Saanen 1961, Rede 1 – Teil 3

Das wirkliche Problem lautet also: wie kann man all das zerschmettern – nicht in der Außenwelt, das geht nicht, historische Ereignisse nehmen ihren Lauf. Sie können Chruschtschow oder Kennedy nicht daran hindern, einen Krieg anzulangen. Wahrscheinlich werden Kriege kommen – ich hoffe nicht, aber es ist möglich. Vielleicht nicht hier oder nahebei, darauf wird man schon achten, sondern in einem armen, entfernten, unglücklichen Lande. Daran können wir nichts ändern. Wir können jedoch, glaube ich, in unserm Innern alle Dummheiten, die die Gesellschaft in uns gepflanzt hat, ausreißen; und solche Zerstörung wird zur Schöpfung. Was schöpferisch ist, ist auch immer zerstörend. Ich spreche nicht von der Schöpfung eines neuen Schemas, einer neuen Gesellschaft oder neuen Ordnung, eines neuen Gottes oder einer neuen Kirche. Ich behaupte, dass der schöpferische Zustand zerstörend ist. Er schafft keine Schablone für unser Verhalten, keine neue Lebensweise. Ein schöpferischer Sinn kennt kein Schema. Jeden Augenblick kann er wieder zerstören, was er geschaffen hat. Aber nur ein solcher Mensch kann die Probleme der Welt behandeln – nicht der Schlaue oder der Gelehrte oder der, für den es nur sein eigenes Land gibt, oder der, dessen Denken zersplittert ist.

Was uns hier also interessiert, ist das Niederreißen unseres Denkens, damit etwas Neues eintreten kann. Wir werden in diesen Zusammenkünften besprechen, wie man eine Revolution in seinem Denken herbeiführen kann. Eine Revolution muss stattfinden; alles von gestern muss vollkommen zerstört werden, sonst können wir das Neue nicht kennen lernen. Das Leben ist immer neu, genau wie die Liebe. Liebe kennt kein Gestern oder Morgen, sie ist ewig neu. Wenn wir jedoch die Sättigung und Befriedigung der Liebe gekostet haben, wollen wir sie in der Erinnerung aufbewahren; wir wollen verehren und stellen dann eine Photographie als Symbol unserer Liebe aufs Klavier oder auf den Kaminsims.

Wenn Sie nun die gleiche, ernste Absicht haben wie ich, können wir auf die Frage eingehen, wie unser stumpfes, müdes, verängstigtes Denken umzuwandeln geht – unser Denken, das von Leid geplagt wird, das solche Verzweiflung, so viele Kämpfe und Freuden kennt, das so alt geworden ist und niemals erfahren hat, was es heißt, jung zu sein. Wenn Sie wollen, können wir das besprechen. Wenigstens möchte ich darauf eingehen, ob Sie wollen oder nicht. Die Tür ist offen, und es steht Ihnen frei, zu kommen oder zu gehen. Sie werden hier nicht als Zuhörer gefangen gehalten; wenn es Ihnen nicht gefällt, ist es besser, nicht zuzuhören; denn wenn Sie etwas hören, was Sie nicht mögen, kann es für Sie zur Verzweiflung und zum Gift werden. Sie kennen also von Anfang an das Vorhaben des Sprechers: wir wollen nichts unversucht lassen, wollen alle geheimen Winkel unseres Denkens öffnen, erforschen und den Inhalt zerstören, damit aus der Zerstörung die Schöpfung von etwas Neuem entstehen kann, das sich vollkommen von jeder Schöpfung unseres Denkens unterscheidet.

Dazu braucht man Ernsthaftigkeit und Eifer. Wir müssen langsam und zögernd, aber unnachgiebig vorgehen. Und vielleicht ganz am Ende – oder gleich zu Anfang, denn beim Zerstören gibt es weder Anfang noch Ende – könnte man das finden, was unmessbar ist, könnte man plötzlich ein Fenster zum Sehen, ein Tor zum Denken öffnen und das Unnennbare empfangen. Es gibt etwas jenseits von Zeit, jenseits von Raum und Grenzen, doch lässt es sich nicht beschreiben oder in Worte fassen. Entdeckt man es nicht, so bleibt das Leben völlig leer und oberflächlich – eine bloße Zeitverschwendung.

Vielleicht können wir das jetzt ein wenig diskutieren und Fragen stellen. Zuerst müssen wir jedoch herausfinden, was Diskutieren bedeutet und was wir unter einer Frage verstehen. Eine falsche Frage erhält eine falsche Antwort. Nur eine richtige Frage bekommt eine richtige Antwort, und eine richtige Frage zu stellen, ist außerordentlich schwer. Um eine richtige Frage zu stellen – nicht nur mich betreffend, sondern Sie selbst und uns alle – bedarf eines scharfsinnigen Geistes, eines Geistes, der gewieft, rege und wach ist und etwas herausfinden will. Stellen Sie also keine Fragen, die nicht zur Sache gehören. Und lassen Sie uns nicht wie Schuljungen diskutieren: Sie nehmen den einen Standpunkt ein und ich den anderen – das ist in Ordnung in höhere Schulen oder in Debattierklubs. Lassen Sie uns diskutieren, um etwas herauszufinden, denn das ist die Einstellung des wissenschaftlichen Geistes und des Geistes, der keine Furcht kennt. Dann wird so eine Diskussion lohnenswert. Dann können wir beginnen und selber entdecken, was wahr und was falsch ist. Dann hört auch die Autorität des Redners auf, denn beim Entdecken gibt es keine Autorität. Nur der abgestumpfte, träge Geist verlangt nach Autorität. Ein Geist jedoch, der etwas herausfinden, etwas umfassend, vollständig erfahren will, muss selbst entdecken, muss sich selbst durcharbeiten. Und ich hoffe, diese Zusammenkünfte werden jedem Einzelnen von uns helfen, selbst zu entdecken – und nicht mit den Augen eines andern –, was lohnenswert, was wahr und was nicht wahr ist.