verstanden sein, ohne dass man ihr Widerstand leistet, sie unterdrückt oder sublimiert.

Das Problem der Auflösung oder Zersetzung ist recht verwickelt wie alle menschlichen Probleme. Ist Konflikt nicht auch ein zersetzender Faktor?

»Aber Konflikt ist doch wichtig, sonst würden wir ja stillstehen. Ohne Streben gäbe es keinen Fortschritt und keine Kultur. Ohne Streben oder Konflikt wären wir noch Barbaren.«

Vielleicht sind wir es noch. Warum ziehen wir immer so voreilige Schlüsse oder widersetzen uns einer neuen Anregung? Zweifellos sind wir Barbaren, wenn wir Tausende töten – für unser Vaterland oder irgendwelche Ideale. Es ist höchste Barbarei, ein menschliches Wesen zu töten. Aber lassen Sie uns mit dem fortfahren, wovon wir sprachen. Ist Konflikt nicht ein Zeichen von Zersetzung?