Was ist Bewusstsein? – Teil 2

K: Wenn also jemand etwas Gemeines zu mir sagt, sage ich: »Ich bin verletzt«; das Denken sagt es nicht.

PJ: Wer sagt es? Wer sagt: »Ich bin verletzt?«

K: Das Konstrukt, das vom Denken als ›Ich‹ erschaffen wurde. Nehmen wir beispielsweise an, X nennt mich einen Trottel. Nun bin ich tatsächlich ein Trottel, aber ich weiß es nicht. Ich bin davon überzeugt, dass ich furchtbar intelligent bin. Aber dann kommt X daher und sagt: »Sei nicht blöd, du bist bloß ein Idiot, du bist wirklich dumm.« Das gefällt mir natürlich nicht. Ich bin verletzt. Und wenn ich diese Verletzung untersuche, kommt natürlich das Denken ins Spiel. Ich entdecke, dass das Denken das ›Ich‹ geschaffen hat.

PJ: Ja.

K: Das Denken an sich ist sich also nie einer Verletzung bewusst. Das Denken denkt, dass ich verletzt bin. Das Denken denkt, dass das ›Ich‹ von ihm getrennt und etwas anderes ist. Das Denken glaubt das tatsächlich.

PJ: Ja, das Denken glaubt, dass es etwas anderes ist.

K: Das Denken glaubt, dass es etwas anderes ist, als das von ihm erschaffene Gebilde.

PJ: Das Gebilde, das verletzt ist.

K: Das verletzt ist, ja. Das Denken kann also nie des gesamten Bewusstseinsinhalts gewahr sein. Es kann nur Teilbereiche erfassen.

PJ: Was ist der gesamte Inhalt des Bewusstseins?

K: Wir werden es herausfinden. Wir haben angefangen über das Wort ›Bewusstsein‹ zu sprechen, und du hast das Wort ›Existenz‹ benutzt. Du sagtest, Bewusstsein sei dasselbe wie Existenz. Und ich sagte, dass das Wort ›Existenz‹ nicht die ganze Bedeutung wiedergibt. Ich suche also nach einem Wort, das Bewusstsein als etwas Umfassendes und Ganzes beschreibt. Verstehst du?

PJ: Bedeutet es Ganzheit? Kann man es in Zusammenhang mit Ganzheit bringen?

K: Ich glaube schon. Zunächst einmal: Was ist der Inhalt des Bewusstseins? Der Inhalt ist all das, was das Denken dort angehäuft hat. Richtig? 

PJ: Ja.

K: Das Denken kann, wenn es das Bewusstsein untersucht, nur Teile sehen. 

PJ: Ja.

K: Das Denken kann also grundsätzlich nicht das Bewusstsein in seiner Gesamtheit wahrnehmen oder erfassen. Das ist einfach.

PJ: Ja.

K: Wenn also jemand wie ich das Wort ›Bewusstsein‹ gebraucht – vielleicht falsch –, dann bezeichnet es das Leben als Ganzes, denn für mich bedeutet ›Bewusstsein‹ nicht nur mein Leben, dein Leben und das Leben von X, sondern auch das Leben der Tiere, der Bäume, es umfasst das Ganze, alles, was existiert.

PJ: Heute gebrauchst du das Wort ganz anders. 

K: Ja, ich weiß. Tut mir leid, ich entferne mich von dem, was ich bisher gesagt habe.

PJ: Ja. Im letzten Satz hast du gesagt, dass Bewusstsein das Leben als Ganzes bedeutet.

K: Es ist die Gesamtheit des Lebens.

PJ: Also schließt es auch das Insekt, den Vogel, das Blatt ein …?

K: Diese Wesen haben ihre Empfindungen, und ich habe meine – kannst du folgen? Ich glaube, dass Bewusstsein allumfassend und begrenzt ist, Pupul. 

PJ: Allumfassend und begrenzt?

K: Ja. Ich lote nur etwas aus. Was meinst du? Niemand fällt hier über mich her. Ich sage, dass das Bewusstsein … Ich werde jetzt nicht näher darauf eingehen.

PJ: Was du gerade gesagt hast, ist absolut neu, und ich möchte gerne darüber sprechen. Du hast doch immer gesagt, das Bewusstsein sei dasselbe wie sein Inhalt.

K: Ja.

PJ: Der Inhalt ist die Vergangenheit in Form von Erfahrung. Jetzt sagst du, dass das Bewusstsein allumfassend ist, dass es das ganze Leben umfasst. 

K: Ja.

PJ: Das unterscheidet sich aber völlig von meiner Lebenserfahrung.

K: Was meinst du mit ›meiner Lebenserfahrung‹? Einen Augenblick. Deine Lebenserfahrung ist die Erfahrung eines jeden Menschen. 

PJ: Ja, aber es gibt auch viele Aspekte, die sich unterscheiden. Es gibt viele Erfahrungen, die mir allein gehören. Aber du scheinst jetzt zu sagen, dass die Gesamtheit des Lebens …

K: Nein, es mag unterschiedliche Farben und Klänge geben, aber im Grunde ist es alles dasselbe. Es geht in die gleiche Richtung.

PJ: Du willst also sagen, dass das, was ›innen‹ ist, die menschlichen Erfahrungen sind?

K: Ja. Grenzen wir es so ein. Dein Leben ist das Leben des Menschen. Dein Leben ist das Leben der Menschheit. Richtig?

PJ: Ja.

K: Du unterscheidest dich also nicht grundsätzlich vom Rest der Menschheit. Vielleicht hast du eine andere Haarfarbe, ein anderes Gesicht, einen anderen Namen, aber von diesen Dingen spreche ich nicht. Grundsätzlich bist du die Menschheit, du bist der Rest der Menschheit.

PJ: Ja.

K: Dein Bewusstsein ist das Bewusstsein der Menschheit.

PJ: Ja, aber du hast etwas anderes gesagt, Krishnaji.

K: Einen Augenblick, ich komme noch darauf zurück. Die Menschheit durchlebt alle mögliche Mühsal und alle möglichen Schwierigkeiten. Jeder Mensch macht schreckliche Zeiten durch.

PJ: Ja.

K: Gilt das nicht auch für alles andere? Die Insekten, die Vögel, alle Tiere und Bäume – die gesamte Natur macht verschiedene chaotische Prozesse durch. Ich benutze das Wort ›Chaos‹ im Sinne von Unruhe und Störung.

PJ: Meinst du damit, Krishnaji, dass Bewusstsein gleichbedeutend mit dem gesamten Phänomen des Lebens ist?