Wo fange ich an? – Teil 5

F: Sie sprechen von einem ›Kontakt mit der Natur‹. Mir scheint, dass im Kontakt mit der Natur auf ganz empfindsame Art Meditation stattfindet – besonders bei jener Art von Kontakt, die Sie beschreiben. Unglücklicherweise sind sehr viele Menschen, wie intelligent sie auch sein mögen, der Ansicht, dass eine bestimmte Sitzhaltung oder Methode für die Meditation sehr wichtig ist. 

K: Ich weiß.

F: Wenn Sie also von Meditation sprechen, einer Art von Meditation, bei der all diese Dinge wegfallen, ist man ratlos.

K: Dann seien Sie ratlos!

F: Aber wir sind nicht auf die Art und Weise ratlos, wie Sie es meinen.

K: Seien Sie ratlos, seien Sie ratlos.

F: Wir sind verwirrt.

K: All das zu machen ist Verwirrung. 

F: Wie würden Sie uns weiter führen, damit Meditation für uns Wirklichkeit wird? 

K: Ich weiß nicht, was Sie mit Meditation und Wirklichkeit meinen. Tut mir leid, ich will keine Witze machen, aber ich weiß wirklich nicht, was Sie mit diesen beiden Worten meinen: Meditation und Wirklichkeit. Und wir schweifen auch vielleicht von dem ab, was Pupulji anfangs sagte.

F: Ich habe diese Frage im Hinblick auf das volle Tätigsein der Sinne gestellt, weil sich diese Fähigkeit sehr von der  wissenschaftlichen oder technischen Einstellung unterscheidet. Der Wissenschaftler oder Technologe kümmert sich nur um das Äußere. 

K: Nein. Die Wissenschaftler stellen diese Fragen ebenfalls. Wie ich Ihnen vor ein paar Tagen erzählte, wurden wir nach Los Alamos, in das nationale Forschungszentrum der USA, eingeladen. Man befasst sich dort nicht nur mit Meditation, sondern auch mit der Frage, was Kreativität in der Wissenschaft bedeutet. Können Sie mir folgen? Diese Wissenschaftler gehen über eine rein technologische Annäherung an das Leben hinaus.

PJ: Es kann keine andere Quelle der Kreativität geben – das Wirken der Sinne selbst ist die Quelle der Kreativität.

K: Wenn man dieses ganze Universum betrachtet, einfach nur betrachtet, ohne nach Belohnung zu streben oder Bestrafung vermeiden zu wollen, wenn man nur etwas betrachtet – das Leiden der Dorfbewohner oder das Leiden dieser kleinen Jungen, die jeden Tag fünfzehn Kilometer zur Schule laufen –, dann ist dieses Betrachten mit einem tiefen Gewahrsein, einer großen Liebe, großem Mitgefühl verbunden. Man betrachtet also nicht nur mit den Sinnen, denn im Betrachten ist Liebe, ist Mitgefühl enthalten.  

PJ: Ja, jetzt kommen wir auf den Punkt. 

K: Ja. 

PJ: Was erwacht? Ich glaube, dass es möglich ist – ich spreche für mich selbst – mit allen Sinnen zu beobachten …

K: Das Erwachen aller Sinne und die mit diesem Erwachen verbundene Fülle – darin zeigt sich die Eigenschaft von etwas völlig anderem. 

PJ: Es muss etwas fehlen, denn – ich will es anders ausdrücken – diese Explosion des Herzens …

K: Das ist ein guter Ausdruck – Explosion des Herzens …

PJ: Die geschieht nicht. Die Explosion des Herzens findet nicht statt. Das ist der springende Punkt. 

K: Würdest du sagen, dass das Gehirn das Zentrum unserer gesamten elektrischen Reaktionen der Nerven ist? Es ist das Zentrum unseres gesamten Denkens. Es ist das Zentrum aller Verwirrung, allen Schmerzes, allen Leids, aller Angst und Niedergeschlagenheit, aller Hoffnungen, Erfolge und so weiter. Im Gehirn spielt sich eine Menge Verwirrendes und Widersprüchliches ab.

Das ist nicht Liebe. Deshalb muss Liebe etwas sein, das außerhalb des Gehirns existiert. Geh nur einmal logisch an die Sache heran. Und wir betrachten die Natur oder andere Menschen …

PJ: Vom Inneren des Gehirns aus. 

K: Ja, wir schauen vom Inneren des Gehirns aus. Gestern gingen wir hier mit ein paar Leuten spazieren, und da war eine absolute Stille, obwohl wir von Ochsenkarren, Rad fahrenden Kindern und jeder Menge anderer Geräusche umgeben waren. Da war nichts außer dieser unermesslichen Stille. Und im Äußeren war es nicht ruhig. Es war Stille; die ganze Welt war still. Und man selbst war still. Man nahm die gesamte Erde als Teil seiner selbst wahr. 

PJ: Das ist deine Aussage, und ich höre zu. 

K: Natürlich, vielleicht ist das ja alles Unsinn. 

PJ: Aber Tatsache ist, dass ich so nicht die Tränen eines anderen trockne. 

K: Nein. 

PJ: Wenn die Sinne gleichzeitig arbeiten, entsteht im Gehirn eine große Klarheit, eine große Lebendigkeit, die Kreativität mit sich bringt, aber es trocknet nicht die Tränen eines anderen Menschen. 

K: Nein. 

PJ: Ich frage mich, was die Tränen eines anderen trocknet. Denn so lange das nicht da ist …

K: Einen Augenblick. Kann das Gehirn – das ist meine Frage – so still sein, dass die Aktivität des Denkens in dieser Sekunde oder Zeitspanne vollkommen aufhört? Oder plappert das Gehirn immer weiter?

PJ: Ist es also das einzig Wahre, vollkommen wach zu sein, das heißt, dass alle Sinne voll arbeiten, und dann überhaupt nicht nach dem Anderen zu fragen?

K: Natürlich. Du kennst das Andere nicht einmal. Wie kannst du fragen …?

PJ: … was außerhalb des Schädels ist.

K: Ja. Ich weiß nur, was innerhalb des Schädels ist. Nicht wahr? Und dann kommst du und sagst: »So lange du da drin bleibst, wirst du überhaupt nichts lösen.« Du weist mich darauf hin. Und ich höre dir zu, weil ich die Folgerichtigkeit deiner Worte erkenne, den gesunden Menschenverstand, und ich sage: »Du hast völlig Recht.« Ich will also wissen, wie es ist, das Gehirn ganz und gar still werden zu lassen – obwohl es seinen eigenen Rhythmus hat. Wir haben alles versucht aber das Gehirn ist nie still geworden.

Meditation ist nicht Stillsein. Du versuchst, durch Kontrolle, durch alle möglichen Tricks zur Ruhe zu kommen. Aber das ist nicht die Regungslosigkeit und Schönheit wahrer Stille. Wo landen wir also schließlich?

PJ: Alles andere ist eine Erfindung des Menschen. Nur das ist Göttlichkeit, und leider wissen wir nicht, wie wir sie erreichen können, wie wir in Kontakt mit ihr kommen können.

K: Vor ein paar Tagen begegnete ich einem Mann. Einem großen Maler. Er sagte zu mir: »Der Mensch hat die schönsten Dinge gemacht.« Damit war die Sache für ihn erledigt. Daraufhin deutete ich auf einen Baum und sagte: »Den hat niemand gemacht.« Und er begann zu sehen. »Ja«, erwiderte er, »das ist interessant.«

Rishi Valley, 19. Dezember 1984