Krishnamurtis Geist – Teil 7

PJ: Seit ungefähr fünfzig Jahren stellt man dir Fragen. Und inmitten der Befragung, die immer intensiver wird, sagst du plötzlich: »Ich sehe«. Meine Frage ist nun: Was lässt diese Einsicht entstehen, was ist es, das alles plötzlich klar werden lässt? 

K: Wie ich dir bereits sagte, höre ich zu; K hört zu. Jemand spricht, ich höre zu. Da ist nur Zuhören und plötzlich kommt aus dem Nichts …

PJ: Du sagst also, dass es direkt aus dem Akt des Zuhörens hervorgeht?

K: Ja. Denn für mich ist der Akt des Zuhörens das Wesentliche. Da findet das Hören der Frage statt – der Frage, die wie ein Kieselstein in einen stillen Teich geworfen wird. Es ist ganz einfach. 

PJ: Ist dieser Zustand derselbe wie bei einem Einzelgespräch oder wenn du auf dem Podium sitzt? 

K: Nein, nein. Wenn K auf dem Podium sitzt, ist es ganz anders. Und bei einem privaten Gespräch ist die andere Person das Problem, also diskutieren wir beide. Weißt du, es ist ein Unterschied …

Nein, nein, ich bin nicht sicher, ob es anders ist. Es ist einfach so, dass es da viel konzentrierter ist. Ja.

PJ: Ich würde das gerne gemeinsam mit dir untersuchen, denn das eine, was eine Person ganz klar sieht, wenn sie mit dir – mit K – ein Gespräch unter vier Augen hat, ist, dass sie oder er eigentlich überhaupt nichts sieht. 

K: Was? 

PJ: Wenn ich so sagen darf – für diejenigen von uns, die ein privates Gespräch mit dir führten, ist es so, als säßen sie einer vollkommenen Leere gegenüber. 

K: Ja.

PJ: Da ist nichts außer der Widerspiegelung des eigenen Selbst. Du wirfst genau das auf die betreffende Person zurück, was in ihrem Inneren vorhanden ist.

K: Ja. 

(Lange Pause) 

Jetzt bin ich einmal Pupul, und du bist K. Ich frage dich: Wie hast du diese außergewöhnliche Eigenschaft des Teichs erlangt? Das wäre meine Frage an dich. Wie hast du das erreicht, wie bist du dahin gekommen? Was ist seine Beschaffenheit? Wie kommt es, dass es dir geschehen ist und mir nicht. Sag mir, welche Dinge den Zustand des Teiches verhindern.

PJ: Bitte fahre fort, denn du bist der Einzige, der sowohl der Fragende als auch der Antwortende sein kann. Niemand sonst kann das beantworten.

K: Das tue ich gerade – antworten. Das macht großen Spaß …

Also, wie bin ich – Verzeihung, wie bist du – dahin gelangt? Du hast zunächst einmal keinerlei Vergleichsmöglichkeit, du kannst es nicht wahrnehmen. Du hast nicht einmal das Gefühl, dass du es ›hast‹ und ich nicht. Dass-du-es-hast-und-ich-nicht ist ja ein Vergleich. Also sagst du mir als Erstes: »Vergleiche nicht.« Und du fragst mich: »Kannst du absolut frei davon sein, zu vergleichen?« Das ist nun etwas Neues für mich, eine Aussage, die ich nicht ganz verstehe. Also erwidere ich: »Ich habe mein Leben lang verglichen, und jetzt forderst du mich auf, alles zu verwerfen, was ich durch vergleichen gelernt habe.« Du erklärst mir, dass der Kampf, der Schmerz, der Neid, die Eifersucht, der Ehrgeiz – dass all das – total verschwinden muss, aufgelöst werden muss. Und du sagst außerdem zu mir: »Nimm dir keine Zeit dafür. Sag nicht ›Ich tu es morgen‹, denn dann wird es nie passieren. Es muss unmittelbar getan werden.« Das sagst du zu mir. 

Und weil ich dir sehr aufmerksam zugehört habe – mit dem Ohr und ohne das Ohr – nehme ich das, was du sagst, sehr wach auf. Ich sehe es und sage: »Ja, die Zeit kann mir nicht helfen, diese Dinge aufzulösen. Es muss jetzt geschehen.« Deine Herausforderung bringt mich dazu, darauf einzugehen. Deine lebendige, eindringliche Herausforderung ruft in mir ein Gefühl der Dringlichkeit wach, und deshalb verstehe ich. Ich verstehe vollkommen.

Außerdem sagst du zu mir: »Sammle nichts an, sammle keine Probleme an, keine Verletzungen, keine Erinnerungen, Namen, Formen; sammle einfach überhaupt nichts an.« Und weil dir wieder mein ganzes Wesen zuhört, verstehe ich unmittelbar. Du erklärst mir: »Jedes Problem muss sofort gelöst werden.« Das gäbe natürlich eine Menge hin und her, aber am Ende würde ich schließlich verstehen, was du meinst. Und ich würde die normalen Dinge verstehen. Ich würde die Angst verstehen und das Vergnügen. Ich würde sie nicht unterdrücken aber ich würde ihre ganzen Mechanismen durchschauen. Und das Verstehen würde das Ende des Leids bedeuten. Die ganze Sache wäre mit einem Schlag weggewischt.

Ich glaube, so würde ich handeln, wenn du es mir überlassen würdest. 

Weißt du, Pupul, ich befinde mich in einem Zustand, in dem ich von einer unermesslich weiten Wasserfläche umgeben bin – von warmem Wasser, das heilsam und voll geistiger Gesundheit ist. Ich schwimme in diesem herrlichen Wasser, und ich werde dich nicht verlassen. Verstehst du? 

Wenn mich jemand fragen würde: »Warum kommt Frau Rao oder Frau Williams jedes Jahr hierher, um dir zuzuhören?«, dann würde ich antworten: »Ich weiß es nicht, aber wenn ich Frau Rao oder Frau Williams oder Herr Smith wäre, würde ich auch jedes Jahr kommen und zuhören, und wenn es möglich wäre, sogar jeden Tag – denn die Blume ist jeden Tag anders. Schönheit ist jeden Tag anders.«

Rishi Valley, 15. Dezember 1978