Kann sich das Gehirn von seiner eigenen Begrenzung befreien? – Teil 4

K: (Fortsetzung) Können wir uns etwas anderem zuwenden? Vergnügen spielt sich immer im Rahmen des Bekannten ab. Heute habe ich keinen Spaß, aber übermorgen könnte es geschehen. Ich denke gerne darüber nach, dass es geschehen wird. Ich weiß nicht, ob ihr versteht, was ich meine. Vergnügen ist ein zeitlicher Vorgang. Gibt es Vergnügen, das nicht auf dem beruht, was ich schon kenne? Mein ganzes Leben besteht aus dem Bekannten. Ich übertrage das Bekannte auf die Zukunft. Die Zukunft ist die Gegenwart in abgewandelter Form, aber sie ist immer noch das Bekannte. Im Unbekannten habe ich kein Vergnügen. Und der Computer und so weiter existiert im Bereich des Bekannten. Die eigentliche Frage ist also nur, ob wir frei vom Bekannten sein können. Das ist die eigentliche Frage, denn dort [im Bekannten] ist das Vergnügen, dort ist das Leiden, dort ist die Angst. Die gesamte Aktivität des Geistes ist das Bekannte. Und er – der Geist – kann sich das Unbekannte ausmalen, kann theoretische Überlegungen darüber anstellen, aber das sind keine Tatsachen. Somit gehören Computer, chemische Präparate, die Genetik, das Klonen alle zum Bereich des Bekannten. Kann es also Freiheit vom Bekannten geben? Das Bekannte zerstört den Menschen. Die Astrophysiker stoßen auf der Basis des Bekannten in den Weltraum vor. Sie erforschen den Himmel, den Kosmos, mit Instrumenten, die vom Denken entwickelt wurden, und sie schauen durch diese Instrumente und entdecken das Universum. Sie beobachten es, aber das Ganze spielt sich immer noch im Bereich des Bekannten ab.

PJ: Der Geist des Menschen ist zurzeit gefährdet. Auf Grund der Art und Weise, wie er funktioniert, wird er zerstört. Mir kam gerade ein sehr interessanter Gedanke, nämlich, dass die gegenwärtige Funktionsweise des Geistes – so wie wir sie kennen – entweder durch die Maschine zerstört wird, die von ihm Besitz ergreift, oder durch das Andere: die Freiheit vom Bekannten. Du siehst also, die Herausforderung ist viel größer.

K: Ja. Das habe ich gesagt. Du hast es verstanden. Pupul sagt, wenn ich sie richtig verstehe, dass das Bekannte, in dessen Rahmen unser Geist funktioniert, uns zerstört. Das Bekannte schließt auch Zukunftsvisionen wie Computer, Drogen, Gentechnik, Klonen ein und alles, was diese Dinge mit sich bringen. Beides zerstört uns also.

AC: Sie sagt auch, dass der Geist des Menschen sich von jeher auf seiner Suche nach Vergnügen im Rahmen des Bekannten bewegt hat. Das hat zu Technologien geführt, die den Geist zerstören werden. Und dann hat sie noch gesagt, dass das Andere, also die Freiheit vom Bekannten, den Geist, wie wir ihn jetzt kennen, ebenfalls zerstören wird.

K: Was sagst du?

AC: Sie sagt, dass es zwei geistige Bewegungen gibt. Die Bewegung des Bekannten führt zu einer zunehmenden Zerstörung des Geistes. Der Ausweg ist die Freiheit vom Bekannten, die ebenfalls die Bewegung des Bekannten zerstört.

K: Warte. Freiheit ist nicht Freiheit von etwas. Freiheit ist ein Enden. Kannst du mir folgen?

AC: Meinst du damit, dass diese Freiheit vom Bekannten so beschaffen ist, dass man diese Bewegung des Bekannten nicht zerstört? Meinst du, dass in dieser Freiheit vom Bekannten das Denken, der Geist ihren Platz haben? Meinst du, dass darin Freiheit liegt?

K: Ich sage, dass nur Freiheit existiert – aber nicht Freiheit vom Bekannten.

PJ: Das, was wir den menschlichen Geist nennen, arbeitet, funktioniert auf eine ganz bestimmte Weise. Der menschliche Geist wird durch technologische Fortschritte unter Druck gesetzt. Das Andere, nämlich die Freiheit vom Bekannten, zerstört ebenfalls diese Funktionsweise des Geistes. Deshalb ist es unvermeidlich, dass ein neuer Geist entsteht – ob er nun durch neue Technologien oder durch die Freiheit vom Bekannten hervorgebracht wird. Es gibt nur diese beiden Möglichkeiten; der gegenwärtige Zustand ist überholt.

K: Lasst uns das klarstellen. Es muss entweder einen neuen Geist geben, oder die gegenwärtige Entwicklung wird den Geist zerstören. Nicht wahr? Aber der neue Geist kann nur dann wirklich existieren – nicht theoretisch –, wenn das Wissen endet. Das Wissen hat die Denkmaschine, den Computer erschaffen, und auch unser Leben beruht auf Wissen. Wir sind Denkmaschinen, aber gegenwärtig trennen wir diese beiden Dinge. Der Computer zerstört uns. Er ist das Werk des Wissens, und wir sind das Werk des Wissens. Folglich werden wir vom Wissen zerstört, nicht vom Computer. Die Frage ist also, ob es mit dem Wissen ein Ende haben kann und nicht, ob Freiheit von Wissen möglich ist.

AC: Die Frage ist: Kann Wissen oder das aus dem Wissen hervorgehende Handeln ein Ende haben? Handeln aus dem Wissen heraus kann enden. Wissen kann nicht enden.

K: Doch, es kann. Handeln bedeutet Freiheit von Wissen.

AC: Wissen kann nicht enden.

K: Doch.

PJ: Was meinst du, wenn du sagst, dass alles Wissen endet? 

K: Wissen ist das Bekannte. Kann Wissen enden? Wir sprechen jetzt nicht von technischem Wissen. Wer soll dem Wissen ein Ende setzen? Die Person, die das Wissen beendet, ist immer noch Teil des Wissens. Es gibt also kein vom Wissen getrenntes Wesen, welches das Wissen beenden kann. Geht bitte langsam voran.

AC: Es gibt also nur Wissen?

K: Es gibt nur Wissen und kein Ende des Wissens. Ich weiß nicht, ob ich mich klar genug ausdrücke.

AC: Da ist also einerseits die ungeheure Kraft des Selbsterhaltungstriebes und auf der anderen Seite nur Wissen. Und du fragst: Kann Wissen ein Ende haben? – was Selbstvernichtung bedeutet. 

K: Nein, aber ich verstehe, was du meinst. Ich lasse das Ende des Selbst für den Augenblick beiseite. Ich sage, dass beide – der Computer und mein Leben – auf Wissen beruhen. Also gibt es keinen Unterschied zwischen den beiden.

AC: Ich verstehe.