Ein Gespräch über den Tod – Teil 1

J. Krishnamurti (K): Frau Jayakar und ich werden über ein sehr ernstes Thema sprechen, ein sehr ernstes Gespräch führen. Sollten Sie also nicht verstehen, worum es geht, oder anfangen, sich zu langweilen, verlassen Sie einfach still den Raum. In Ordnung?

Pupul Jayakar (PJ): Krishnaji, eine der Fragen, die meiner Meinung nach in der Tiefe des menschlichen Geistes einer Antwort harrt, ist die Frage nach dem ›Eintritt ins Sein‹ und dem ›Ende des Seins‹. Leben und Tod. Das ganze Leben des Menschen dreht sich um das Wunder der Geburt und die Angst vor dem Tod. All sein Verlangen, seine Wünsche, Ängste und Befürchtungen liegen zwischen diesen beiden Polen – Geburt und Tod.

Auf einer bestimmten Ebene wissen wir, was Geburt und Tod bedeuten, aber dieses Verstehen ist meiner Meinung nach sehr oberflächlich. So lange wir das gesamte Problem der Existenz zwischen diesen beiden Polen nicht wirklich verstehen – das Problem, dass überhaupt etwas endet –, werden die mit dem Wort ›Ende‹ verbundenen Ängste und Schatten unsere ständigen Begleiter sein.

K: Warum benutzt du das Wort ›Problem‹? Warum machst du ein Problem aus der Zeitspanne zwischen Geburt und Tod?

PJ: Geburt und Tod sind an und für sich einfach Tatsachen, aber der menschliche Geist kann das nicht auf sich beruhen lassen. Der Geist klammert sich an das eine und lehnt das andere ab. 

K: Warum benutzt du das Wort ›Problem‹? 

PJ: Es ist ein ›Problem‹ wegen der Schatten, die das Wort ›Ende‹ umgeben. Da ist die Freude und Schönheit dessen, was wir als das Leben wahrnehmen, und das Verlangen, um jeden Preis daran festzuhalten und alles zu meiden, was für uns ein Ende bedeutet. Das ist ein Problem. Das ruft Angst und Leid und all unsere Wünsche hervor …

K: Wie lautet also deine Frage?

PJ: Wie können wir das ergründen? Wie können wir frei von der Finsternis sein, die dieses Wort umgibt? Wie kann der menschliche Geist den Tod in aller Einfachheit betrachten und ihn als das sehen, was er ist? 

K: Meinst du wirklich den Tod oder die lange Zeitspanne zwischen Geburt und Tod? Das heißt, beziehst du in deine Betrachtung des Endes den gesamten Ablauf des Lebens ein – in all seiner Vielschichtigkeit, mit allem Elend und aller Verwirrung? Geht es dir darum, herauszufinden, was Tod bedeutet und was es mit diesem langen Kampf, dieser langen Zeitspanne der Konflikte und des Leids auf sich hat, an der wir auf unserer Flucht vor dem Anderen festhalten? Geht es dir um dieses gesamte Geschehen?

PJ: Es gibt diesen umfassenden Strom der Existenz, innerhalb dessen das Leben und der Tod stattfinden. Aber wenn du den Bogen so weit spannst, gelangst du meiner Meinung nach nicht zu der Angst und dem Leid, die mit dem Enden einhergehen. Und ich will das Leid des Endens untersuchen. 

K: Erforschst du das Leid des Endens oder erforschst du den gesamten Ablauf des Lebens und Sterbens, der Leid, Angst und all diese Dinge einschließt?

PJ: Es stimmt, was du in diesem einen Satz sagst – es geht um den gesamten Ablauf des Lebens und Sterbens, der das Dasein darstellt. Du sprichst vom Ende des Leids; ich spreche von der Angst, dem Schmerz, die das Leid des Endens ausmachen.

K: Ganz richtig.

PJ: Zwischen den beiden besteht ein kleiner Unterschied. Da ist die Angst, der Schmerz, dass ›etwas, das ist‹, aufhört zu sein … etwas Wunderbares, etwas Schönes, etwas, das mein Leben erfüllt, und im Hintergrund lauert immer die Gewissheit, dass es irgendwann enden wird.

K: Was bedeutet ›enden‹? 

PJ: Es ist jener Vorgang, bei dem etwas Bestehendes, etwas, das existiert, zu sein aufhört; es ist unseren Sinnen nicht mehr zugänglich. 

K: Ich verstehe nicht ganz. 

PJ: Etwas ist, und zum Wesen dieser ›Istheit‹ gehört das Gespür für sein Ende; irgendwann wird es auf ewig verschwinden.

K: Warum benutzt du das Wort ›ewig‹? 

PJ: Weil dieses Enden etwas Absolutes hat. Für das, was endet, gibt es kein Morgen.

K: Einen Augenblick – das Enden von was?

PJ: Das Ende des Bestehenden. Das Ende von etwas so Wunderbarem ist von Trauer und Schmerz begleitet.

K: Ist es so wunderbar? 

PJ: Ich will es ein bisschen konkreter ausdrücken. Du existierst. Und dass du irgendwann nicht mehr sein wirst, verursacht großen Schmerz. Du existierst.

K: Was meinst du mit: »Du existierst?«

PJ: K existiert. In dieser Aussage – K existiert – ist der Schmerz enthalten, dass K irgendwann aufhört zu sein.

K: Der Tod ist unvermeidlich. Dieser Mensch – K – wird eines Tages aufhören zu existieren. Für ihn spielt es keine Rolle, für ihn ist keine Angst und kein Schmerz damit verbunden. Aber du schaust diesen Menschen an und sagst: »Oh, Gott, er wird irgendwann sterben.« Wenn ich also dieses Wort benutzen darf, wie du es benutzt hast, dann ist das dein Schmerz. Aber warum?

PJ: Es ist …

K: Warum?

PJ: Weshalb fragst du ›warum‹? 

K: Jemand stirbt. Ich habe mit diesem Menschen gelebt, ich habe ihn geliebt. Er stirbt, und ich bin verloren. Warum? Warum befinde ich mich in so einem schrecklichen Zustand – einem Zustand der Verzweiflung, der Einsamkeit? Warum bin ich in Tränen aufgelöst, voller Schmerz? Warum leide ich? Das ist keine intellektuelle Diskussion – unser Gespräch geht viel tiefer. Ich habe diesen Menschen verloren. Er war mir ans Herz gewachsen, er war mein Gefährte. Er hat aufgehört zu existieren. Ich glaube, es ist wirklich wichtig, dieses Enden zu verstehen, denn es ist etwas völlig Neues da, wenn alles endet.