Wo fange ich an? – Teil 2

Fragesteller (F): Meine Sinne werden sehr stark vom Denken beherrscht. Ich merke selbst, dass ich beispielsweise auf einem Spaziergang, nicht wirklich schaue. Ich höre nicht wirklich hin. Ich denke die ganze Zeit über, und in Gedanken verstrickt werfe ich ab und zu einen Blick auf meine Umgebung. In gewissem Sinne schaue ich also nicht wirklich, sehe einen Baum nicht, wie er wirklich ist.

PJ: Wenn Sie jemanden dazu bringen wollten, ein Blatt anzuschauen, ein einziges Blatt, könnten Sie feststellen, wie schwierig das ist. Aber warum es mit jemand anderem versuchen? Wenn man es selbst tut, erkennt man, wie schwer es ist, sich etwas wirklich anzuschauen. 

F: Wie Sie bereits sagten – wir werfen einen flüchtigen Blick darauf und gehen weiter.

K: Würden Sie die Religion dafür verantwortlich machen? Würden Sie den orthodoxen, etablierten Religionen die Schuld geben, die den Menschen daran gehindert haben, die Natur als Teil seiner selbst anzusehen? Die Vertreter aller Religionen haben gesagt: »Unterdrückt all eure Sinne. Schaut nicht nach draußen, schaut nur in euch selbst.«

F: Krishnaji, würden Sie sagen, dass der moderne Stadtbewohner größtenteils nicht von der Religion beeinflusst wird?

K: Nein, wir sprechen nicht über den Städter oder den Landbewohner, nicht über einen Menschen, der in einer großen Stadt oder einer kleinen Stadt oder einem Dorf lebt. Wir sprechen über den normalen Menschen, der die sannyasis, die Mönche, die Trappisten, die nie sprechen, gesehen hat. Und diese ganzen so genannten religiösen Leute haben darauf bestanden, dass man das Verlangen unterdrücken muss, dass man die Sinne unterdrücken muss, weil sie ablenken. 

F: Ja, das wurde nicht nur von der Religion, sondern auch von der Gesellschaft verfochten.

K: Natürlich. Die religiösen Führer haben nicht gesagt: »Schaut euch all die Wunder dieser Welt an, schaut euch diese Schönheit an; fühlt sie, nehmt sie in euch auf, seid Teil davon.« Stattdessen haben sie Bilder geschaffen – mit den Händen und dem Denken. Und die vom Denken erzeugten Bilder sind weit wichtiger als das andere – [die Wunder dieser Welt]. Hier in der Nähe gibt es einen Tempel – Tirupati. Tausende besuchen ihn; Millionen werden für ihn ausgegeben – warum?

Als ganz normaler Mensch, der das hört, wo würde ich dann anfangen – so wie Pupul gefragt hat?

F: Aber, Krishnaji, würden Sie nicht sagen, dass der normale Mensch irgendwie, irgendwo erkannt haben muss, dass seine Welt begrenzt ist, um diese Frage überhaupt stellen zu können? 

K: Ja, er weiß um den Tod. 

F: Er muss bereits ein bisschen unzufrieden sein mit seinem Gott, seinem …

K: Das stelle ich in Frage. Ich stelle in Frage, ob er unzufrieden mit seinen Göttern ist oder an ihnen zweifelt.

F: Aber was veranlasst ihn dann, die Frage zu stellen: »Wo soll ich anfangen?«

K: Er stellt diese Frage nicht. 

PJ: Doch, das tut er. Er tut es, wenn es ihm schlecht geht, wenn er leidet, er tut es, wenn der Tod an die Tür klopft.

K: Er tut es, wenn er leidet. Er tut es, wenn er sich dem Tod gegenübersieht. Er tut es, wenn er einen reichen Menschen in einem phantastischen Wagen vorbeifahren sieht und er selbst fünfzehn Kilometer laufen muss, um zum selben Ort zu gelangen. Dann fängt er an, sich zu fragen: »Was soll das alles? Warum bin ich nicht so reich wie dieser Mensch?«

F: Aber das ist nicht dieselbe Frage.

