Der Weg des Wissens – Teil 2

»Ich habe mit vielen Erziehern gesprochen, die der Meinung sind, dass eine genügend weite Verbreitung von Wissen den Hass des Menschen für seine Mitmenschen zerstreuen und die völlige Zerstörung der Welt verhindern könne. Ich glaube, die meisten ernsthaften Erzieher sind gerade daran interessiert.«

Obgleich wir heute soviel Wissen auf allen möglichen Gebieten besitzen, hat es immer noch nicht der Grausamkeit zwischen den Menschen ein Ende machen können, nicht einmal zwischen Mitgliedern derselben Gruppe, Nation oder Religion. Vielleicht macht uns Wissen nur blind gegen einen andern Faktor, in dem die wahre Lösung für all unsere Verwirrung und Not liegt.

»Was wäre das?«

In welcher Gesinnung stellen Sie die Frage? Ich könnte Ihnen mit soviel Worten eine Antwort geben, würde aber damit Ihrem ohnehin schon überbürdeten Verstande nur noch mehr Worte hinzufügen. Für die meisten Menschen bedeutet Wissen entweder das Ansammeln von Worten oder die Bestärkung ihrer eigenen Vorurteile und Glaubenssätze. Worte und Gedanken bilden das Gerüst, innerhalb dessen sich der Ich-Begriff bewegt. Je nach Erfahrung und Wissen kann der Ich-Begriff sich zusammenziehen oder ausdehnen, aber sein harter Kern bleibt bestehen, kein Wissen und keine Gelehrsamkeit können ihn je auflösen. Die freiwillige Auflösung dieses Kerns oder Ich-Begriffs bedeutet Revolution; doch alles Handeln aus dem sich selbst verewigenden Wissen muss zu mehr Elend und Zerstörung führen.

»Sie deuteten soeben an, dass es noch einen andern Umstand geben mag, der die wahre Lösung für alle unsere Nöte sein könne, und ich frage nun in allem Ernst, was es ist. Wenn ein solcher Faktor besteht, wenn man ihn kennen lernen und sein ganzes Leben danach einrichten könnte, würde vielleicht eine vollkommen neue Kultur entstehen.«

Unser Verstand kann ihn nicht suchen und unser Denken ihn nie finden. Sie wollen ihn kennen lernen und Ihr Leben danach einrichten. Aber ›Sie‹ mit Ihren Kenntnissen, Ängsten, Hoffnungen, Enttäuschungen und Illusionen können ihn unmöglich entdecken. Und wenn Sie ihn nicht entdecken, wird das bloße Erwerben von Wissen und Gelehrsamkeit nur wie eine Schranke dem Eintreten dieses neuen Zustandes im Wege stehen.

»Wenn Sie mich nicht führen wollen, werde ich selber suchen müssen; aber Sie sagen auch wieder, dass alles Suchen aufhören müsse.«

Würden Sie sich leiten lassen, so gäbe es kein Entdecken. Zum Entdecken gehört Freiheit, nicht Führung. Entdeckung ist keine Belohnung.

»Ich fürchte, das verstehe ich nicht ganz.«

Sie suchen Leitung, um etwas zu finden; doch wenn Sie sich leiten lassen, sind Sie nicht mehr frei, sondern werden zum Sklaven dessen, der etwas weiß. Wer uns seines Wissens versichert, ist bereits der Sklave dieses Wissens; während er selber doch auch frei sein muss, um etwas finden zu können. Finden geschieht von einem Augenblick zum andern, und alles Wissen ist dabei nur hinderlich.

»Würden Sie das bitte noch etwas näher erklären?«

Wissen gehört immer in die Vergangenheit. Was man weiß, liegt schon hinter einem, nicht wahr? Man kennt weder Gegenwart noch Zukunft. Es ist die Eigentümlichkeit des Wissens, stets die Vergangenheit zu bestärken. Was man entdecken mag, kann vielleicht etwas vollkommen Neues sein, aber unser Wissen, das nur Ansammlung aus der Vergangenheit ist, kann das Neue, Unbekannte niemals ergründen.

»Wollen Sie damit sagen, man müsse sich von allem Wissen freimachen, wenn man Gott, Liebe oder was es auch sei, finden will?«

Das Ich ist nichts als Vergangenheit oder die Fähigkeit, Dinge, Tugenden und Ideen anzusammeln. Denken ist das Ergebnis der Bedingtheit von gestern, und mit einem solchen Instrument versucht man, das Unerkennbare zu entdecken – das ist unmöglich. Wissen muss aufhören, ehe das andere entstehen kann.

»Wie kann man aber sein Denken von allem Wissen entblößen?«

Es gibt kein ›Wie‹. Das Ausführen einer Methode macht das Denken nur noch abhängiger, denn dann bekommt man ein Ergebnis, anstatt einen Sinn, der frei von Wissen und frei vom Ich ist. Es gibt keinen Weg, nur das passive Erkennen der Wahrheit in Bezug auf alles Wissen.