Biologisches Überleben und Intelligenz – Teil 3

MF: Nehmen wir an, ich höre auf zu wählen. Ist das dieses Sich-Entledigen?

PJ: Hat das Sich-Entledigen irgendwann ein Ende?

K: Oder ist es ein Vorgang der ständig weitergeht?

PJ: Und die zweite Frage war: Geschieht dieses Sich-Entledigen da, wo Intelligenz ist?

K: Fangen wir mit der ersten Frage an, das reicht. Was sagst du? 

PJ: Das ist eine dieser besonderen Fragen, auf die man weder mit ja noch mit nein antworten kann. 

PYD: Es hängt davon ab, ob es – [das Sich-Entledigen] – mit Zeit verbunden ist oder nicht. Wenn man es einlädt, ist es Zeit.

PJ: Wenn du sagst, dass es keine Frage der Zeit ist, dann handelt es sich um keinen Vorgang. Fünf Minuten später wird wieder etwas [im Bewusstsein] auftauchen. Diese Frage kann also nicht beantwortet werden. 

K: Ich bin nicht sicher. Fangen wir noch einmal an. Mein Bewusstsein setzt sich aus all diesen Dingen zusammen; mein Bewusstsein ist an den Lauf der Zeit gewöhnt; mein Bewusstsein denkt in allmählichen Abläufen. Mein Bewusstsein sagt: übe und erreiche etwas dadurch  – und das ist Zeit. Mein Bewusstsein ist ein zeitgebundener Vorgang. 

Jetzt frage ich dieses Bewusstsein, ob es darüber hinausgehen kann. Können wir, die wir im Ablauf der Zeit gefangen sind, über die Zeit hinausgehen? Das Bewusstsein kann diese Frage nicht beantworten. Das Bewusstsein weiß nicht, was es bedeutet, über die Zeit hinauszugehen, weil es nur in zeitlichen Kategorien denkt. Wenn es also gefragt wird, ob dieser Vorgang enden kann – was zu einem Zustand führt, in dem es keine Zeit gibt –, kann es diese Frage nicht beantworten, nicht wahr?

Da nun das Bewusstsein die Frage nicht beantworten kann, sagen wir: Lasst uns schauen, was Bewusstheit ist und ob diese Bewusstheit zu einem zeitlosen Zustand führen kann. Doch damit kommen neue Aspekte ins Spiel: Was ist Bewusstheit. Befindet sie sich im Bereich der Zeit oder außerhalb davon? Gibt es in der Bewusstheit irgendein Auswählen, irgendein Erklären, Rechtfertigen oder Verurteilen? Existiert in der Bewusstheit ein Beobachter oder jemand, der auswählt? Und wenn ein Beobachter da ist, ist es dann Bewusstheit? Gibt es eine Bewusstheit, in der der Beobachter völlig verschwunden ist? Offensichtlich. Ich nehme diese Lampe wahr; ich muss nicht entscheiden, wann ich sie wahrnehme. Gibt es eine Bewusstheit, in welcher der Beobachter völlig abwesend ist? – Nicht einen andauernden Zustand von Bewusstheit, in welchem der Beobachter abwesend ist, denn das wäre wiederum ein Trugschluss.

Achyut Patwardhan (AP): Der Begriff dafür ist svarupa sunyata – der Beobachter wird leer; er ist abgestreift.

K: Kann man diese Bewusstheit entwickeln oder fördern? Das würde Zeit ins Spiel bringen. Wie kommt diese Bewusstheit zustande, in der es keinen Beobachter gibt? Muss diese Bewusstheit entwickelt werden? Wenn sie entwickelt werden muss, ist sie eine Folgeerscheinung der Zeit und somit ein Teil jenes Bewusstseins, in dem ausgewählt wird. 

Und du sagst, dass [reine] Bewusstheit kein Auswählen ist; du sagst, dass sie ein Beobachten ohne Beobachter ist. Aber wie soll es dazu kommen, ohne dass das Bewusstsein sich einmischt? Kommt [reine] Bewusstheit aus dem Bewusstsein, entfaltet sie sich daraus? Oder ist sie frei vom Bewusstsein? 

PYD: Sie ist frei vom Bewusstsein. 

