Biologisches Überleben und Intelligenz – Teil 4

PJ: Und ich stelle fest, dass das nichts ist, was man wahrnehmen kann. Wahrnehmen kann man nur das, was gewesen ist. Es ist ein Ausdruck dieses ›Ichs‹. Ich sehe, dass sich in mir gerade ein Gedanke über dieses ›Ich‹ geregt hat, aber der ist schon vorbei. Dann untersuche ich: Woraus entsteht ein Gedanke? Kann ich einen Gedanken verfolgen? Wie weit kann ich mit einem Gedanken mitgehen? Wie lange kann ich einen Gedanken halten? Kann ein Gedanke im Bewusstsein gehalten werden? Das sind greifbare Dinge, die jeder Einzelne ganz allein für sich selbst spüren muss. 

K: Machen wir es nicht kompliziert. Wenn ich frage: Wer bin ich – wer stellt dann diese Frage? Untersucht man das, stellt man fest, dass das ›Ich‹ nicht beobachtbar ist. Deshalb stellt sich die Frage: Existiert das ›Ich‹ im Bereich der Sinne? Oder haben die Sinne das ›Ich‹ erschaffen?

PJ: Die Tatsache, dass es nicht im Zugriff der Sinne ist …

K: Schweife nicht ab. Ist es nicht auch im Bereich der Sinne gegenwärtig? Wir sind zu voreilig.

PJ: Ich will alles beiseite lassen, was Krishnaji gesagt hat, und ich stelle fest, dass bereits das Erforschen, das Untersuchen des ›Ichs‹ Licht erzeugt. Es lässt Intelligenz entstehen.

K: Du sagst, dass bereits das Erforschen zur Bewusstheit führt. Natürlich. Ich habe nicht gesagt, dass es nicht so ist.

PJ: Beim Erforschen kann man nur bestimmte Instrumente benutzen, und das sind die Sinne. Ob das Erforschen nun innen oder außen stattfindet, die einzigen Instrumente, die dafür zur Verfügung stehen sind die Sinne, denn wir kennen nichts anderes: Das Sehen, das Hören, das Fühlen – und der Bereich [des Forschens] ist erleuchtet. Der äußere und der innere Bereich sind erleuchtet. Und in diesem Zustand der Erleuchtung stellt man plötzlich fest, dass da ein Gedanke war, aber er ist schon vorbei. Wenn man nun fragt: Geschieht das Sich-Entledigen teilweise oder ist es vollständig, dann ist die Frage ohne Belang; sie hat keine Bedeutung. 

K: Einen Augenblick. Da bin ich nicht sicher. Ist Wahrnehmung unvollständig? Ich habe mit den Sinnen geforscht – mit den Sinnen, die das ›Ich‹ erschaffen, das ›Ich‹ erforschen. Diese Beschäftigung bringt eine gewisse Erhellung, eine Klarheit, mit sich. Keine völlige Klarheit, aber eine gewisse Klarheit.

PJ: Ich würde nicht ›eine gewisse Klarheit‹ sagen, sondern ›Klarheit‹.

K: Es bringt Klarheit. Bleiben wir dabei. Kann man diese Klarheit erweitern?

PJ: Das liegt in der Natur des Sehens – Ich kann das hier sehen und ich kann das dort drüben sehen, je nachdem, wie gut die Sehkraft der Augen ist. 

K: Wir haben gesagt, dass Wahrnehmen nicht nur visuell, sondern auch nicht-visuell erfolgt. Wir haben gesagt, dass es die Wahrnehmung ist, die erhellt. 

PJ: Ich würde dich gerne etwas fragen. Du hast gesagt, dass Sehen nicht nur ein visueller, sondern auch ein nicht-visueller Vorgang ist. Was ist das Wesen dieses Sehens ohne den Gesichtssinn? 

