Wo fange ich an? – Teil 3

F: Krishnaji, Sie sagen, dass das Gehirn durch das Betrachten des Äußeren beflügelt wird.

K: Natürlich; es wird empfindsamer.

F: Und deshalb kann es das Innere unverzerrt sehen. 

K: Ja, unverzerrt.

F: Die halbe Welt – der Westen – hat das Äußere immer als etwas sehr Konkretes betrachtet. Alle Energien gingen nach außen. Aber das scheint nicht zur Innerlichkeit geführt zu haben. 

K: Damit kommen wir zu einer weit ernsteren Frage. Was bringt einen Menschen dazu, sich zu ändern? Würden Sie damit anfangen? Ich bin neidisch, ich bin brutal, ich bin gewalttätig, ich bin unsicher, ich bin verwirrt und eifersüchtig. In mir ist Hass. Ich bin das Ergebnis einer jahrtausendelangen Entwicklung. Warum habe ich mich nicht geändert? Das ist eine der grundlegenden Fragen. 

F: Ist es nicht zu früh, diese Frage zu stellen? 

K: Ja, es ist früh. 

F: Aber Sie sagen, dass wir dennoch auf diese Frage kommen müssen.

K: Ich habe das alles durchgemacht, und ich bin auf diese Frage gekommen. Und ich weiß die Natur zu schätzen, ich bin ständig in Kontakt mit ihr. Also fange ich an, ich schaue. Doch letztendlich muss ich mich fragen – Ich, ein Mensch, der leidet, der Angst hat und innerlich im Aufruhr ist wie alle anderen Menschen: »Warum habe ich mich nicht radikal geändert?« Das ist meine Frage.

F: Es ist interessant, dass der normale Mensch viel mehr damit beschäftigt ist, dem Objekt seiner Begierde nachzujagen oder vor dem Objekt seiner Angst zu fliehen, als sich zu fragen: »Warum bin ich habgierig?« oder »Warum habe ich Angst?«

K: Was ist Ihre Frage?

F: Es ist die Frage, die Sie aufgeworfen haben: Warum habe ich mich nicht geändert?

K: Fragen Sie sich selbst, mein Herr; fragen Sie sich selbst. Ich will damit nicht persönlich oder respektlos oder unverschämt sein. Fragen Sie sich selbst, warum Sie nach dreißig oder vierzig Jahren noch genauso sind, wie Sie immer waren – natürlich ein bisschen anders, aber nicht grundlegend verändert. Warum? Ich nehme an, dass sich jede vernünftige und nachdenkliche Person diese Frage stellen wird. 

Verstehen Sie, was ich mit ›Veränderung‹ meine?

F: Nein, ich verstehe es nicht.

K: Mit ›Veränderung‹ meine ich beispielsweise nicht, den Hinduismus aufzugeben und zum Buddhismus überzutreten oder umgekehrt. Denn das wäre nichts anderes als die ständige Wiederholung des immer gleichen Musters. 

F: Ja, aber wir sehen es nicht als das gleiche Muster; wir glauben, es sei ein anderes Muster.

K: Nehmen wir beispielsweise den Neid. Das ist eine gemeinsame Eigenschaft, die jeder hat, und die eine Menge Schwierigkeiten in der Welt verursacht hat. Man sieht die Folgen des Neids, aber man bleibt neidisch. Warum löscht man das nicht von Grund auf aus seinem Gehirn? Bitte machen Sie es nicht so kompliziert. Beobachten, dass das Gehirn neidisch ist, und das beseitigen – warum war das nicht möglich? Warum haben Sie es nicht getan? Sie sprechen nur unaufhörlich darüber.

F: Da scheint es eine Widersprüchlichkeit zu geben, denn ich habe das Gefühl, dass leiden in gewisser Hinsicht notwendig ist für diese ›radikale‹ Veränderung, von der Sie sprechen. Doch wenn man leidet und immer weiter leidet, wirkt das abstumpfend auf das Einzelwesen, das leidet. Wie gehen wir also von hier aus weiter? 

K: Zunächst einmal gibt es keine Trennung zwischen dem Äußeren und dem Inneren – sie sind eins. Können Sie das sehen? Sehen Sie wirklich die Tatsache, dass das Äußere, das heißt die Gesellschaft, in der wir leben und die wir geschaffen haben, und das Innere, das ›Ich‹, ein und dasselbe sind? Ich bin Teil der Gesellschaft. Die Gesellschaft ist nicht anders als ich. Das ist eine der grundlegenden Tatsachen. Erkennen Sie diese Tatsache wirklich, und stimmen Sie nicht bloß zu? 

Zweitens gibt es eine Trennung zwischen Ihnen und mir. Sie gehören einer Gruppe oder Gemeinschaft oder Religion an, und ich einer anderen Gruppe, einer anderen Gemeinschaft, einer anderen Religion und so weiter. Diese Trennung wird vom Denken erzeugt, und deshalb ist sie ungeheuer vielschichtig.

Jetzt sagen Sie: »Ich leide, Sie leiden, der Rest der Menschheit leidet.« Aber Sie fragen nie: »Kann dieses Leiden aufhören?«

F: Würden Sie sagen, dass die beiden Fragen – »Kann das Leiden aufhören?« und »Warum habe ich mich nicht geändert?« – ein und dieselbe Frage sind? 

K: Sie sind dieselbe.

F: Ist die Antwort auf beide Fragen in der Tatsache zu suchen, dass wir nicht genug Energie haben? 

K: Ich würde nicht sagen, dass wir nicht genug Energie haben. Wir haben jede Menge Energie, wenn wir etwas Bestimmtes tun wollen. Nicht wahr? Wenn Sie viel Geld verdienen wollen, arbeiten Sie wahnsinnig hart, um es zu bekommen. Ich glaube also nicht, dass es eine Frage der Energie ist. 

F: Liegt es daran, dass wir uns nicht mit jeder Faser unseres Herzens ändern wollen? Warum verflüchtigt sich der Wunsch, ›nicht zu leiden‹, oder der Wunsch, sich ›radikal zu ändern‹, so schnell in uns? 

K: Liegt es daran, dass wir keinen Gewinn daraus ziehen können? Wir sind Gewinn orientiert, nicht wahr? Wir wollen immer eine Belohnung. Unser Gehirn ist auf Belohnung und Bestrafung programmiert. Ist es nicht so? Wir arbeiten wie die Verrückten, wenn am Schluss eine Belohnung winkt – Geld, Ansehen, Glück, was auch immer.

PJ: Ich glaube, wir sind etwas vom Thema abgekommen. Wir hatten doch über die Sinne und ihre Arbeitsweise und …

K: Ja.

PJ: Die Sinne sind Energie. Das, was außen ist, ist Energie.

K: Hast du schon einmal gesehen, wie Grashalme durch Zementboden wachsen?