Den Ursprung aufdecken – Teil 6

K: Mach weiter. Was versuchst du zu sagen? 

PJ: Ich behaupte, dass Sorgfalt oder Disziplin notwendig ist, damit das Forschen im Innern lebendig ist. 

K: Das erfordert kein Training.

PJ: Ich spreche nicht von Training. Ich verwende das Wort ›Disziplin‹, ohne das Wort ›Training‹ auch nur zu erwähnen. Ich sage, dass ich nicht davon ausgehen kann, zu verstehen, was du sagst, wenn der Geist nicht wach ist und sich nicht gewissenhaft um Wachheit bemüht.

K: Nur zu, mach weiter.

PJ: Das kannst du nicht abstreiten.

K: Nein. Er muss gewissenhaft sein; er muss achtsam sein; er muss aufmerksam, feinfühlig, bedächtig sein. All das muss er sein. Ich kann nur durch meine Reaktionen etwas über mich selbst herausfinden – dadurch, wie ich denke, wie ich handle, wie ich auf meine Umwelt reagiere, wie ich meine Beziehungen zu anderen Menschen wahrnehme. 

PJ: Wenn ich anfange, mich zu beobachten, stelle ich fest, dass meine Reaktionen rasch, wirr und ohne Unterbrechung aufeinander folgen.

K: Ich weiß, sie sind widersprüchlich und so weiter.

PJ: Aber beim Beobachten entsteht etwas Zwischenraum.

K: Ja, etwas Zwischenraum, eine gewisse Ordnung.

PJ: Das ist nur der Anfang, Krishnaji.

K: Ich weiß. Warum bleiben wir ›am Anfang‹ stehen? Pupul, ich möchte dir eine Frage stellen. Ist es nötig, durch all das hindurchzugehen? Muss ich wirklich mein Verhalten und meine Reaktionen beobachten? Muss ich meine Beziehungen zu anderen Menschen sorgfältig beobachten? Muss ich all das hinter mich bringen? Oder …?

PJ: Tatsache ist, dass man all das hinter sich gebracht hat.

K: Vielleicht hast du es so gemacht, weil du dieses Muster akzeptiert hast.

PJ: Nein.

K: Einen Augenblick. Es ist das, was wir alle gemacht haben – die Denker, die Sannyasins, die Mönche und …

PJ: Und Krishnamurti.

K: Da bin ich nicht so sicher. Warte, ich will ernsthaft über diesen Punkt sprechen.

PJ: Entweder hast du innerhalb der vergangenen dreißig Jahre einen Sprung gemacht oder …

K: Warte. Lass es uns anschauen. Wir haben diese Vorgehensweise des Untersuchens, Analysierens und Überprüfens akzeptiert. Wir haben diese Reaktionen akzeptiert, wir haben ihnen Beachtung geschenkt. Wir haben das ›Selbst‹ beobachtet und so weiter. Aber irgendwie ist in dem Ganzen ein falscher Ton.

PJ: Willst du damit sagen, dass ein Mensch, der mitten im Chaos des Lebens verstrickt ist …  

K: Pupul, er würde uns noch nicht einmal zuhören.

PJ: Um zuhören zu können, muss [innerer] Freiraum da sein.

K: Ja.

PJ: Wie kann dieser Freiraum entstehen?

K: Du leidest. Und du kannst jetzt entweder sagen, »ich muss die Ursache herausfinden« oder du sagst einfach, »es gibt einen Gott und das tröstet mich«.

PJ: Nein, Krishnaji. Du hast gefragt: »Ist es notwendig, durch all das hindurchzugehen?« 

K: Ja. Das ist meine Frage, denn ich denke, es könnte vielleicht unnötig sein.

PJ: Dann zeig mir wie.

K: Warte; ich werde es dir zeigen. Schauen wir uns das an. Für den Augenblick werden wir dein sorgfältiges Beobachten der eigenen Reaktionen als analytischen Prozess der Selbsterforschung bezeichnen. Diese Selbstanalyse, dieses unablässige Beobachten ist aber etwas, das der Mensch seit Jahrtausenden getan hat.

PJ: Nein, das hat er nicht. Er hat etwas ganz anderes gemacht.

K: Was hat er denn anderes gemacht? 

PJ: Er hat seine Reaktionen angeschaut und versucht, sie zu unterdrücken … 

K: Ah, das ist Teil des Musters. Unterdrücken, flüchten, ersetzen, darüber hinausgehen – das steht alles damit im Zusammenhang.

PJ: Das ist nicht dasselbe wie ein Beobachten, bei dem man in Bezug auf das Beobachtete gar nichts tut. 

K: Nein, Pupul, wenn ich dich darauf hinweisen darf – vielleicht habe ich auch Unrecht – du beantwortest nicht meine Frage: Muss ich durch all das hindurchgehen?

PJ: Das Wort ›muss‹ ist ein sehr …

K: In Ordnung, dann benutze ich nicht das Wort ›muss‹, aber die Frage bleibt. Ist es notwendig, ist es unerlässlich, ist es wichtig, dass ich durch all das hindurchgehe? 

PJ: Nein, aber willst du etwa behaupten, man könne mitten aus dem Chaos in einen Zustand vollkommener Ordnung springen? 

K: Nein, so würde ich es nicht ausdrücken.

PJ: Was meinst du dann?

K: Nein, warte. Ich sage ganz klar, dass die Menschheit diesen Prozess bereits durchgemacht hat. Er war das Grundmuster unserer Existenz – mag sein, dass manche dabei sorgfältiger zu Werke gingen als andere, alles aufgaben, forschten, analysierten, suchten. Du machst es genauso, und am Ende bist du vielleicht nur ein toter Körper.  

PJ: Nein, so wird es vielleicht nicht sein.

K: Vielleicht nicht. Sehr wenige – sehr, sehr wenige – haben es geschafft, herauszukommen, Pupul.

PJ: Ja, und deshalb sage ich, dass es vielleicht nicht so sein wird. Aber du sagst, dass dieser ganze Prozess unnötig ist.

K: Ich weiß. Und du stehst auf dem Standpunkt: »Wenn das nicht notwendig ist, dann zeig mir die andere Möglichkeit.«

PJ: Ja, zeig sie mir. 

K: Ich werde sie dir zeigen. Steig aber zuerst aus diesem Muster aus. 

PJ: Weißt du, Krishnaji …

K: Warte, warte, warte. Ich werde es dir zeigen. 

PJ: Aber schau, was du verlangst.

K: Ich weiß.