K: Sie ist ein Teil davon.

PJ: Wie soll man sonst anfangen?

F: Aber es gibt doch Menschen, die im Allgemeinen ein recht glückliches Leben führen. Sie haben keine Probleme – zumindest nicht die Sorgen, die die meisten Leute haben: Armut, Krankheit, Mangel an Bildung und so weiter. Und doch stoßen sie irgendwann auf diese Fragen und beschäftigen sich sehr eingehend und ernsthaft damit. 

K: Sie sprechen von Menschen, die außergewöhnlich sind. Wir begannen mit der Frage: »Wo würde ich als ganz normaler Mensch anfangen?« Nehmen wir an, ich sei ein normaler Mensch, einigermaßen gebildet und von vielschichtigen Existenzproblemen umringt – Leiden, Schmerz, Angst und all den anderen Regungen des Denkens. Wo würde ich dann anfangen, um die höchst komplexe Gesellschaft, in der ich lebe, zu verstehen? Das ist eine wirkliche Frage, und es ist die Frage, mit der Frau Jayakar anfing. 

PJ: Wir gehen ganz selbstverständlich davon aus – wenn wir Krishnaji zuhören –, dass man im Innern beginnen muss. Wir sind alle davon ausgegangen, dass der Anfang im Innern beginnt, und man entdecken muss, ›was ist‹. Wir haben nie nach außen geblickt und das äußere wie das innere als das gleiche Geschehen angesehen. Daher die Herzlosigkeit, daher der moralische Verfall …

K: Warum haben wir alles, was die Natur bietet, so vernachlässigt oder verworfen oder verachtet?

PJ: Weil wir trennen. Wir unterscheiden zwischen der Außenwelt als der Welt der Begierde und der Innenwelt als der wahren Welt.

K: Und auch weil sowohl für die Buddhisten als auch für die Hindus die äußere Welt maya ist, eine Illusion. K sagt jedoch das Gegenteil. Und deshalb meine ich, dass es wichtig ist, die eigene Beziehung zur Natur, zur äußeren Welt zu verstehen. Meines Erachtens ist es wichtig, das eigene Verhältnis zu dieser Welt zu begreifen, in der all das Elend, die Verwirrung, Brutalität und der moralische Verfall stattfinden. Schau dir zuerst das an und bewege dich dann vom Äußeren ins Innere. Aber wenn du Innen anfängst und dabei stehen bleibst, hast du keinen Bezugspunkt. Du bleibst bei der Anbetung; du folgst Jesus oder irgendeinem Guru. Und das nennst du Religion. Nicht wahr? Die Rituale, das Beiwerk – das ist es, was du Religion nennst. 

Ich persönlich habe das Gefühl, dass wir mit dem anfangen müssen, was wir sehen, was wir hören und was wir außen spüren. Die Frage ist doch: Wie schaue ich meine Frau an, meine Kinder, meine Eltern und all die anderen um mich herum?

Nehmen wir beispielsweise den Tod. Wenn ich jemanden sehe, der einen Leichnam trägt – das ist in diesem Land ziemlich einfach, man sieht häufig, wie zwei oder drei Leute einen Leichnam tragen – dann fange ich an zu fragen: »Was ist der Tod?« Ich sehe den Tod außerhalb von mir, aber ich fange an, mir Fragen zu stellen. Ich kann mich nicht einfach allein davonmachen und in einer Berghöhle den Tod oder Gott erforschen. Ich kann mir natürlich Vieles vorstellen, aber wenn ich keine richtige Beziehung zur Natur, zu einem anderen Menschen – meiner Frau, meinem Mann, irgendjemandem –  hergestellt habe, wie kann ich dann je die richtige Beziehung zur Unermesslichkeit des Universums herstellen?