Die Wurzel der Angst – Teil 4

PJ: Ich sage: »Ich weiß es nicht.« Ich weiß nur, dass eine Herausforderung auftaucht, und dass die Angst auftaucht.

K: Nein, eine Herausforderung weckt die Angst. Bleiben wir dabei. Und ich frage dich: »Warum wartest du auf eine Herausforderung, damit die Angst geweckt wird?« 

PJ: Deine Frage ist paradox. Willst du damit sagen, dass du nicht auf die Herausforderung wartest, sondern die Herausforderung heraufbeschwörst?

K: Nein, ich bin gänzlich gegen Herausforderungen. Du missverstehst mich. Mein Geist wird nie eine Herausforderung akzeptieren. Man braucht keine Herausforderung, um aufzuwachen. Es ist einfach falsch zu sagen, dass ich schlafe und eine Herausforderung brauche, um aufzuwachen.

PJ: Nein, das sage ich ja nicht.

K: Also ist sie wach. Und was schläft? Der bewusste Geist? Oder schläft der unbewusste Geist? Und sind vielleicht nur einzelne Bereiche des Geistes wach? 

PJ: Wenn ich wach bin, bin ich wach.

NM: Lädst du die Angst ein? 

K: Wenn du wach bist, ist keine Herausforderung notwendig. Also lehnst du Herausforderungen ab. Wenn es, wie wir sagten, zu unserem Leben gehört, dass wir sterben werden, dann ist man immer wach. 

PJ: Nicht immer. Man ist sich der Angst nicht immer bewusst. Sie ist immer da, unter dem Teppich, aber man schaut sie sich nicht an. 

K: Ich sage: Heb den Teppich hoch und schau. Sie ist da. Darum geht es mir. Sie ist da und sie ist wach. Es ist also keine Herausforderung nötig, um sie wachzurufen. Ich habe die ganze Zeit Angst vor dem Nichtsein, vor dem Sterben, davor, nichts zustande zu bringen. Das ist die grundlegende Angst in unserem Leben, sie liegt uns im Blut, und sie ist immer da, schaut zu, ist auf der Hut und schützt sich selbst. Aber sie ist sehr wach. Sie schläft nicht einen einzigen Augenblick. Deshalb ist keine Herausforderung notwendig. Wie du mit ihr umgehst und wie du mit ihr fertig wirst, ist eine andere Sache. Das kommt später. 

PJ: Das ist die Tatsache.

Achyut Patwardhan (AP): Wenn du all das siehst, akzeptierst du dann nicht den Faktor Unaufmerksamkeit?

K: Ich sagte, sie ist wach; ich spreche nicht von Aufmerksamkeit. 

NM: Die Angst ist aktiv, sie arbeitet in uns.

K: Sie ist wie eine Schlange im Zimmer, sie ist immer da. Ich kann in eine andere Richtung schauen, aber sie ist da. Der bewusste Geist überlegt, wie er damit fertig werden soll, und weil er nicht damit fertig werden kann, wendet er sich von ihr ab. Dann kommt eine Herausforderung auf ihn zu, und er versucht, sich dieser Herausforderung zu stellen. Kannst du etwas Lebendigem ins Auge sehen? Dazu ist keine Herausforderung notwendig. Aber weil der bewusste Geist die Augen vor der Angst verschließt, ist die Herausforderung notwendig. Ist das richtig, Pupul? 

NM: Wenn du daran denkst, ist sie nur ein Gedanke, und doch ist dieser Schatten im Bewusstsein.

K: Verfolge die Spur, und ziehe keine voreiligen Schlüsse. Du ziehst voreilige Schlüsse. Mein Geist lehnt Herausforderungen ab. Der bewusste Geist wird nicht zulassen, dass Herausforderungen ihn aufwecken. Er ist wach. Aber du akzeptierst Herausforderungen. Ich nicht. Das liegt außerhalb meiner Erfahrung. Der nächste Schritt ist: Wenn der bewusste Geist der Angst gewahr ist, kann er nicht etwas einladen, das bereits da ist. Geh Schritt für Schritt weiter. Zieh nie voreilige Schlüsse. Der bewusste Geist weiß also, dass die Angst da ist – ganz wach. Was tun wir dann? 

PJ: Darin liegt Unzulänglichkeit.

NM: Ich bin wach. 

K: Ihr begreift nicht das Wesentliche. Es ist der bewusste Geist, der vor dieser Sache Angst hat. Wenn er wach ist, hat er keine Angst. An sich hat er keine Angst. Die Ameise hat keine Angst. Wenn sie zerquetscht wird, wird sie zerquetscht. Es ist der bewusste Geist, der sagt: »Ich habe Angst vor dem Nichtsein.« Wenn ich aber einen Unfall habe, mit dem Flugzeug abstürze, ist keine Angst da. Im Augenblick des Todes sage ich: »Ja, ich weiß jetzt, was es heißt, zu sterben.« Aber der bewusste Geist mit all seinen Gedanken sagt: »Mein Gott, ich werde sterben, ich will nicht sterben, ich darf nicht sterben, ich werde mich schützen«; das ist das, was Angst hat. Habt ihr nie eine Ameise beobachtet? Sie hat nie Angst. Wenn jemand sie tötet, stirbt sie einfach. Jetzt seht ihr etwas.

NM: Habt ihr je eine Ameise beobachtet? Wenn man ein Stück Papier vor sie hält, weicht sie aus. 

K: Sie will überleben, aber sie denkt nicht über das Überleben nach. Also kommen wir wieder zur Angst zurück. Das Denken erzeugt die Angst: Nur das Denken sagt: »Ich werde sterben, ich bin einsam, ich habe keine Erfüllung gefunden.« Seht euch das an: Das ist zeitlose Ewigkeit, das ist wirkliche Ewigkeit. Seht, wie außergewöhnlich das ist. Warum sollte ich Angst haben, wenn Angst Teil meines Wesens ist? Nur wenn das Denken sagt, dass das Leben anders sein soll, ist Angst da. Kann der Geist völlig regungslos sein. Kann er absolut stabil sein? Dann kommt dieses Etwas. Wenn dieses Etwas wach ist, was ist dann die Wurzel der Angst? 

PJ: Ist es dir je geschehen? 

K: Ja, mehrmals, viele Male. Wenn der Geist absolut stabil ist, nicht im Geringsten zurückschreckt, weder zustimmt noch ablehnt, weder Erklärungen sucht noch flüchtet, dann ist keine einzige Bewegung da. Wir haben die Wurzel der Angst erreicht, nicht wahr?

New Delhi, 13 November 1972