Kann sich das Gehirn erneuern? – Teil 6 

K: Das ist das eigentliche Problem. Du kannst überhaupt nichts machen. Nur körperlich kann man sich betätigen. Psychisch kannst du überhaupt nichts machen. 

PJ: Was meinst du mit sich ›körperlich‹ betätigen?

K: Einen Garten anlegen, ein Haus bauen …

PJ: Die körperlichen Aktivitäten gehen weiter. Was soll man also tun?

K: Wenn keine psychische Angst mehr da ist, wird es keine Spaltung in Nationen mehr geben. Es wird keine Getrenntheit mehr geben – Punkt.

PJ: Ja, aber Tatsache ist doch, dass psychische Angst existiert. 

K: Das ist der Punkt. Deshalb kommt man nie dahin. Ein Geist, ein Gehirn, das in psychischer Isolation gelebt hat, mit all den damit verbundenen Konflikten, kann unmöglich zu diesem Urgrund gelangen, aus dem alles Leben stammt. Das ist ganz offensichtlich. Wie kann mein kleinkarierter Verstand, der sich Sorgen über mein scheußliches kleines Selbst macht … ?

PJ: Dann ist das ganze Leben sinnlos. Wenn ich, nachdem ich alles getan habe, was möglich ist, noch nicht einmal den ersten Schritt gemacht habe, wo stehe ich dann?

K: Was ist der erste Schritt? Einen Augenblick. Schau dir das genauer an. Was ist der erste Schritt? 

PJ: Ich würde sagen, der erste Schritt ist, zu sehen, ›was ist‹, was es auch sein mag.

K: Sehen, ›was ist‹. Richtig. Warte. Wie siehst du es? Wie gehst du das an? Denn davon hängt die Gesamtheit des ›Was-ist‹ ab. Siehst du das, ›was ist‹, nur teilweise? Wenn du es in seiner Gesamtheit siehst, ist Schluss damit. 

PJ: Aber so funktioniert es einfach nicht.

K: Natürlich nicht. Weil unser Geist, unser Denken, in einzelne Teile zerfällt. Deshalb gehst du an das Leben oder an das, ›was ist‹, mit deinem bruchstückhaften Geist oder Gehirn heran …

PJ: (Unterbricht K) Aber ich sage noch einmal, dass die innere Spaltung mit der Zeit nachlässt. Fall nicht über mich her, aber mit der Zeit wird sie weniger, und wenn wir dir zuhören, ist es möglich, dass der Geist still wird, unbewegt bleibt, sich nicht anstrengt. Aber das ist immer noch nicht der erste Schritt. 

K: Der erste Schritt ist, zu beobachten oder wahrzunehmen, ›was ist‹. 

PJ: Ja. 

K: Da würde ich anfangen – ich würde schauen, ob ich ein Leben führe, das aus Bruchstücken besteht.

(Pause)

Weißt du, Pupul, wenn ich das, ›was ist‹, nur teilweise sehen würde, dann entstünden daraus doch weitere Komplikationen. Richtig? Unvollständige Wahrnehmung schafft Probleme. Ist es also möglich das, ›was ist‹, in seiner vielschichtigen und vielgestaltigen Ganzheit zu sehen? Ist es möglich, das Ganze zu sehen und nicht nur einen Teil? Denn wenn ich an das Leben – das mein Bewusstsein, meine Art zu denken, zu fühlen und zu handeln ist – bruchstückhaft und innerlich gespalten herangehe, bin ich verloren. Und genau das geschieht in der Welt. Wir gehen zugrunde. Ist es also möglich, das Leben als Ganzes zu betrachten, ohne dass es in einzelne Teile zerfällt? Das ist die Schwierigkeit, Pupul.

PJ: Warum sieht das der uralte Geist nicht? 

K: Nein, das sieht er nicht. Er kann es nicht sehen. Wie sollte er? Wie kann absolute, vollkommene Ordnung …

PJ: Aber du sagtest doch gerade, dass das Uralte …

K: Einen Moment, das ist das Uralte. Der unverfälschte Urgrund ist das Allerälteste.

PJ: Also ist das da.

K: Nein.

PJ: Was meinst du mit ›nein‹? 

K: Es ist als Vorstellung da, als Idee. Und das ist es, was alle Menschen behauptet und vertreten haben – eine Vorstellung, dass es Gott gibt. Aber das ist nur eine Idee, eine Vorstellung, eine Projektion unseres eigenen Verlangens nach Trost, nach Glück.

(Lange Pause)

Weißt du, Pupul, die Frage ist doch, ob ein Mensch fähig ist, ein ganzheitliches Leben zu führen, das frei von bruchstückhaftem Handeln ist. Wenn mich jemand fragen würde: »Womit soll ich anfangen«, würde ich ihm antworten: »Fang damit an und finde heraus, ob du ein bruchstückhaftes Leben führst.« Weißt du, was ein bruchstückhaftes, innerlich gespaltenes Leben ist? Man sagt das eine, und tut etwas anderes. Bruchstückhaft zu leben bedeutet, isoliert zu leben. Deshalb hat man keine wirkliche Beziehung zu seinem Mann oder seiner Frau, man hat keine Beziehung zum Rest der Menschheit. Fang also damit an.

Weißt du, was das bedeutet? Weißt du, wie ungeheuer tief du forschen musst, um das herauszufinden?

PJ: Was bedeutet forschen?

K: Beobachten. Forschen bedeutet, sehr klar, völlig unvoreingenommen, ohne jede Beeinflussung, ohne ein Motiv zu beobachten, auf welche Weise mein Leben bruchstückhaft und innerlich gespalten ist. Es bedeutet, nur zu beobachten und nicht zu sagen: »Ich darf nicht gespalten sein, und deshalb muss ich ›ganz‹ sein.« Die Vorstellung, ›ganz‹ zu werden, ist eine weitere Spaltung. 

PJ: So ist also die Geburt des Neuen …

K: … nicht möglich, solange man das nicht erkennt. 

Brockwood Park, 22 Juni 1982