Was ist Kultur? – Teil 2

K: Im Westen werden in religiösen Dingen jegliche Zweifel, jegliche Skepsis, jegliches Infragestellen absolut abgelehnt. Im Westen ist der Glaube das allerwichtigste. Doch in den indischen Religionen, im Buddhismus und so weiter, steht das Zweifeln, Fragen und Forschen an erster Stelle.

PJ: Heute befinden sich beide Kulturen in einer tiefen Krise. 

K: Ja, natürlich, beide Kulturen befinden sich in einer Krise. Pupul, würdest du sagen, dass sich nicht nur die Kulturen, sondern das ganze menschliche Bewusstsein in einer Krise befindet? 

PJ: Ja. Aber würdest du einen Unterschied zwischen der menschlichen Kultur und dem menschlichen Bewusstsein machen?

K: Nein. 

PJ: Sie sind in gewissem Sinne dasselbe.

K: Ja, sie sind im Grunde dasselbe; da gibt es keinen Unterschied. 

PJ: Also hat die Krise im Grunde die Menschen veranlasst, irgendwo außerhalb von sich selbst zu suchen. Sie fühlen, dass etwas fehlt, und so wenden sie sich der anderen Kultur zu. Das geschieht in beiden Ländern. 

K: Ja, aber weißt du, Pupul, auf ihrer von materialistischem Denken geprägten Suche, wenn ich es so ausdrücken darf, verlieren sich die Menschen des Westens in allen möglichen abergläubischen, romantischen, übersinnlichen Ideen und bleiben an diesen Gurus hängen, die hierher kommen (in den Westen). Was ich wirklich herausfinden möchte, ist, ob das menschliche Bewusstsein – das sich in einer Krise befindet – diese Krise nicht nur ohne Krieg meistern kann, ohne die Menschheit zu vernichten, sondern auch, ob die Menschen jemals in der Lage sein werden, über ihre eigene Begrenzung hinauszugehen. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausgedrückt habe.

PJ: Das Äußere und das Innere sind wie zwei Spiegelbilder der Richtungen, in die der Mensch sich bewegt hat. Das eigentliche Problem ist, dass diese beiden, wenn der Mensch überleben will …

K: Die beiden müssen zusammenleben.

PJ: Nein, nicht nur zusammenleben, sondern es muss eine menschliche Kultur entstehen, in der beide Aspekte enthalten sind. 

K: Ja, das ist es. Aber was meinst du mit dem Wort ›Kultur‹? Was meinst du mit ›Kultur‹?

PJ: Ist nicht der gesamte Inhalt des Gehirns Kultur?

K: Willst du damit sagen, dass Kultur die Schulung des Gehirns ist, die Verfeinerung des Gehirns und der Ausdruck dieser Verfeinerung im Handeln, im Verhalten, in Beziehungen. Und auch, dass Kultur ein Forschungsprozess ist, der zu etwas hin führt, das absolut unberührt vom Denken ist? Ich würde sagen, dass das Kultur ist. 

PJ: Würdest du das Untersuchen, das Forschen, dem Bereich der Kultur zuordnen? 

K: Natürlich.

PJ: Ist die Kultur nicht ein geschlossener Kreislauf?

K: Du kannst die Kultur zu einem geschlossenen Kreislauf machen, oder du kannst diesen durchbrechen und darüber hinausgehen. 

PJ: Aber in ihrer heutigen Form ist die Kultur ein geschlossener Kreislauf.

K: Deshalb will ich wissen, was du tatsächlich mit dem Wort ›Kultur‹ meinst. 

PJ: Kultur, wie wir sie heute verstehen, Krishnaji, ist die Summe unserer Wahrnehmungen, unsere Art und Weise, die Dinge zu betrachten, unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Einstellungen, die Arbeitsweise unserer Sinne.

K: Weiter.

PJ: Du kannst noch vieles hinzufügen. 

K: Zum Beispiel Religion, Glaube, Überzeugung, Aberglaube.

PJ: Alle äußeren und inneren Dinge …

K: Ja.

PJ: Die weiter wachsen – aber immer innerhalb dieses Rahmens. Es bleibt ein Rahmen. Und würdest du, wenn du von einer Suche sprichst, die keinerlei Verbindung zu all dem hat, diese Suche dann ebenfalls der Kultur zurechnen?  

K: Natürlich. Würdest du sagen – ich versuche nur, Klarheit in die Angelegenheit zu bringen – dass die gesamte kulturelle Strömung wie Ebbe und Flut ist und dass das menschliche Bemühen dieser Vorgang des nach Außen- und nach Innengehens ist, ohne je zu fragen, ob dieser Vorgang jemals zum Stillstand kommen kann? Verstehst du? Was ich damit sagen will, ist, dass wir agieren und reagieren. 

PJ: Ja.

K: Das ist die menschliche Natur – wie Ebbe und Flut. Ich reagiere und aus dieser Reaktion heraus handle ich und auf dieses Handeln reagiere ich wieder. Es geht hin und her.

PJ: Ja. 

K: Ich frage nun, ob es möglich ist, dass dieses Muster der Bestrafung und Belohnung ein Ende hat, und ob das Ganze in eine völlig andere Richtung gehen kann? Unser Leben, unser Handeln und unsere Reaktionen beruhen auf Belohnung und Bestrafung – sowohl körperlich als auch psychisch. Nicht wahr? 

PJ: Ja. 

K: Und das ist alles, was wir kennen – im tiefsten Innern. Da ist Reagieren auf Belohnung und das Vermeiden von Bestrafung und so weiter – wie Ebbe und Flut. Ich frage nun, ob es eine andere Handlungsweise gibt, die nicht auf Wirkung und Gegenwirkung beruht. Verstehst du, was ich meine?

PJ: Da dieses Muster aus Wirkung und Gegenwirkung ein Impuls der Gehirnzellen ist …

K: Es ist unsere Konditionierung. 

PJ: Und es ist ein Impuls der Gehirnzellen. 

K: Ja, natürlich, natürlich.

PJ: Es ist die Reaktionsweise der Gehirnzellen und wie sie durch die Sinne Reize empfangen.

K: Unsere eigentliche Frage lautet: Was ist Kultur?

PJ: Und wir haben sie untersucht.

K: Ein bisschen.

PJ: Ja, ein bisschen. Man kann das noch viel weiter führen, aber es bleibt immer im selben …

K: Ja, es bleibt im selben Bereich.

PJ: Würdest du also sagen, dass Kultur der Inhalt der Gehirnzellen ist? 

K: Natürlich.

PJ: Sonst noch etwas?

K: Alle unsere Erinnerungen.

PJ: Ja. Gibt es, von all dem abgesehen, noch etwas?