Saanen 1961, Rede 1 – Teil 1

Ich glaube, wir müssen uns von Anfang an darüber klar werden, weshalb wir hergekommen sind. Diese Zusammenkünfte sollten meiner Ansicht nach sehr ernsthaft genommen werden; und ich gebrauche das Wort in einer ganz besonderen Bedeutung. Für die meisten Menschen besagt Ernsthaftigkeit das Annehmen einer bestimmten Gedankenrichtung, einer besonderen Lebensweise oder das Befolgen eines selbstgewählten Schemas für das Verhalten; und allmählich wird das Schema oder die Lebensart zur Regel, nach der man lebt. In meinen Augen ist das noch keine Ernsthaftigkeit, und ich glaube, es wäre sehr nützlich und vorteilhaft, wenn jeder Einzelne von uns hier versuchen würde herauszufinden, was wir eigentlich für ernst halten.

Vielleicht suchen die meisten Menschen bewusst und unbewusst nach Sicherheit in der einen oder anderen Form: Sicherheit im Besitz, in Beziehungen, in Ideen. Und wir halten solches Streben für sehr ernst. Aber noch einmal: für mich ist das nicht ernsthaft.

Meiner Meinung nach schließt das Wort ›Ernsthaftigkeit‹ eine gewisse Läuterung des Denkens ein. Ich gebrauche das Wort ›Denken‹ hier in allgemeiner, nicht in besonderer Bedeutung; später werden wir näher darauf eingehen. Ernsthaftes Denken ist beständig aufmerksam und läutert sich dadurch, auch kennt es keinerlei Suchen nach Sicherheit. Man jagt nicht mehr Einfällen nach, gehört keiner besonderen Gedankenrichtung, keiner Religion, keinem Dogma, keiner Nationalität und keinem Lande an, und interessiert sich auch nicht für die unmittelbaren Lebensprobleme, obgleich natürlich für die Dinge des täglichen Lebens gesorgt werden muss. Ist das Denken wirklich ernsthaft, so muss es außerordentlich lebendig und scharf bleiben, damit es keinen Illusionen verfällt, noch sich in Erlebnissen verfängt, die einträglich, lohnend oder rein erfreulich erscheinen mögen.

Es wäre also vernünftig, wenn wir gleich zu Beginn unserer Zusammenkünfte uns klar machen könnten, bis zu welchem Grade und zu welcher Tiefe wir ernsthaft sind. Ist unser Denken scharf, intelligent und ernst, so glaube ich, können wir das ganze Schema menschlichen Daseins in der Welt betrachten, und von einem derart umfassenden Verständnis zum Besonderen, zum Einzelwesen kommen. Lassen Sie uns einmal das, was sich in der Welt abspielt, als Ganzes betrachten, aber nicht zu unserer Unterweisung oder als Untersuchung eines besonderen Problems, eines Landes, einer bestimmten Sekte oder Gesellschaft – der demokratischen, kommunistischen oder liberalen – sondern lassen Sie uns sehen, was tatsächlich in der Welt geschieht. Und von daher, wenn wir das Ganze überblicken und die Bedeutung der äußeren Ereignisse begreifen – nicht in Form von Wissen oder Meinung, sondern indem wir die Ereignisse tatsächlich sehen – wollen wir zum Einzelwesen übergehen. Auf diese Weise möchte ich gern vorgehen.

Sehen Sie, angesichts einer Tatsache sind Meinung, Urteil und Bewertung vollkommen nutzlos. Was Sie denken, welche Ansichten Sie vertreten, welcher Religion oder Sekte Sie angehören, welche Erfahrungen Sie gemacht haben – all das hat keinen Wert angesichts einer Tatsache. Die Tatsache ist viel wichtiger als Ihr Gedanke über sie; sie hat viel größere Bedeutung als Ihre Ansicht, die sich auf Erziehung, Religion, Ihre besondere Kultur und Bedingtheit gründet. Daher wollen wir uns hier nicht mit Meinungen, Ideen oder Urteilen beschäftigen; wir wollen nach Möglichkeit Tatsachen als solche erkennen. Dazu braucht man aber einen freien Sinn, der der Beobachtung fähig ist.

Haben Sie je über die Frage nachgedacht, was es bedeutet, zu beobachten, zu sehen? Ist das Sehen oder Beobachten nur eine Angelegenheit sichtbarer Wahrnehmung, oder ist es etwas viel Tieferes? Für die meisten Menschen umschließt Sehen nichts als das Unmittelbare: was heute geschieht und was morgen geschehen wird; was aber morgen geschieht, wird vom Gestern gefärbt. Daher ist unsere Betrachtungsweise so kleinlich, so beschränkt und unsere Erkenntnisfähigkeit so begrenzt. Ich habe das Empfinden, dass eine gewisse Freiheit herrschen muss, wenn man Ausschau halten will über Hügel und Berge, über Flüsse und grüne Felder und den Horizont hinaus. Das erfordert unerschütterliches Denken; ist aber das Denken nicht frei, so ist es auch nicht unerschütterlich. Es erscheint mir besonders wichtig, dass wir die Fähigkeit haben zu beobachten – nicht nur das, was wir gern sehen wollen, oder was unsern engen, begrenzten Erfahrungen gemäß erfreulich ist, sondern die Dinge so, wie sie sind. Das Erkennen der Dinge, wie sie sind, wird unser Denken befreien. Es ist tatsächlich etwas ganz Außerordentliches, direkt, einfach und umfassend wahrnehmen zu können.