K: Das Nicht-Visuelle ist das Undenkbare. Das Nicht-Visuelle hat weder etwas mit Worten noch mit Denken zu tun. Das ist alles. Es ist ohne Sinn und Zweck, ohne Äußerungsform, ohne Gedanken. Gibt es ein Wahrnehmen ohne Gedanken? Mach du jetzt weiter.

PJ: Es gibt ein Wahrnehmen, welches das Nahe und das Ferne sehen kann.

K: Warte. Wir sprechen nur von Wahrnehmen – nicht von Dauer, Länge, Größe oder Weite des Wahrnehmens, sondern von einem nicht-visuellen Wahrnehmen, das weder tief noch oberflächlich ist. Oberflächliches oder tief reichendes Wahrnehmen gibt es nur, wenn sich das Denken einmischt.

PJ: Gibt es in diesem Wahrnehmen ein teilweises oder vollständiges Sich-Entledigen [der Bewusstseinsinhalte]? Mit dieser Frage hatten wir angefangen.

MF: Sie fragt Folgendes: In jedem Wahrnehmen gibt es den wortlosen Anteil der reinen Sinnesempfindung und eine Überlagerung mit psychischen Inhalten. Gibt es einen Zustand, in dem keine Überlagerung stattfindet und auch kein Sich-Entledigen?

PJ: Das ist richtig. Wahrnehmen ist [einfach nur] Wahrnehmen. Wir fragen: Gibt es ein Wahrnehmen, bei dem ein Sich-Entledigen gar nicht nötig ist?

K: So etwas wie ein ewig währendes Wahrnehmen gibt es nicht.

PJ: Ist es identisch mit dem, was du Intelligenz nennst? 

K: Ich weiß nicht. Warum fragst du das? 

PJ: Weil sie zeitlos ist.

K: Zeitlos bedeutet zeitlos. Warum fragst du das? Ist Wahrnehmen ohne Worte nicht auch frei von Zeit und Denken? Wenn du diese Frage beantwortet hast, dann hast du auch die andere beantwortet. Ein Geist, der wahrnimmt, stellt diese Frage nicht; er nimmt wahr. Und jedes Wahrnehmen ist [nichts als] Wahrnehmen; er überträgt die Wahrnehmung nicht [ins Denken]. An welchem Punkt taucht die Frage nach dem Sich-Entledigen oder nicht Sich-Entledigen auf? 

PJ: Wahrnehmen wird nie in einen weiteren Gedanken übertragen. Ich sehe diese Lampe. Das Sehen wurde nicht weitergeführt. Nur das Denken wird weitergeführt. 

K: Das ist klar. Mein Bewusstsein ist mein ganzes Denken und Fühlen, welches die Folge der Sinneswahrnehmungen ist. Es ist auch das Produkt der Evolution und der Zeit. Es kann sich erweitern und verengen. Und das Denken ist Teil des Bewusstseins. Nun kommt jemand daher und fragt: Wer bin ich? Ist das ›Ich‹ ein fester Bestandteil dieses Bewusstseins? 

PYD: Es ist kein fester Bestandteil. 

K: Ist dieses ›Ich‹ Bewusstsein?

PYD: Das kann es nicht sein.

K: Bewusstsein ist etwas Ererbtes. Natürlich ist es das.

MF: Wir vermischen die Vorstellung von Bewusstsein mit der Erfahrung des Bewusstseins.

K: Das ist ganz klar – das ›Ich‹ ist dieses Bewusstsein.

PJ: Das ›Ich‹ ist für mich etwas sehr Reales, bis ich anfange, es zu untersuchen. 

K: Natürlich. Tatsache ist, dass ich, nachdem ich hingeschaut habe, beobachtet habe, erkenne, dass ich dieses ganze Bewusstsein bin. Das sind nicht bloß leere Worte. Ich bin das Ererbte –all das bin ich. Kann dieses ›Ich‹ beobachtet werden? Kann man es fühlen, kann man es drehen und wenden? Ist es das Produkt des Wahrnehmens und des Ererbten?

MF: Es ist nicht das Produkt des Ererbten; es ist das Ererbte.