Erziehung und Einheitlichkeit – Teil 3

»Was verstehen Sie unter Konflikt?«

Konflikt in jeglicher Form: zwischen Mann und Frau, zwischen zwei Gruppen mit widerstreitenden Ideen, zwischen dem, was ist, und der Tradition, zwischen dem, was ist, und einem Ideal, dem, was ›sein sollte‹, der Zukunft. Konflikt ist Streit nach innen und außen. Heutzutage gibt es Konflikte auf allen Schichten unseres Daseins, den bewussten wie den unbewussten. Das Leben ist zu einer Folge von Konflikten geworden, zu einem wahren Schlachtfelde – und wozu? Bekommt man Verständnis durch Streit? Kann ich jemanden verstehen, wenn ich mich mit ihm streite? Zum Verständnis braucht man ein gewisses Maß von Frieden. Nur in Frieden und Glück kann Schöpfung stattfinden, nie aber bei Konflikt und Streit. Unablässig kämpfen wir zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte, zwischen These und Antithese. Wir nehmen Konflikte als unabänderlich hin, und das Unvermeidliche wird für uns zur Norm, zur Wahrheit – auch wenn es falsch sein mag. Kann man das, was ist, umwandeln, indem man sein Gegenteil bekämpft? Wenn ich etwas bin und darum kämpfe, etwas anderes zu werden – nämlich das Gegenteil –, ändere ich damit das, was ich bin? Ist die Antithese oder der Gegensatz nicht eine veränderte Projektion dessen, was ist? Alles trägt die Elemente seines eigenen Gegensatzes in sich,  nicht wahr?  Lässt sich das, was ist, durch Vergleichen erkennen? Ist nicht vielmehr jede Schlussfolgerung über das, was ist, ein Hindernis zum Verständnis? Will man irgendetwas begreifen, so muss man es beobachten, studieren; wie kann man es aber frei untersuchen, wenn man dafür oder dagegen eingenommen ist? Wenn man zum Beispiel seinen Sohn verstehen will, muss man ihn beobachten, ohne sich mit ihm zu identifizieren oder ihn zu verurteilen, denn solange man mit ihm in Konflikt steht, kann kein Verständnis erwachsen. Ist also Konflikt wesentlich für Verständnis?

»Gibt es nicht noch eine andere Art Konflikt, zum Beispiel den Kampf, etwas zu erlernen oder sich eine Technik zu eigen zu machen? Mitunter hat man eine intuitive Vorstellung von etwas, aber man muss es sich dann verdeutlichen, und das kann Kampf, Mühe und zuweilen Schmerz bedeuten.«

In gewissem Sinne ist das wahr, doch die Schöpfung selber wird zum Mittel. Mittel und Ziel sind nicht voneinander zu trennen, das Ziel richtet sich nach den Mitteln, die Ausdrucksform nach der Schöpfung. Der Stil formt sich nach dem, was man zu sagen hat, und hat man etwas zu sagen, so schafft eben das seinen eigenen Stil. Doch wenn man nur Techniker ist, entsteht kein wesentliches Problem.

Kann Konflikt je Verständnis auf irgendeinem Gebiet hervorrufen? Erzeugt die Anstrengung oder der Wille, positiv oder negativ etwas zu sein oder werden zu wollen, nicht eine fortlaufende Kette von Konflikten? Wird die Ursache eines Konflikts nicht zur Wirkung, und diese ihrerseits wieder zur Ursache? Es gibt keine Erlösung vom Konflikt, ehe man das, was ist, nicht verstanden hat. Man kann es aber nicht durch einen Schleier von Ideen begreifen, sondern muss unbefangen darauf zugehen. Weil das, was ist, nie stillsteht, darf unser Sinn an keinen Glauben, keine Erkenntnis, Ideologie oder Schlussfolgerung gebunden sein. Konflikt bewirkt gerade seiner Natur nach Trennung, wie jede Art Widerstand es tut; und Ausschluss oder Trennung ist ein zersetzender Faktor. Jede Form von Macht, sei es beim Einzelnen oder beim Staate, jede Anstrengung, mehr oder weniger zu werden,

ist ein Vorgang der Zersetzung. Alle Ideen, Glaubenssätze, Denksysteme schließen ab und trennen. Anstrengung und Konflikt können unter keinen Umständen Verständnis herbeiführen und werden daher für den Einzelnen wie für die Gesellschaft zur Verderbnis.

»Was ist aber nun Einheitlichkeit  Ich verstehe mehr oder weniger, welche Faktoren Zersetzung verursachen, das ist aber nur die negative Seite. Durch Verneinung kann man kaum zur Einheitlichkeit gelangen. Wenn ich auch weiß, was falsch ist, so bedeutet das noch nicht, dass ich weiß, was richtig ist.«

Wenn man das Falsche als falsch erkennt, ist ohne Zweifel das Wahre da. Wird man sich – nicht nur dem Wortlaut nach, sondern tief im Innern – der entartenden Umstände bewusst, so ist man einheitlich. Und ist das Einheitlich-Werden etwas Stillstehendes, das man gewinnen und abschließen kann? Geschlossenheit lässt sich nicht erreichen – Erreichen ist Sterben. Sie ist kein Ziel oder Ende, sondern ein Daseinszustand, etwas Lebendiges; und kann etwas Lebendiges je zu einem Ziel oder Zweck werden? Der Wunsch, ein zusammengeschlossenes, einheitliches Ganzes zu sein, ist genau wie jeder andere Wunsch eine Quelle von Konflikt. Sobald aber Konflikt aufhört, herrscht Geschlossenheit, Einheitlichkeit. Sie bedeutet einen Zustand vollkommener Aufmerksamkeit, der jedoch nie bei Anstrengung, Konflikt, Widerstand oder Konzentration eintreten kann. Konzentration ist ein Sich-Festlegen, man beginnt zu trennen und auszuschließen, und dabei kann man niemals ungeteilt aufmerksam sein. Ausschluss bedingt Einengung, und etwas Eingeengtes kann das vollständige Ganze nicht wahrnehmen. Völlige, ungeteilte Aufmerksamkeit ist unmöglich, solange man verurteilt, rechtfertigt, sich identifiziert oder seinen Sinn von Schlussfolgerungen, Theorien und Grübeleien beschatten lässt. Erst wenn man die Hindernisse versteht, kommt Freiheit. Für einen Gefangenen ist die Freiheit etwas Abstraktes. Doch passive Beobachtung kann alle Hindernisse aufdecken, und sobald man von ihnen frei wird, entsteht Einheitlichkeit.