PJ: Stellt sie sich ein, wenn ich frage: Wer bin ich?

K: Diese Frage haben alle gestellt, die an der [indischen] Überlieferung festhalten.

PJ: Aber es ist eine entscheidende Frage. Stellt sich Bewusstheit ein, wenn ich versuche, den Ursprung des Ichs zu ergründen? Oder entsteht Bewusstheit, wenn man den Beobachter zu entdecken versucht?

K: Nein. In dem Augenblick, in dem du etwas versuchst, bist du wieder in der Zeit.

PJ: Es ist eine Frage der Worte. Du kannst das Bewusstsein in jeglicher Hinsicht frei machen – wo ist der Beobachter? Wir betrachten es als selbstverständlich, dass der Beobachter existiert. 

K: Lass uns [noch mal] langsam beginnen. Man sieht, was das Bewusstsein ist. Jede Regung innerhalb dieses Bereichs ist immer ein zeitlicher Vorgang: Das Bewusstsein mag versuchen, etwas zu sein oder nicht zu sein, es mag versuchen, darüber hinauszugehen, es mag versuchen, etwas zu erfinden, das über das Bewusstsein hinausgeht, aber es gehört immer noch der Zeit an. So komme ich also nicht weiter.

PJ: Ich möchte andere Worte benutzen als du. Also verwerfe ich alle deine Worte. Ich muss meine eigenen Werkzeuge benutzen. Welcher Bestandteil in meinem Inneren scheint der wichtigste und bedeutungsvollste zu sein? Es ist das ›Ich‹-Gefühl. 

K: Das die Vergangenheit ist. 

PJ: Ich werde mich nicht deiner Sprache bedienen. Es ist sehr interessant, die Dinge nicht mit deinen Worten auszudrücken. Ich sage, das Wichtigste in mir ist das ›Ich‹-Gefühl. Aber kann man das ›Ich‹ wahrnehmen? 

MF: Das ist eine falsche Frage. Ich sage Ihnen auch warum. Sie fragen: Kann ich das ›Ich‹ wahrnehmen? Aber das ›Ich‹ ist nichts weiter als ein unstillbarer Hunger nach Erfahrungen.

K: Pupul begann mit der Frage: Wer bin ich? Ist das ›Ich‹ ein Werk des Bewusstseins? 

PJ: Lass uns das anschauen; lass es uns untersuchen.

K: Wenn ich mich frage: Wer bin ich – ist dann das ›Ich‹ der zentrale Faktor im Bewusstsein? 

PJ: Es scheint so. Und dann sage ich: Lass mich das ›Ich‹ sehen, lass es mich entdecken, wahrnehmen, berühren.

K: Du fragst also: Kann man diesen zentralen Faktor mit den Sinnen wahrnehmen? Ist dieser zentrale Faktor irgendwie greifbar. Kann man ihn fühlen oder schmecken? Oder ist dieser zentrale Faktor – das ›Ich‹ – eine Erfindung der Sinne? 

PJ: Das kommt später. Zuerst schaue ich, ob ich damit in Kontakt kommen kann.

K: Wenn ich frage: Wer bin ich?, muss ich auch fragen, wer da Nachforschungen anstellt, wer der Fragende ist. 

PJ: Ich stelle diese Frage jetzt nicht. Ich habe sie immer wieder gestellt; ich habe endlos über Bewusstheit diskutiert. Ich gebe das auf, weil du gesagt hast, akzeptiere kein einziges Wort, das nicht dein eigenes ist. Ich beginne damit, hinzuschauen. Ist dieses ›Ich‹, der zentrale Kern meines Wesens, etwas Greifbares? Ich beobachte es in den oberflächlichen Schichten, in den tieferen Schichten meines Bewusstseins und in den verborgenen dunklen Winkeln. Und während ich es enthülle, zeigt sich ein Licht, findet eine Explosion, eine innere Ausweitung statt.

Ein weiterer Aspekt ist, dass das, was [anderes] ausgeschlossen hat, nun zunehmend [anderes] einschließt. Bisher habe ich mich abgegrenzt, jetzt strömt die Welt in mich hinein.

K: Wir sehen das.