Intelligenz, Computer und der mechanische Geist – Teil 1

Asit Chandmal (AC): Seit zweieinhalb Jahren sprechen wir über Computer, über die Richtung, in die sie sich weiterentwickeln, und über die Auswirkungen, die diese Technologie auf den menschlichen Geist und somit die Spezies Mensch haben könnte. Wir haben nicht nur die gesellschaftlichen Auswirkungen der Computertechnik erörtert, sondern auch, ob der Computer jemals dem menschlichen Geist gleichkommen kann. In Japan haben Regierungsvertreter gemeinsam mit führenden Informatikern die Entwicklung eines Computers beschlossen, der die im menschlichen Gehirn ablaufenden Prozesse nachbilden soll. Für dieses Projekt wurden mehrere hundert Millionen Dollar bereitgestellt. Nach ihrer Aussage wird das, was sie die fünfte Computergeneration nennen, bis 1990 viele Sprachen sprechen und verstehen. Jetzt stehen sie aber vor folgendem Problem: Sie wissen nicht, was Intelligenz ist.

Die Gehirnsubstanz besteht aus Wasserstoff , Kohlenstoff und anderen Verbindungen und arbeitet im wesentlichen mit Hilfe chemischer Reaktionen wie eine elektronische Schaltung. Der Computer besteht aus Siliziummolekülen und funktioniert ebenfalls im wesentlichen in Form einer Ansammlung von elektronischen Schaltungen auf Chips. Der Mensch kann diese Chips jetzt immer kleiner und leistungsfähiger machen. So können die Computer größere Datenmengen speichern und logischer funktionieren, als es der Mensch je vermag. Aber obwohl eine enorme Anzahl an logischen Schaltungen in den Computer eingebaut werden können, kann er nicht wie ein menschliches Wesen reagieren. Das hängt damit zusammen, dass ein Computer die Dinge in aufeinander folgenden Schritten durchdenkt; er kann nicht unmittelbar wahrnehmen.

Die Wissenschaftler und Computerspezialisten behaupten also, sie könnten in einem Computer den menschlichen Geist nachahmen, wenn sie nur verstünden, wie letzterer funktioniert. Sie geben zu, dass sie die Beschaffenheit des menschlichen Geistes, des Gehirns oder der menschlichen Intelligenz nicht verstehen. Und sie sagen, dass sie, um die menschliche Intelligenz zu verstehen, den Vorgang des Denkens verstehen müssten. Die Wissenschaftler verstehen ebenso wenig, was Kreativität ist und wie sie funktioniert. Nun aber sind die meisten Menschen davon überzeugt, dass der menschliche Geist [auf verschiedenen Gebieten] zu einem Quantensprung fähig ist. Deshalb untersuchen sie eingehend die menschliche Intelligenz, den Vorgang des Denkens und die Kreativität, denn sie glauben, wenn sie das verstünden, könnten sie das alles in einem Computer nachbauen, und damit würde er dann über Intelligenz und Kreativität verfügen.

Du dagegen sagst, dass Intelligenz nichts mit Denken zu tun hat. Der Mensch kennt nur den Vorgang des Denkens, und deshalb sind die Wissenschaftler dabei, alles darüber in Erfahrung zu bringen und es in einen Computer zu übertragen. 

J. Krishnamurti (K): Du bist fast sicher, dass sie es tun werden? 

AC: Sie nennen es einen Großangriff auf das Unbekannte, was [für sie] der Geist ist, und sie sagen, dass das ihre Zukunftsvision ist – die Industrie der Zukunft, die Technologie der Zukunft und so weiter. Die Amerikaner sind sehr besorgt darüber und deshalb stecken IBM und viele andere amerikanische Konzerne viele hundert Millionen Dollar in solche Forschungsprojekte. 

K: Die Amerikaner machen das auch? 

AC: Oh ja. In Amerika gibt es eine Organisation, von der die meisten Menschen nichts wissen – die National Security Agency. Sie erstreckt sich über ein Areal von mehr als zehn Quadratmeilen und ist voll gepackt mit Computern. Sie ist so groß, dass sie eine eigene Universität beherbergt. Dort arbeiten mehr promovierte Wissenschaftler als an allen europäischen Universitäten zusammen genommen und ihre ganze Arbeit ist auf die nationale Verteidigung ausgerichtet.  Die Wissenschaftler dieser Organisation arbeiten ebenfalls an der Entwicklung solcher Computer, aber sie sind der Öffentlichkeit nicht bekannt. Es werden Unsummen ausgegeben, und Spezialisten mit bester Ausbildung arbeiten an der Entwicklung einer Maschine, die dasselbe leistet, wie der menschliche Geist. 

Und nun frage ich: Wenn ihnen das gelingt – nämlich einen Computer zu entwickeln, der dasselbe leistet wie der menschliche Geist –, dann wird, soweit ich das sehe, der menschliche Geist, wie er heute existiert, irgendwann aussterben. Er ist dann veraltet und nicht mehr konkurrenzfähig. Unter dem Gesichtspunkt der Evolution betrachtet, kann er einfach nicht überleben. Was ist unsere Antwort auf diese Entwicklung? Und andererseits, wenn der menschliche Geist mehr ist als eine Denkmaschine, wodurch unterscheidet er sich von dieser? Durch Kreativität, durch Intelligenz? Und wenn ja, was ist Kreativität, was ist Intelligenz? Sollen wir also mit der ersten Frage beginnen: Ist unser Geist nur eine programmierte Denkmaschine? Ist unser Geist mechanisch? 

K: Wo fangen wir mit der Untersuchung dieser Frage an? 

AC: Ich denke, wir sollten uns als Erstes anschauen, wie wir tatsächlich im täglichen Leben funktionieren. Unser ganzes Handeln beruht auf Denken, und Denken ist ein Vorgang, der auf Materie beruht. Mir erscheint es ziemlich logisch, dass ein solcher Geist aussterben muss, weil er durch eine überlegene Technologie ersetzt wird. 

K: Machst du einen Unterschied zwischen Geist und Gehirn, oder benutzt du das Wort ›Geist‹, um die Gesamtheit der psychischen Vorgänge im Menschen zu beschreiben?

AC: Ich benutze das Wort ›Geist‹ für das, was meiner Meinung nach einen Menschen ausmacht. Er hat ein Gehirn, das Gedanken, Gefühle und alle möglichen Reaktionen hervorbringt.

K: Du benutzt das Wort ›Geist‹ also in dem Sinne, dass es alle Reaktionen, Gefühle, Erinnerungen, die ganze Verwirrung, Verlangen, Vergnügen, Leid und Zuneigung einschließt? Wenn all das den Geist ausmacht, welche Beziehung besteht dann zwischen diesem Geist und dem Gehirn? 

AC: Was meinst du mit Gehirn? 

K: Ist dieses Gehirn ein individuelles Einzelstück oder ein Produkt des gesamten Evolutionsprozesses der Menschheit? 

AC: Körperlich betrachtet ist es natürlich ein eigenständiges Gehirn. Aber meinst du etwa, dass meine Gehirnzellen und die Gehirnzellen von irgendjemand anderem dasselbe enthalten?