Mitgefühl als grenzenlose Energie – Teil 6

JU: Ich will das wissen. Die Frage, die Sie gestellt haben, ist meine Frage. Sie haben sie mit Klarheit gestellt.

K: Der Sprecher sagt: Sträuben Sie sich nicht, hören Sie zu. Versuchen Sie zuzuhören, ohne dass sich das Denken regt, das bedeutet, etwas zu sehen, ohne es zu benennen. Das Benennen ist die Betätigung des Denkens. Und dann finden Sie heraus, in welchem Zustand sich das Gehirn befindet, wenn es beim Schauen die Worte nicht benutzt hat – die Worte, die eine Regung des Denkens sind. Tun Sie es. 

RS: Das ist sehr wichtig. 

AP: Das ist deine Wahrnehmung.

JU: Das stimmt.

PJ: Es ist die Wahrheit, wenn die Unfähigkeit des Gehirns gesehen wird.

K: Mein ganzes Leben hat sich verändert. Deshalb findet ein ganz anderer Lernprozess statt, der Schöpfung ist.

PJ: Wenn das allein schon der Lernprozess ist, dann ist das Kreativität.

K: Ich erkenne, dass mein Leben nicht in Ordnung ist. Das braucht mir niemand zu sagen; es ist so. Es ist eine Tatsache, und dann kommst du daher und sagst mir, dass ich sofort etwas tun kann. Ich glaube dir nicht. Ich habe das Gefühl, dass es nie eintreten kann. Du kommst und sagst mir, dass dieser ganze Kampf, diese schreckliche Art zu leben, unmittelbar beendet werden kann. Mein Gehirn sagt: »Entschuldige, aber du bist verrückt; ich glaube dir nicht. Auch wenn du Gott wärst oder Buddha, ich glaube dir nicht.« Doch K sagt: »Schau, ich werde es dir Schritt für Schritt zeigen. Hör zu; nimm dir Zeit.« Ich benutze das Wort ›Zeit‹ hier im Sinne von Geduld haben, aber eigentlich hat Geduld nichts mit Zeit zu tun; Ungeduld hat mit Zeit zu tun. Geduld kennt keine Zeit.

SP: Was ist [diese] Geduld, die keine Zeit ist? 

K: Ich sagte – wir alle sagten –, dass das Leben Konflikt ist. Nun sage ich dir, dass der Konflikt ein Ende haben kann, und das Gehirn leistet Widerstand. Ich sage, lass es ruhig Widerstand leisten, aber hör mir bitte weiterhin zu. Ich sage dir, dass du nicht immer mehr Widerstände aufbauen sollst. Ich sage dir, hör einfach zu, beweg dich weiter, bleib nicht beim Widerstand. Die eigenen Widerstände zu beobachten und dabei in Bewegung zu bleiben – das ist Geduld. Den Widerstand zu kennen und sich weiterzubewegen, das ist Geduld. Also sage ich: Widersetz dich nicht, sondern hör auf die Tatsache, dass dein Gehirn ein Netzwerk aus Worten ist und dass du nichts Neues sehen kannst, wenn du immer nur Worte, Worte, Worte benutzt. 

Kannst du also etwas anschauen, irgendetwas – deine Frau, einen Baum, den Himmel, eine Wolke –, ohne ein einziges Wort zu benutzen? Sag nicht: »Das ist eine Wolke.« Schau einfach. Wenn du so schaust, was ist dann mit dem Gehirn geschehen?

AP: Unser Erkennen und unser Verstehen besteht aus Worten. Wenn ich das erkenne, lasse ich das Wort beiseite, und was ich nun sehe, ist wortlos. Was geschieht dann mit dem angesammelten Wissen?

K: Was geschieht – nicht theoretisch, sondern wirklich –, wenn du schaust, ohne Worte zu benutzen? Das Wort ist das Symbol, das Erinnerte, das Wissen.

AP: Das ist nur ein Wahrnehmen. Wie reagiert der Geist, wenn ich etwas beobachte und mein auf Worten beruhendes Wissen beiseite lasse, wenn ich das Wortlose beobachte? Er glaubt, seine gesamte Existenz sei bedroht.

K: Beobachte es in dir selbst. Was geschieht? Der Geist befindet sich in einem Schockzustand; er ist erschüttert. Sei also geduldig. Beobachte, wie er erschüttert ist – das ist Geduld. Sieh das Gehirn in seinem Zustand der Erschütterung und bleib dabei. Und während du es beobachtest, kommt es zur Ruhe. Betrachte dann die Dinge mit diesem ruhigen Gehirn; beobachte. Das ist Lernen. 

AP: Upadhyayaji, K sagt: Wenn man die Instabilität des Geistes beobachtet, wenn man sieht, dass das seine Wesensart ist, dann verschwindet dieser Zustand.

K: Ist das geschehen? Das Band ist zerrissen. Die Kette ist zerbrochen. Das ist der Test. Machen wir also weiter. Es gibt eine Art und Weise des Zuhörens, des Sehens und des Lernens ohne Wissen. Was geschieht dann? Was ist Lernen? Gibt es überhaupt etwas zu lernen? Es bedeutet, dass man das ganze Selbst ausgelöscht hat. Ich frage mich, ob du das siehst. Denn das Selbst ist Wissen. Das Selbst besteht aus Erfahrung, Wissen, Denken, Erinnerung; erinnern, denken, handeln – das ist der Kreislauf. Ist es jetzt geschehen? Wenn nicht, fangen wir wieder von vorne an. Das ist Geduld. Diese Geduld kennt keine Zeit. Ungeduld hat mit Zeit zu tun.

JU: Was kommt bei diesem Beobachten und Zuhören heraus? Hält dieser Zustand an, oder kommt etwas dabei heraus, das die ganze Welt verwandelt?

K: Die Welt ist, was ich bin, die Welt ist das Selbst, die Welt besteht aus verschiedenen Erscheinungsformen des Selbst. Das Selbst bin ich. Was geschieht nun, wenn das stattfindet, und zwar tatsächlich, nicht theoretisch? Zunächst einmal ist da eine gewaltige, grenzenlose Energie – nicht die Energie, die das Denken erzeugt, nicht die Energie, die aus dem Wissen hervorgeht, sondern eine völlig andere Art von Energie, die dann tätig wird. Diese Energie ist Mitgefühl und Liebe. Diese Liebe und dieses Mitgefühl sind Intelligenz, und diese Intelligenz handelt.

AP: Dieses Handeln entspringt nicht dem ›Ich‹. 

K: Nein, nein. Er fragt: Wenn das wirklich geschieht – was ist dann der nächste Schritt? Was geschieht? Was tatsächlich geschieht, ist, dass er nun diese Energie hat, die Mitgefühl, Liebe und Intelligenz ist. Und diese Intelligenz handelt im [täglichen] Leben. Wenn das Selbst nicht da ist, ist das ›Andere‹ da. Das ›Andere‹ ist Mitgefühl, Liebe und diese ungeheure, grenzenlose Energie. Diese Intelligenz handelt. Und diese Intelligenz ist natürlich weder deine noch meine.

Madras, 16. Januar 1981