Den Ursprung aufdecken – Teil 4 

K: Warte, warte, mach langsam. ›Sorgfältig sein‹ bedeutet, sich bewusst zu sein, was man tut, was man denkt und welche Reaktionen ablaufen. 

PJ: Ja. 

K: Und zu beobachten, welche Handlungen sich aus den Reaktionen ergeben. Dabei stellt sich die Frage: Wird bei diesem Beobachten, in diesem Gewahrsein, die Handlung kontrolliert, wird sie in einen bestimmten Rahmen gepresst? 

PJ: Nein, offenbar nicht.

K: Ich habe grundsätzlich etwas gegen das Wort ›Disziplin‹, aber wir können natürlich über meinen Einwand sprechen.

PJ: Aber du bist ja, wenn ich das so sagen darf, ›allergisch‹ gegen dieses Wort geworden. 

K: Nein, ich bin nicht allergisch. Ich habe eine Allergie, aber ich bin nicht gegen dieses Wort allergisch. (lacht)

PJ: Nein, Krishnaji, du beschränkst den Gebrauch dieses Wortes auf die Bedeutung, dass etwas in einen Rahmen gepresst wird.  

K: Ja, aber ich vertrete auch die Meinung, dass allein schon der Vorgang des Lernens eine eigene Form der Disziplin ist.

PJ: Ja. Aber wie kommt der Vorgang des Lernens zustande? Können wir bitte noch einmal einen Schritt zurückgehen? Woraus ergibt sich die Notwendigkeit des Beobachtens? Warum sollte ich beobachten? 

K: Aus einem ganz einfachen Grund, nämlich um zu sehen, ob es einem menschlichen Geist möglich ist, etwas zu verändern, sich selbst zu verändern, die Welt zu verändern, die sich einem katastrophalen Zeitalter nähert. 

PJ: Ja, aber wenn ich von dieser Prämisse ausgehe …

K: Nein, nein, das ist keine Prämisse. Es ist so.

PJ: In Ordnung. Ob ich nun da anfange oder ob ich beim Leid anfange – das sehr oft der eigentliche Anstoß ist …

K: Ja. 

PJ: Der Anstoß ist wirklich das Leid. Aber ich glaube, wir sind vom Thema abgekommen.

K: Ja, darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen. 

PJ: Gehen wir also zu unserer Frage zurück. 

K: Wir begannen mit der Frage nach dem Ursprung, dem Urgrund allen Lebens. 

PJ: Ja.

K: Um das zu erforschen, musst du dich selbst erforschen, denn du bist der sichtbare Ausdruck des Lebens. 

PJ: Ja.

K: Du bist Leben. 

PJ: Ja. 

K: Jetzt versuchen wir, seinen Ursprung zu ergründen, und das kann ich nur, wenn ich mich selbst verstehe.

PJ: Ja.

K: Nun ist dieses ›Ich selbst‹ aber so schrecklich vielschichtig. Es ist ein lebender Komplex [aus vielfältig verknüpften Einzelelementen], ein chaotisches, ungeordnetes Gebilde. Wie gehen wir an ein so vielschichtiges Problem heran, ein Problem, das nicht leicht zu diagnostizieren ist? Sagen wir, »dies ist richtig«, »das ist falsch«, »so sollte es sein«, »so sollte es nicht sein«? 

PJ: Aber ist es nicht so, dass man auf die Unordnung stößt, weil man zunächst sein Augenmerk auf die Suche nach einem geordneten Dasein richtet?

K: Ich suche weder nach Unordnung noch nach Ordnung. Wir übersehen hier etwas. Ich sagte, dass die Welt in Unordnung ist. Ich beobachte das. Ich sehe, dass es so ist. Damit beginne ich.

PJ: Ja. 

K: Unordnung ist außen und innen. Ich bin ein einziges Durcheinander. Belassen wir es für den Moment dabei. Wie erkenne ich nun den Ursprung der Unordnung oder wie werde ich mir seiner bewusst? Wenn ich anfange, die Ursache der Unordnung zu verstehen, kann ich mich immer tiefer in etwas hineinbegeben, das totales Chaos sein könnte, in Wirklichkeit aber vollkommene Ordnung ist. Kannst du mir folgen? 

PJ: Geht es dabei nicht um größtmögliche Einfachheit?

K: Ja, das versuche ich ja zu vermitteln.

PJ: Und ich habe verschiedene Instrumente, mit denen ich forschen kann: Augen, Ohren, die anderen Sinne. 

K: Ja, aber du forschst nicht mit deinen Augen oder Ohren.

PJ: Nicht? 

K: Ja, vielleicht ein klein wenig. Ich forsche auch, wenn ich mich in der Außenwelt umschaue oder wenn ich etwas lese. Aber schaue ich mit meinen Augen in mein Inneres? Ich kann mich mit meinen Augen im Spiegel sehen, aber diese Augen können nicht die Vielschichtigkeit meines Inneren sehen. Ich muss diese [innere] Verfassung einfühlsam und ohne auszuwählen wahrnehmen.  

PJ: Warum sagst du, dass man nicht mit den Augen wahrnehmen kann? 

K: Was meinst du, wenn du sagst, ›mit den Augen‹? Meinst du das innere Auge?

PJ: Nein. Man kann nach außen schauen und man kann nach innen schauen, in sich hineinhorchen.

K: Du musst hier ein bisschen vorsichtig sein, weil das irreführend ist. 

PJ: Lass uns darüber sprechen. Gibt es irgendeine andere Möglichkeit? 

K: Ja, ich denke schon.

PJ: Dann lass uns diese andere Möglichkeit betrachten. Ist dabei nicht auch das Auge oder das Ohr beteiligt? 

K: Atmen? Hören? Sehen? Fühlen? Das sind doch Sinnesreaktionen, nicht wahr? Ich sehe diese Farbe. Ich höre diesen Lärm. Ich schmecke etwas, und so weiter. Das sind Reaktionen der Sinne.

PJ: Ja. Aber kann man nicht auch seine Wut sehen – eine wütende Reaktion – kann man der Wut nicht lauschen? 

K: Lauschst du mit deinen Ohren, oder beobachtest du die Wut [innerlich]? 

PJ: Wie beobachtet man Wut?

K: Wenn du wütend bist, schaust du dir die Ursache und die Auswirkung der Wut an.

PJ: Wenn du wütend bist, kannst du nicht …

K: Ja, du kannst es nicht im selben Moment. Aber später …

PJ: … siehst du die Beschaffenheit des Geistes, der wütend war. Aber du gebrauchst dafür das Wort ›sehen‹. Du sagst, dass man die Qualität des Geistes sieht …