Was ist Kultur? – Teil 1

Pupul Jayakar (PJ): Krishnaji, wir können heutzutage ein seltsames Phänomen in der Welt beobachten, nämlich, dass der Osten nach Westen blickt, um Nahrung zu finden, und der Westen sich dem Osten zuwendet, um, in Anführungszeichen, mit ›östlicher Weisheit‹ ein gewisses Vakuum zu füllen. Ich frage nun: Enthält der indische Geist vielleicht dieselben Elemente aus Leid, Gier, Wut und so weiter, wie der westliche Geist, nur dass diese einem anderen Hintergrund entspringen?

J. Krishnamurti (K): Fragst du, ob das östliche Denken, die östliche Kultur, die östliche Lebensweise sich vom westlichen unterscheiden?

PJ: Die indische Lebensweise unterscheidet sich ganz offensichtlich von der des Westens …

K: Ja.

PJ: Ja, weil die Konditionierung im Osten eine andere ist als im Westen. Aber sie ergänzen sich auf gewisse Weise.

K: Auf welche Weise?

PJ: In dem Sinne, dass es im Osten, genauer gesagt, in Indien, an jener Präzision mangelt, mit der man im Westen eine abstrakte Idee in konkretes Handeln umsetzt.

K: Willst du damit sagen, dass man in Indien mehr in abstrakten Ideen lebt? 

PJ: Ja. Den Indern scheint das Handeln in der Außenwelt oder das Handeln an sich nicht so wichtig zu sein. 

K: Was ist ihnen deiner Meinung nach wichtig?

PJ: Heutzutage kann man natürlich große Veränderungen beobachten. Es ist sehr schwierig, den indischen Geist zu beschreiben,  weil er heute – auf einer bestimmten Ebene – nach den gleichen materiellen Annehmlichkeiten strebt wie der westliche. 

K: Er strebt nach technischem Fortschritt und dessen Nutzung im Alltag.

PJ: Ja, Konsumdenken und das Streben nach technischem Fortschritt sind tief ins indische Bewusstsein gedrungen. 

K: Worin besteht also letztendlich der Unterschied zwischen der indischen und der westlichen Kultur?

PJ: Vielleicht gibt es in Indien trotz dieses materiellen Untertons immer noch eine gewisse Einsicht in das Wesen der Dinge, weil hier der ganze Prozess des Sichvertiefens mehr Intensität hat. In Indien ist der Prozess des Sichvertiefens oder Ergründens auf das Selbst, auf das Innere, ausgerichtet. Der indische Geist wird seit Jahrhunderten in diesem Gefühl bestärkt. Dagegen hat man sich im Westen, seit der Zeit der alten Griechen, immer nach außen bewegt, in die Umwelt. 

K: Ich verstehe. Kürzlich sah ich eine Fernsehsendung, in der ein ziemlich bekannter Inder interviewt wurde. Er sagte, dass die Technologie jetzt den indischen Geist zivilisieren würde. Ich habe mich gefragt, was er wohl damit meinte. Meinte er vielleicht, dass die Technologie die Inder auf den Boden der Tatsachen bringt, statt in abstrakten Vorstellungen und Theorien mit der ganzen Komplexität der Vorstellungswelt zu leben? 

PJ: Und das ist vielleicht bis zu einem bestimmten Grad notwendig.

K: Es ist ganz offensichtlich notwendig.

PJ: Wenn diese beiden Geisteshaltungen also von grundsätzlich unterschiedlichem Wesen sind …

K: Das stelle ich sehr in Frage. Ich bezweifle, dass es überhaupt ein östliches oder ein westliches Denken gibt. Es gibt eigentlich nur ›Denken‹ und kein östliches oder westliches Denken. Das Denken drückt sich in Indien vielleicht anders aus als im Westen, aber es handelt sich immer um einen Denkvorgang. 

PJ: Aber ist es nicht auch wahr, dass die Gehirnzellen im Westen durch das, was sie enthalten anders wahrnehmen als die Gehirnzellen im Osten, mit ihrem Wissen aus Jahrhunderten und ihrer so genannten Weisheit? 

K: Ich möchte in Frage stellen, was du gerade gesagt hast, wenn es recht ist. Wenn ich nach Indien komme, stelle ich fest, dass dort heutzutage viel mehr Materialismus herrscht als früher. Die Menschen interessieren sich viel mehr für Geld, Ansehen, Macht und all diese Dinge. Und natürlich gibt es Überbevölkerung und die ganzen vielschichtigen Probleme, die mit der modernen Zivilisation verbunden sind. Willst du behaupten, dass der indische Geist viel stärker zur inneren Suche neigt als der westliche? 

PJ: Ja, das würde ich sagen. Ich würde sagen, dass es eine Innenwelt und eine Außenwelt gibt, und dass der Westen hauptsächlich an der Außenwelt interessiert ist, während der Osten von jeher an der Innenwelt interessiert war.

K: Ja, er war daran interessiert; aber es war das Interesse von sehr, sehr wenigen Menschen.

PJ: Aber es sind doch diese Wenigen, die die Kultur schaffen. 

K: Ja. Die westliche Welt ist, soweit ich sehen kann – vielleicht täusche ich mich auch – sehr viel stärker mit weltlichen Dingen beschäftigt. 

PJ: Aber wie kam es zu dieser Entwicklung?

K: Durch politische, wirtschaftliche, geografische und klimatische Umstände. 

PJ: Nein, wenn es nur am Klima läge, hätte in Indien, Mexiko und Afrika derselbe Geist geherrscht. Aber so ist es nicht. Das ist also nicht die richtige Antwort.

K: Nein, natürlich nicht. Es liegt nicht nur am Klima. Das ganze so genannte religiöse Leben im Westen unterscheidet sich doch sehr stark vom östlichen.

PJ: Ja, genau. Das sage ich doch. Dass sie irgendwann einmal Angehörige derselben Gattung Mensch waren, die sich offensichtlich von einander getrennt haben.

K: Ja, getrennt.

PJ: Im Westen erforschte man die Natur und setzte sich mit ihr auseinander. Aber die Richtung, in die sich der Westen bewegte, führte zu technologischen Errungenschaften und den großen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. In Indien fand ebenfalls ein Dialog mit der Natur und mit dem Selbst statt, aber diese Dialoge waren von ganz anderer Art. 

K: Willst du damit also sagen, dass der östliche Geist, der indische Geist, mehr an religiösen Dingen interessiert ist als der westliche?

PJ: Ja, das will ich damit sagen.

K: Hier im Westen ist alles ziemlich oberflächlich – auch wenn sie es für tiefgründig halten –, und dort, in Indien, sagt uns die Tradition, die Literatur und alles andere, dass die Welt nicht so wichtig ist wie das Verstehen des Selbst, das Verstehen des Universums, des Kosmos, des höchsten Prinzips – brahman.

PJ: Ja, die Schnelligkeit, mit der der Geist mit dem Forschen beginnt, ist im Westen vielleicht eine andere, wo das Forschen und die großen Erkenntnisse in eine andere Richtung gingen.