Was ist Kultur? – Teil 3

K: Jetzt verstehe ich. Das ist eine andere Frage, denn – wir müssen hier sehr vorsichtig sein – wenn es etwas anderes gibt – wenn – dann kann dieses andere auf die konditionierten Gehirnzellen einwirken. Richtig? Wenn es im Gehirn so etwas gibt, dann kann das Wirken dieses anderen zur Befreiung von dieser engen und begrenzten Kultur führen. Aber gibt es wirklich noch etwas anderes im Gehirn? 

PJ: Aber man sagt, dass selbst physiologisch gesehen, unser Gehirn bis heute nur einen winzigen Teil seiner Kapazität nutzt, Krishnaji.

K: Das weiß ich. Und warum?

PJ: Weil es durch die Konditionierung eingeschränkt wird, und es niemals frei von diesen Prozessen war, die …

K: Es begrenzen. Und das bedeutet, dass das Denken begrenzt ist.

PJ: Ja, es hat alles auf eine Karte gesetzt. 

K: Alles auf eine Karte; so würde ich es ausdrücken. Das Denken ist begrenzt, und wir alle funktionieren innerhalb dieser Begrenzung. Nicht wahr? Erfahrung, Wissen, Gedächtnis und Denken sind für immer begrenzt.

PJ: Welche Rolle spielen dabei die Sinne und die Wahrnehmungsprozesse?

K: Das führt zu einer weiteren Frage, und zwar: Können die Sinne ohne Einmischung des Denkens funktionieren? Verstehst du meine Frage?

PJ: So wie sie heute arbeiten, scheinen sie einen Ausgangspunkt zu haben – das Denken. So wie die Sinne arbeiten, ist es ein Vorgang des Denkens. 

K: So ist es. Deshalb ist es begrenzt. Ich frage mich sehr vorsichtig und mit einer gewissen Skepsis, ob die Gehirnzellen – die sich im Laufe von Jahrtausenden entwickelten, die unsägliches Leid, Einsamkeit und Verzweiflung erfuhren und durch alle möglichen ›religiösen‹ Bemühungen, ihren Ängsten zu entfliehen versuchten – jemals sich selbst verändern oder eine Umwandlung bewirken können.

PJ: Aber wenn sie keine Umwandlung in sich zuwege bringen …

K: Was wäre dann?

PJ: … und da ist nichts anderes …?

K: Ja, ich verstehe deine Frage.

PJ: Weißt du, das ist das Paradoxon. Wirklich, es ist ein Paradoxon.

K: Es ist auch die ewige Frage. Die Hindus haben sie bereits vor sehr langer Zeit gestellt – vor Tausenden von Jahren.

PJ: Ja, ja.

K: Sie haben folgende Frage gestellt: Gibt es eine äußere Instanz – Gott, ein höchstes Prinzip und so weiter und so weiter …

PJ: Das höhere Selbst.

K: ›Das höhere Selbst‹ – das ist eine falsche Art, es … (lächelt) aber wir wollen diesen Begriff für den Augenblick benutzen. Gibt es ein ›höheres Selbst‹, das auf das konditionierte Gehirn einwirken kann?

PJ: Oder müsste man nicht eher fragen, ob es im Gehirn erwachen kann? Das sind zwei verschiedene Dinge. Im einen Fall ist eine äußere … 

K: … Instanz am Werk.

PJ: Instanz oder Energie am Werk, oder im anderen Fall eine aus dem Inneren der Gehirnzellen kommende Aktivität – aus dem bisher ungenutzten Bereich der Gehirnzellen – eine Aktivität, die aufweckt, die verwandelt. 

K: Ja, ich verstehe deine Frage. Wir wollen sie untersuchen; wir wollen darüber reden. Gibt es eine äußere Instanz – äußere Energie, nennen wir es für den Augenblick so – die in den konditionierten Gehirnzellen eine Umwandlung bewirken wird? Richtig? 

PJ: Darf ich etwas sagen? 

K: Ja, natürlich, bitte.

PJ: Das Problem ist doch, dass diese Energie nie die Gehirnzellen berührt. Wir haben so viele Hindernisse errichtet, dass der Energiefluss anscheinend nie die Gehirnzellen berührt und etwas hervorbringt …

K: Worüber sprechen wir jetzt?

PJ: Wir sprechen über die Möglichkeit einer menschlichen Kultur.

K: Einer Kultur, die nicht …

PJ: Die weder indisch noch westlich ist.

K: Ja.

PJ: Eine Kultur, die die ganze Menschheit einschließt, wenn ich so sagen darf.

K: Ja, die ganze Menschheit. 

PJ: Eine Kultur, in der die Trennung zwischen dem Äußeren und dem Inneren endet, wo Verstehen einfach Verstehen ist und nicht ein Verstehen des Äußeren oder ein Verstehen des Inneren.

K: Das verstehe ich. Wie lautet also deine Frage? 

PJ: Für das ist also die Gehirnzelle das Instrument.

K: Ja. 

PJ: Das Werkzeug ist die Gehirnzelle.

K: Ist das Gehirn.

PJ: Ist das Gehirn. Es muss also etwas im Gehirn geschehen.

K: Ja. Ich sage, dass es geschehen kann – ohne die Vorstellung, dass es da irgendeine äußere Instanz gibt, die das konditionierte Gehirn irgendwie reinigt, oder durch das Erfinden einer äußeren Instanz, wie es die meisten Religionen getan haben. Richtig?

Die Frage ist: Kann das konditionierte Gehirn seiner eigenen Konditionierung gewahr werden und so seine eigene Begrenzung wahrnehmen, und einen Augenblick dabei verweilen? Ich weiß nicht, ob ich klar vermittle, was ich meine. 

Weißt du, wir versuchen immer, etwas zu tun – oder nicht? Was bedeutet, dass der ›Macher‹ getrennt ist von dem, was er macht. Richtig? Nehmen wir beispielsweise an, ich erkenne, dass mein Gehirn konditioniert ist und dass deshalb meine ganzen Aktivitäten, Gefühle und Beziehungen zu anderen Menschen begrenzt sind. Ich erkenne das. Und dann sage ich: »Diese Begrenzung muss durchbrochen werden.« Ich arbeite also an der Begrenzung. Aber das ›Ich‹ ist ebenfalls begrenzt. Das ›Ich‹ ist nicht verschieden von dem anderen. Können wir das also überbrücken? Das ›Ich‹ ist nichts anderes als die Begrenzung, die es niederzureißen versucht. Die Begrenzung des Selbst und die Begrenzung durch die Konditionierung gleichen sich: sie sind nicht voneinander verschieden. Das ›Ich‹ ist nichts anderes als seine Eigenschaften.

PJ: Es ist auch nicht verschieden von dem, was es beobachtet. Wenn du sagst, dass wir immer versuchen, etwas zu tun …

K: An dem anderen zu arbeiten. Abgesehen vom Bereich der Technik besteht unser ganzes Leben aus der Vorstellung: »Ich bin so, und das muss ich ändern«, und unser Gehirn ist nun durch diese Abtrennung konditioniert: Der Handelnde ist etwas anderes als die Handlung.

PJ: Ja, natürlich.