Kann sich das Gehirn von seiner eigenen Begrenzung befreien? – Teil 1

J. Krishnamurti (K): Da Asit mit der Herstellung von Computern zu tun hat, haben wir – er und ich – immer und überall, wo wir uns auf der Welt trafen, über die Beziehung zwischen dem menschlichen Geist und dem Computer gesprochen. Wir versuchten herauszufinden, was Intelligenz ist und ob es etwas gibt, das der Computer nicht leisten kann – etwas, das weit über das hinausgeht, was der Mensch in der Außenwelt tun kann.

Ich dachte, dass wir uns vielleicht heute Morgen eingehender mit diesem Thema beschäftigen könnten.

Asit Chandmal (AC): Die Amerikaner sind gerade dabei, Supercomputer zu entwickeln. Jetzt müssen wir Menschen in gewissem Sinne intelligenter sein als die Technologie der Amerikaner, um der von dieser Technologie ausgehenden  Bedrohung entgegen zu wirken. Und das gilt nicht nur für die Computertechnologie, sondern auch für die Gentechnologie und die Biochemie. Sie versuchen, absolute Kontrolle über die genetischen Merkmale zu bekommen. Ich bin sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Schnittstellen entwickelt werden, die Computer und menschliches Gehirn miteinander verbinden. In Russland wird gegenwärtig viel über die Fähigkeit, Gedanken zu lesen und sie an andere Menschen zu übermitteln, geforscht.

Ich würde gern ein bisschen spekulieren. Mit ›spekulieren‹ meine ich, dass ich jetzt bestimmte Probleme sehe, die innerhalb der nächsten paar Jahre technologisch lösbar sein werden. Ich glaube, das ist wichtig, weil du nicht nur zu uns sprichst, sondern auch zu den Menschen in den kommenden Jahrhunderten, für die all das Realität sein wird. Betrachten wir beispielsweise die gegenwärtige Rolle des Lehrers. Du kannst dir einen kleinen Computer besorgen, einen Magnetstreifen einlegen, und er wird sich mit dir auf Französisch verständigen. Legst du einen anderen Magnetstreifen ein, verständigt er sich mit dir sofort fließend auf Arabisch, Japanisch oder in jeder anderen Sprache. Nehmen wir weiter an, dieser Magnetstreifen könnte in das menschliche Gehirn eingelegt werden. Das einzige Problem ist die Schnittstelle zwischen Gehirn und Magnetstreifen, denn das Gehirn funktioniert wie ein elektrischer Schaltkreis. Da fragt sich: Was passiert dann mit der Rolle des Lehrers?

Ein weiterer Punkt ist, dass die ungeheure Zunahme physischer Hilfsmittel wie Autos und Waschmaschinen in den Wohlstandsgesellschaften zu einer gewissen Degeneration des menschlichen Körpers geführt hat. Da heute immer mehr Aufgaben des Verstandes vom Computer übernommen werden, wird auch der menschliche Geist verkümmern, und zwar nicht nur auf der Ebene, von der du sprichst, sondern sogar im Hinblick auf seine ganz normalen Funktionen. Ich betrachte das als ein enormes Problem. Wie geht man mit einem solchen Problem in einer Welt um, die sich in diese Richtung entwickelt? 

K: Wenn lernen unmittelbar stattfindet, sagen wir beispielsweise, wenn ich morgens beim Aufwachen verschiedene Sprachen beherrschen kann, welche Funktion hat dann das Gehirn? Welche Funktion hat der Mensch?

Pupul Jayakar (PJ): Geht es dabei nicht um die Frage, was das Menschliche ist? Geht es nicht um die Frage, was es, abgesehen von all diesen Dingen, bedeutet, ein Mensch zu sein?

K: So wie er jetzt ist, besteht der Mensch offensichtlich aus einer Fülle von angesammeltem Wissen und daraus sich ergebenden Reaktionen. Würdest du dem zustimmen? Wenn die Maschine, der Computer, all diese Aufgaben übernimmt, was wird dann der Mensch sein? Und welche Aufgabe hat dann eine Schule? Bitte denkt gründlich über diese Frage nach. Hier ist keine schnelle Antwort angebracht. Das ist ein sehr ernstes Thema. Was ist ein Mensch, wenn seine ganzen Ängste, sein Leid und seine Sorgen durch chemische Präparate oder irgendeine implantierte elektrische Schaltung ausgelöscht werden? Was bin ich dann? Ich glaube nicht, dass wir die ganze Tragweite dieser Frage erfassen.

PJ: Wenn du ein starkes Beruhigungsmittel einnimmst, sind deine Ängste vorübergehend ausgeschaltet. Das ist unbestreitbar. Aber wenn man klonen kann, kann man alles machen. Aber wir übersehen da irgendetwas. Ich glaube nicht, dass wir zum Kern der Sache vordringen. Da ist noch etwas anderes im Spiel.

K: Schau, Pupul, wenn meine Sorgen und Ängste, wenn mein Leiden gelindert und mein Vergnügen gesteigert werden können, frage ich: Was ist dann ein Mensch? Was ist der menschliche Geist? 

Achyut Patwardhan (AP): Verstehe ich, dass der Mensch, während er einerseits diese außergewöhnlichen Fähigkeiten entwickelt hat, gleichzeitig einem damit einhergehenden Prozess des geistigen Verfalls unterworfen ist, der eine Nebenwirkung der Hochtechnologien darstellt?

AC: Wenn du ein Auto hast und deshalb überhaupt nicht mehr läufst, verkümmert dein Körper. Und wenn der Computer Aufgaben des Verstandes übernimmt, wird der menschliche Geist verkümmern. Das ist alles was ich sagen will.

K: Ich glaube nicht, dass wir das Ausmaß dessen, was da geschieht, erfassen. Wir streiten uns darüber, ob es überhaupt so weit kommen kann. Es wird geschehen. Und was sind wir dann? Was ist dann ein Mensch? Und wenn dann der Computer – wenn ich das Wort ›Computer‹ verwende, meine ich auch alle anderen Hilfsmittel wie chemische Präparate und so weiter – von uns Besitz ergreifen und wir unser Gehirn nicht mehr beanspruchen, dann wird es – das Gehirn – physisch verkümmern. Da fragt sich: Wie sollen wir das verhindern? Was sollen wir tun? Wir müssen unser Gehirn beanspruchen. Gegenwärtig wird unser Gehirn durch Schmerz, durch Vergnügen, durch Leiden, durch Sorgen und all diese Dinge beansprucht. Es arbeitet auf Grund von Schmerz und Vergnügen. Es arbeitet, weil wir Probleme haben. Aber wenn Maschinen und chemische Präparate die Sache übernehmen, wird es aufhören zu arbeiten. Und wenn es nicht arbeitet, verkümmert es.