Was ist Kultur? – Teil 5

K: Was also wird ihn dazu bringen? Nehmen wir beispielsweise an, du und noch jemand, ihr habt diese Wahrnehmung. Ich habe sie vielleicht nicht gemacht. Welche Wirkung hat nun deine Wahrnehmung auf mich? Wenn du dieses Bewusstsein und Macht und Ansehen hast, bete ich dich entweder an oder ich bringe dich um. Nicht wahr? Ich stelle also eine viel tiefer gehende Frage. Ich will wirklich herausfinden, warum die Menschen nach Tausenden von Jahren immer noch so sind: Eine Gruppe gegen eine andere, ein Stamm gegen einen anderen, eine Nation gegen eine andere. Dieser unaufhörliche Horror! Eine neue Kultur: wird sie eine Veränderung bewirken? Will der Mensch sich überhaupt ändern? Oder sagt er: »So, wie es ist, ist es in Ordnung, machen wir weiter so. Irgendwann werden wir uns schon weiterentwickeln.« 

PJ: Die meisten Leute denken so.

K: Ja. Das ist ja das Schreckliche daran. Irgendwann. »Warte noch mal tausend Jahre, und wir alle werden wunderbare Menschen sein.« Das ist so lächerlich. Inzwischen vernichten wir uns gegenseitig. 

PJ: Darf ich dich etwas fragen? Was ist der eigentliche Moment, an dem man der Tatsache ins Auge blickt? Was hat es damit wirklich auf sich?

K: Was ist eine Tatsache, Pupul? Vor ein paar Tagen haben wir hier mit einer Gruppe von Leuten darüber gesprochen, dass eine Tatsache das ist, was getan wurde, was erinnert wurde, das, was jetzt getan wird, und das, was gestern getan wurde und erinnert wird. 

PJ: Oder auch eine Aufwallung der Angst, des Schreckens oder irgendeines anderen Gefühls.

K: Ja, ja.

PJ: Wie kann man also tatsächlich …?

K: Warte, wir sollten uns im Klaren darüber sein, was wir meinen, wenn wir von einer Tatsache sprechen. Das tatsächliche Ereignis der vergangenen Woche ist vorbei, aber ich erinnere mich daran. Richtig? Da ist die Erinnerung an etwas, das angenehm oder unangenehm war, als es geschah – das eine Tatsache war –, und das im Gehirn gespeichert ist. Und da ist das, was jetzt getan wird – was ebenfalls eine Tatsche ist – und von der Vergangenheit gefärbt, kontrolliert, geformt wird. Kann ich also diesen ganzen Ablauf als Tatsache sehen? Den ganzen Ablauf – die Zukunft, die Gegenwart und die Vergangenheit. 

PJ: Etwas als Tatsache zu sehen bedeutet, es ohne Klischeevorstellung zu sehen.  

K: Ohne Klischeevorstellung, ohne Vorurteil, ohne Voreingenommenheit.

PJ: Ohne irgendetwas drum herum.

K: Das ist richtig. Und das bedeutet?

PJ: Dass man zunächst alle Reaktionen verneint, die zusammen mit den Erinnerungen hochkommen. 

K: Die Erinnerungen verneinen. Bleibe für den Augenblick einfach mal dabei. 

PJ: Die Erinnerungen, die aufsteigen … 

K: Aus der tatsächlichen Erfahrung eines Vergnügens oder Schmerzes, einer Belohnung oder Bestrafung in der vergangenen Woche. Ist das möglich? 

PJ: Ja, das ist möglich.

K: Das ist möglich. Warum? 

PJ: Weil die Aufmerksamkeit an sich …

K: Die Erinnerung auflöst. Letzte Woche ereignete sich etwas. Kann das Gehirn so aufmerksam sein, dass es das Erinnern nicht fortführt? Mein Sohn ist tot, und ich habe gelitten. Aber die Erinnerung an diesen Sohn ist so stark in meinem Gehirn, dass ich ständig daran denke. Sie steigt auf und verschwindet wieder, aber sie ist fortwährend da. Kann nun das Gehirn sagen: »Ja, mein Sohn ist tot; und damit Schluss«?

