Mitgefühl als grenzenlose Energie – Teil 2

Jaganath Upadhyaya (JU): Jegliches Handeln findet innerhalb der Grenzen von Zeit und Raum statt. Versuchen Sie, uns zu einem Punkt zu führen, wo wir sehen, dass jegliches Handeln, wie wir es kennen, nicht nur durch Zeit und Raum begrenzt ist, sondern auch eine Illusion ist und deshalb negiert werden muss?

K: Ja, es wird negiert. Ist das eine Theorie, oder ist es Wirklichkeit?

JU: Sprechen Sie von dem Zustand zwischen zwei Handlungen?

K: Sollen wir zuerst einmal untersuchen, was Handeln ist? Was ist Handeln?

JU: In Wirklichkeit gibt es kein Handeln.

K: Ihr theoretisiert alle bloß. Ich will wissen, was Handeln ist, und zwar nicht gemäß irgendeiner Theorie, sondern in Wirklichkeit. Was ist Handeln an sich – das Tun?

JU: Handeln ist die Bewegung des Denkens von einem Punkt im Raum zu einem anderen oder von einem Moment zum nächsten …

K: Ich spreche nicht vom Denken, das sich von einem Punkt zum nächsten bewegt, sondern vom Handeln, vom Tun.

PJ: Was ist die grundlegende Frage?

K: Ich versuche, die grundlegende Frage zu stellen, die du zu Beginn des Gesprächs aufgeworfen hast: Was hindert uns am Erblühen? (Ich benutze das Wort ›Erblühen‹ mit all der Schönheit, dem Duft und der Freude, die damit verbunden sind). Ist es im Grunde das Denken, das uns daran hindert? Ich frage nur. Ist es die Zeit, oder ist es Handeln? Oder habe ich das Buch, das ich selbst bin, nicht wirklich, nicht gründlich gelesen. Vielleicht habe ich bestimmte Seiten eines Kapitels gelesen, aber ich habe es nicht ganz zu Ende gelesen.

PJ: Ich sage an diesem Punkt, dass ich das Buch gelesen habe. Aber ich kann natürlich nicht sagen, dass ich es vollständig gelesen habe, denn jeden Tag, jede Minute wird ein weiteres Kapitel hinzugefügt.

K: Nein, nein. Da wären wir wieder. Ich stelle eine Frage: Hast du je das Buch gelesen – nicht entsprechend den Lehren des Vedanta oder des Buddhismus oder des Islam. Und auch nicht entsprechend den modernen Psychologen, sondern hast du es wirklich gelesen?

PJ: Kann man jemals fragen, ob man das ganze Buch des Lebens gelesen hat?

K: Wenn du je in dem Buch gelesen hast, wirst du feststellen, dass es da gar nichts zu lesen gibt.

JU: Sie haben gesagt, dass das Wahrnehmen des Augenblicks in seiner Gesamtheit den ganzen Augenblick erschließt.

K: Aber das ist nur eine Theorie. Das soll keine Kritik sein. Pupulji sagte: Ich habe K zugehört; ich habe verschiedene Gurus getroffen; ich habe meditiert. Und am Ende habe ich nur Asche in der Hand und im Mund.

PJ: Nein; ich würde nicht sagen, dass ich Asche in der Hand habe.

K: Warum nicht?

PJ: Weil ich das nicht als Asche betrachte. 

MZ: Wir sind bis zu einem bestimmten Punkt gekommen. Wir haben geforscht.

K: Ja, das gebe ich zu. Ihr seid bis zu einem bestimmten Punkt gekommen, und da seid ihr steckengeblieben. Ist es nicht so?

PJ: Ich bin bis zu einem bestimmten Punkt gekommen, und ich weiß nicht, was zu tun ist, wohin ich gehen soll, wie ich die Richtung ändere.

Radha Burnier (RB): Meinst du, dass kein Durchbruch stattfindet?

K: Warum bleibst du nicht einfach? Ich habe einen bestimmten Punkt erreicht, und dieser Punkt umfasst all das, was wir gesagt haben, und von dort gehe ich los. 

PJ: Eins musst du wissen, Krishnaji. Es ist etwas anderes, wenn man eine Reise unternimmt und dann sagt: Wir sind verzweifelt. Ich sage das nicht.

K: Bist du nicht verzweifelt?

PJ: Nein. Aber ich bin auch wach genug, um zu erkennen, dass bei der Reise die Blume nicht erblüht ist. 

K: Du fragst also, warum die Blume nicht blüht, warum sich die Knospe nicht öffnet – sag es, wie du willst.

AP: Um es aus dem persönlichen Kontext herauszunehmen – wenn du zu uns sprichst, ist da etwas in uns, das zum Klingen gebracht wird und sagt, dass dies der wahre, der richtige Ton ist, aber wir können ihn nicht halten.

PJ: Ich habe geweint, ich war verzweifelt, und ich habe Dunkelheit gesehen in meinem Leben. Aber ich hatte auch die Kraft, da heraus zu kommen, und nachdem ich dies hinter mir gelassen habe, bin ich an einen Punkt gelangt, an dem ich sage: »Ich habe all das getan. Sag mir, was sonst noch zu tun ist?«

K: Ich komme zu dir und stelle dir diese Frage: Wie würdest du antworten, nachdem du gerade all das gesagt hast? Was würdest du mir sagen, anstelle deiner Frage? Wie würdest du antworten?

PJ: Die Antwort heißt tapas

AP: Tapas bedeutet, dass du weitermachen musst, und ›weitermachen‹ erfordert Zeit.

PJ: Es bedeutet, die Verunreinigungen zu verbrennen, die deine klare Sicht trüben.

K: Verstehst du die Frage? ›Denken ist unrein‹ – können wir das untersuchen?

RB: Das ist sehr interessant. Denken ist unrein – aber es gibt keine Unreinheit.

K: Wenn du zugibst, dass das Denken unrein ist – unrein in dem Sinne, dass es nichts Ganzes ist …

RB: Ja, es ist das, was verschmutzt.

K: Nein. Denken ist unvollständig. Es ist bruchstückhaft, und deshalb ist es ›verschmutzt‹, deshalb ist es ›unrein‹ oder wie auch immer du es bezeichnen willst. Was heil und ganz ist, geht über Unreinheit oder Reinheit, über Scham und Angst hinaus. Wenn Pupulji sagt, »verbrenne die Verunreinigungen«, dann hört bitte auf diese Weise zu. Warum ist das Gehirn unfähig, das Ganze wahrzunehmen und aus dieser Ganzheit heraus zu handeln? Ist die Ursache – die Blockade, das Hindernis, die Unfähigkeit zu erblühen – das Denken, das nicht fähig ist, das Ganze wahrzunehmen? Das Denken dreht sich endlos im Kreis.