Was ist Bewusstsein? – Teil 7

PJ: Aber wie kann ich das ›Andere‹ als gegeben annehmen?

K: Ich weiß es nicht. Ich nehme das ›Andere‹ nicht als gegeben an. Ich weiß nicht, was Ordnung ist. Wie kann ich wissen, was Ordnung ist, wenn ich in totaler Unordnung lebe? Ich kann Spekulationen anstellen, ich kann mir Vorstellungen machen, ich kann schlaue, wortreiche oder intellektuelle Theorien entwickeln, aber die sind in Wirklichkeit alle bedeutungslos. Von Bedeutung ist einzig und allein, dass jetzt Unordnung herrscht. Was muss also geschehen, um von dieser Dimension in eine vollkommen andere zu gelangen – eine Dimension, die keine Erfindung des Denkens ist? Das ist doch die Frage?

PJ: Ja, das ist die Frage. Aber unser Gespräch begann damit, dass wir jeden einzelnen Begriff, der auftauchte, definierten, damit wir uns ein klares Bild machen können.

K: Ja, ganz recht. Und jetzt haben wir ein ganz klares Bild – zumindest hoffe ich das. Also, wie sieht das [innere] Tun oder , um von dieser [Dimension] zur anderen zu gelangen? 

(Pause) 

Das ist ein uraltes Problem, Pupul, es ist nichts Neues. Und immer sagten sie: »Faste, bete, lebe keusch, gehe in die Kirche.« Die Menschen haben das getan, sie haben alles getan, aber es herrscht immer noch überall Unordnung. Was sollen wir also tun? 

Welcher Art ist das [innere] Tun oder Nicht-Tun, das diese Unordnung ganz und gar verneint? 

(Pause) 

Gibt es ein allumfassendes Verneinen oder ist es immer nur partiell? Kannst du mir folgen? Verneine ich zuerst die Bindung, dann die Eifersucht, dann alle Verletzungen und so weiter? Diese Vorgehensweise nimmt kein Ende, nicht wahr?

PJ: Ja.

K: Gibt es also ein totales Verneinen der Unordnung? 

(Pause)

F: Sie sprechen von einem Tun – aber dieses ›Tun‹ kann kein Vorgang sein, weil ein Vorgang mit Zeit verbunden ist.

K: Ja, ich weiß, ich habe dieses Wort einfach benutzt. Ich habe es benutzt – ich kann jedes Wort benutzen –, um auf ein Verneinen der Unordnung hinzuweisen, in dem kein Wunsch nach Ordnung mitspielt, das kein Bestreben in Richtung Ordnung beinhaltet. Verstehen Sie, was ich meine? Wird die Unordnung als Ganzes verneint? Kann man Unordnung vollkommen verneinen? 

F: Besteht das Tun darin, dass man vollkommen still bleibt oder ist?

K: Nein. Schauen Sie, ich befinde mich als Mensch im Zustand der Unordnung. Unordnung kann ich unterteilen. Hier herrscht Unordnung, dort herrscht Unordnung und so weiter. Und durch Verneinen eines Teils entsteht eine gewisse Ordnung. Aber das ist keine allumfassende Ordnung. Im Hafen ist Wasser, aber es ist nicht das Meer. Richtig?

F: Ja.

K: Es ist das gleiche Wasser, aber es ist trotzdem nicht das Meer. Ich kann also einzelne Teile verneinen, aber diese verschiedenen Akte des Verneinens umfassen nie das Ganze. Richtig? Ich frage also: Kann es ein vollständiges Verneinen der Unordnung geben? 

F: Aber Sie fragen, ob irgendein Tun dahin führen kann.

K: Nein, nein. Ich spreche von Verneinen und nicht vom Tun. Ich will es anders ausdrücken. Können Sie zunächst einmal sehen, dass teilweises Verneinen gar kein Verneinen ist?

F: Ja.

K: Gibt es ein Verneinen, das nicht partiell ist? Gibt es ein Verneinen des gesamten Inhalts des Bewusstseins, der Unordnung ist?

PJ: Das Verneinen der gesamten Unordnung ist ein Konzept. Die Gesamtheit der Unordnung ist bereits ein Konzept.

K: (widerspricht vehement) Das ist kein Konzept.

PJ: Doch, die Unordnung, wie sie in mir wirkt, schon.

K: Die Unordnung, wie sie in dir wirkt – ist dieses Wirken teilweise, bruchstückhaft?

PJ: Jede Unordnung, die sich zeigt, ist bruchstückhaft. Das heißt, nicht die Unordnung ist bruchstückhaft. Meine Art, mit ihr umzugehen, ist bruchstückhaft.

K: Bruchstückhaftes Verneinen schafft Unordnung. Bruchstückhaftes Verneinen ist Unordnung. Und ich habe mein Leben lang bruchstückhaft verneint.

Wir behaupten, dass teilweises Verneinen zur Unordnung beiträgt. Daraus ergibt sich die Frage: Gibt es überhaupt ein Verneinen, das nicht partiell ist und damit vollkommene Ordnung?

PJ: Das ›Andere‹, nämlich die vollkommene Ordnung, kann man sich nicht einmal vorstellen. Lassen wir das also beiseite. Sprechen wir lieber darüber, ob vollständiges Verneinen möglich ist, das heißt, ob man nicht-fragmentarisch verneinen kann.

K: In Ordnung, bleiben wir dabei, das reicht aus. Wenn der Geist, wenn das Denken, wenn der Intellekt – der selbst ein Fragment ist – sagt: »Ich verneine Unordnung«, dann herrscht immer noch Unordnung. Richtig? Denn das sind ja alles nur Bruchstücke. Der Intellekt, die Vernunft – das sind alles nur Bruchstücke. Welches [innere] Tun oder welche Untätigkeit sagt nun: »Absolut kein teilweises Verneinen mehr?« 

PJ: Du gebrauchst das Wort ›Untätigkeit‹. Bitte lass mich das genauer anschauen. Heißt das, dass man unfähig ist, untätig zu sein? Ist man unfähig, nichts dagegen zu tun?

K: Ja, darauf will ich hinaus. Wir haben alles was möglich ist getan, um das Bewusstsein aufzuräumen. Wir beten, wir fasten, wir betteln, wir folgen allem möglichen, wir opfern, wir entsagen. Wir sind ständig aktiv, um Ordnung zu schaffen. Richtig?

PJ: Ja.

K: Also ist jetzt die eigentliche Frage, ob es ein [inneres] Tun gibt, das Untätigkeit ist. Das ist nur möglich, wenn ich wirklich absolut und vollständig alles verneine.

Brockwood Park, Montag, 12. Juni 1978