PJ: Sagt man das, oder ist, wenn es hochkommt …

K: … dann wieder ein Ende? Das heißt, ein endloses Auftauchen und Enden.

PJ: Nein, aber da kommt etwas hoch …

K: Und das ist eine Erinnerung. Bleiben wir bei diesem Wort. 

PJ: Ja, es ist eine Erinnerung. Und das löst den Schmerz aus. Die Verneinung dieses Schmerzes beendet nicht nur den Schmerz, sondern auch das Aufsteigen [der Erinnerung]. 

K: Und was bedeutet das? Untersuche es ein bisschen genauer. Was bedeutet es? Mein Sohn ist tot. Ich erinnere mich an all die Dinge, die er zu tun pflegte. Auf dem Klavier oder dem Kaminsims steht sein Foto, und die Erinnerung an ihn ist ständig gegenwärtig – sie kommt und geht. Das ist eine Tatsache. 

PJ: Aber wirkt sich die Verneinung des Schmerzes und die Auflösung der Erinnerung nicht direkt auf das Gehirn aus? 

K: Darauf will ich ja hinaus. Und was bedeutet das? Mein Sohn ist tot; das ist eine Tatsache. Daran kann ich nichts ändern. Er ist gegangen. Es klingt vielleicht grausam, wenn man das sagt – aber er ist weg. Und doch trage ich ihn die ganze Zeit mit mir herum. Das Gehirn trägt ihn als Erinnerung mit sich herum, die Erinnerung ist ständig da. Ich sage nie: »Er ist weg. Das ist eine Tatsache.« Ich lebe von meinen Erinnerungen – aber die sind etwas Totes. Erinnerungen sind nichts Wirkliches. Das Enden der Tatsache – mein Sohn ist gegangen – bedeutet nicht, dass meine Liebe gestorben ist. Mein Sohn ist fort. Das ist eine Tatsache.

PJ: Aber was bleibt, wenn eine Tatsache wahrgenommen wird? 

K: Darf ich etwas sagen, ohne dich schockieren zu wollen? Nichts. Mein Sohn ist gegangen; mein Bruder oder meine Frau – oder wer auch immer – ist gegangen. Das ist kein Ausdruck von Grausamkeit und keine Verleugnung meiner Zuneigung, meiner Liebe. Nicht die Liebe zu meinem Sohn, sondern die Gleichsetzung der Liebe mit meinem Sohn. Ich weiß nicht, ob ich …

PJ: Du machst einen Unterschied zwischen der ›Liebe zu meinem Sohn‹ …

K: Und Liebe.

PJ: … und ›Liebe‹. 

K: Wenn ich also meinen Sohn im tieferen Sinne des Wortes liebe, liebe ich die Menschen; ich liebe die Menschheit. Es ist nicht so, dass ich nur ›meinen Sohn liebe‹, ich liebe die gesamte Menschheit; ich liebe die Erde, die Bäume, die Sterne, das ganze Universum. Aber das ist eine andere Sache. Wir haben eine wirklich gute Frage gestellt, nämlich: Was geschieht, wenn nur das reine Gewahrsein da ist, das Wahrnehmen einer Tatsache, ohne Voreingenommenheit, ohne auf irgendeine Art zu fliehen und so weiter. Und ist es möglich, die Tatsache vollständig sehen? Wenn ich leide, weil mein Sohn tot ist, finde ich mich nicht mehr zurecht. Es ist ein großer Schock; etwas Schreckliches ist geschehen. In diesem Augenblick kannst du überhaupt nichts zu mir sagen. Wenn ich aus dieser Verwirrung und Einsamkeit und Verzweiflung und diesem Leid herauskomme, bin ich vielleicht empfänglich genug, um diese Tatsache zu sehen.