Krishnamurtis Geist – Teil 5

PJ: Aber wenn Eifersucht hochkommt. Eifersucht ist etwas Materielles.

K: Ja, absolut.

PJ: Ich werde ihrer gewahr, aber es ist schon vorbei. Weißt du, ich kann nicht sehen, was schon vorüber ist.

K: Nein, du siehst, wie Eifersucht hochkommt und beobachtest sie dann. 

PJ: Das war mir schon immer ein Rätsel. Kann man den Zustand der Eifersucht wirklich im Entstehen beobachten? Denn in einem solchen Zustand würde die Eifersucht doch gar nicht aufkeimen.

K: Da ist Eifersucht. Das tatsächliche Geschehen der Eifersucht ist eine Reaktion, der du den Namen ›Eifersucht‹ gibst, und die Frage ist: Kann man diese Reaktion ohne den Beobachter beobachten, noch bevor man sie ›Eifersucht‹ nennt? Ist ein Beobachten möglich, bei dem es keinen Gegensatz gibt? Verstehst du, was ich sage? Kann man die Reaktion einfach ›sehen‹? Und mit diesem Wort ›Sehen‹ meine ich ein Beobachten ohne das Auge oder das Ohr.

PJ: Könntest du das bitte noch einmal sagen?

K: Das Beobachten des Entstehens dieser Reaktion – der Eifersucht in unserem Beispiel – ist das Hören ohne das physische Ohr, das Sehen ohne das physische Auge. Klingt das verrückt?

Pupul, wir müssen uns klar sein über das, was wir sagen. Wir sagen zunächst einmal, dass eine Frage gestellt wird und dass diese Frage wie ein Stein ist, den man in einen Teich wirft, einen absolut stillen Teich. Und nun sagen wir, dass das Werfen des Steins in den Teich nicht nur die Frage, sondern sogar die Antwort ist. Siehst du, Pupul, die Antwort zeigt sich auf Grund des Steins – denn sonst ist der Teich ja absolut still, nicht wahr? 

Wir sprechen nicht von der Flut, die zurückweicht und wieder hereinkommt, sondern vom Beobachten des ›Was-ist‹, ohne die Erinnerung an irgendetwas, das mit dem, ›was ist‹, verbunden ist. Das ist alles.

PJ: Du sagst, dass es weder ein optischer noch ein akustischer Vorgang ist.

K: Ja.

PJ: Und doch benutzt du das Wort ›Beobachten‹.

K: Ja, ich benutze das Wort in dem Sinne, dass beim Beobachten keine Erinnerung an das, was beobachtet wird, existiert. Es stimmt, was ich sage. Aber wir wollen langsam vorangehen. 

Beim Vorgang des Beobachtens existiert kein Zentrum, von dem aus etwas beobachtet wird – kein Zentrum in Form von Erinnerungen, Schlussfolgerungen, Verletzungen und so weiter. Man beobachtet also nicht von einem bestimmten Punkt aus, und man zieht während des Beobachtens keine Schlüsse, stellt keine Verbindung zu vergangenen Ereignissen her. Das heißt, dass dieses Sehen so still ist wie der Teich. Und die Frage oder das, ›was ist‹, ist eine Herausforderung. Die Herausforderung fällt in den Teich, der absolut still ist, und antwortet. Für mich ist das ganz klar, aber ich weiß nicht, ob ich es wirklich vermitteln kann.

PJ: Ich habe den Eindruck, dass du einige ganz neue Dinge gesagt hast.

K: Ganz richtig. Lass uns weitergehen. 

PJ: Du hast gerade darauf hingewiesen, dass die kleinen Wellen die Antwort sind. 

K: Ja, die kleinen Wellen sind die Antwort. Das ist ein sehr schönes Bild.

PJ: Ich habe dich beobachtet, und ich habe das Gefühl, dass du deinen eigenen Antworten genauso aufmerksam lauschst, wie du einer Frage lauschst, die dir gestellt wird. Lauschst du auch deiner eigenen Antwort?

K: Ja, ich höre sie mir an, um zu sehen, ob sie richtig ist.

PJ: Das sehe ich. Ich sehe, dass du deiner eigenen Antwort lauschst, so dass deine Antwort und das, was die andere Person sagt – soweit es das Zuhören ohne Ohr betrifft – auf gleicher Ebene sind.

K: Es ist wichtig, dass ich deine Frage verstehe. Bitte drücke es noch klarer aus.

PJ: Wenn jemand eine Antwort gibt, lauscht er normalerweise nie seiner eigenen Antwort.

K: Nein, er lauscht nie.

PJ: Er hört immer dem anderen zu. Er hört nie auf seine eigene Antwort. Das gilt zumindest für mich. Ich beobachte mich, und ich sehe, dass ich nicht meiner eigenen Antwort lausche. Ich höre meine Antwort erst später.

K: Wenn du einfach nur plauderst, hörst du nicht zu. Aber wenn du ein ernsthaftes Gespräch führst, hörst du dem Fragenden zu, und du lauschst. Weißt du, Pupul, es gibt eine Art des Zuhörens, bei der nicht ›ich‹ meinen Antworten zuhöre. Da ist nur Zuhören.

PJ: Ja, aber wenn du zuhörst und wenn das Gesagte nicht stimmt, dann entfernst du dich davon. Da ist eine totale Beweglichkeit, wenn ich so sagen darf. Bei dir gibt es kein Festhalten an einer Antwort. 

K: Weißt du, wenn der Kieselstein sehr leicht ist, erzeugt er nur ein paar Wellen. Aber wenn man einen Felsbrocken ins Wasser wirft, dann bringt er beim Eintauchen ins Wasser viele Wellen hervor. Wenn die Herausforderung groß ist, muss das Wasser viele aufeinander folgende Wellen bilden. Ist die Herausforderung aber sehr klein, entsteht nur ein Kräuseln. Die Aktivität des Zuhörens bezieht sich also nicht nur auf die Person, die die Frage stellt, die die Herausforderung stellt, sondern auch auf die Antwort. Es ist, mit anderen Worten gesagt, ein allumfassender Zustand des Zuhörens – ein Zuhören, das den Fragenden und den Antwortenden einschließt. Und, ja, wenn die Antwort nicht ganz so ist, wie sie sein sollte, ist es ganz natürlich, dass man sich von ihr entfernt. Weil du zuhörst, ziehst du dich davon zurück, und dadurch veränderst du die Bewegung. 

Ich habe also entdeckt, dass es kein Nach-innen-Schauen oder inneres Sehen gibt, es gibt nur Sehen.