Saanen 1961, Rede 1 – Fragen, Teil 1

Frage: Warum ist es für uns schwer, eine richtige Frage zu stellen?

Krishnamurti: Finden Sie es schwer, eine richtige Frage zu stellen? Oder wollen Sie eine Frage stellen? Erkennen Sie den Unterschied? Sind wir überhaupt daran interessiert, eine richtige Frage stellen? Ich war es, der erklärt hat, dass nur eine richtige Frage eine richtige Antwort erhält. Sie wollen doch nur ein Problem vorbringen, das Sie haben, und sind daher gar nicht interessiert an einer »richtigen Frage«. Wollen Sie aber Ihr eigenes Problem verstehen, dann müssen Sie untersuchen, worin es tatsächlich besteht, und es ist das Untersuchen worin Ihr Problem eigentlich besteht, was zur richtigen Frage hervorbringt. Verstehen Sie das? Es ist kein Muss für Sie, eine richtige Frage zu stellen. Das können Sie nicht. Sie wissen nicht wie. Ist aber Ihr Problem richtig groß und haben Sie es studiert, kommen Sie nicht umhin, eine richtige Frage zu stellen. Im allgemeinen befassen wir uns mit dem Problem nicht richtig, wir schauen es uns nicht genauer an. Wir streifen die Oberfläche und fragen von dort aus; und die oberflächliche Frage führt nur zu einer oberflächlichen Antwort. Und die oberflächliche Antwort ist alles, was wir hören wollen. Wenn wir uns fürchten, fragen wir: »Wie kann ich mich von der Angst befreien?« Wenn wir kein Geld haben, fragen wir: »Wie kann ich eine bessere Stellung finden und Erfolg haben?« Fangen Sie jedoch an und untersuchen Sie die ganze Problematik des Erfolgs – das, wonach jeder Mensch strebt – und gehen Sie dem auf den Grund, finden heraus, was es bedeutet, warum  dieser Drang da ist, warum diese Angst da ist, erfolglos zu sein – und ich hoffe, wir werden auf all das eingehen – dann stellen Sie durch das Eingehen auf das Problem zwangsläufig die richtige Frage.

Nachfrage: Was hindert uns daran, einem Problem auf den Grund zu gehen?

Krishnamurti: Was uns davon abhält? Gibt es nicht eine Menge Dinge? Wollen Sie wirklich dem Problem der Angst ganz auf den Grund gehen? Wissen Sie, was das bedeutet? Es bedeutet, in jeden Winkel des Geistes vorzudringen, jeden Schutz wegzureißen, jede Möglichkeit des Entkommens zu zerstören, worin der Geist Zuflucht gesucht hat. Und wollen Sie das tatsächlich tun, wollen Sie sich selbst entlarven? Bitte, sagen Sie nicht so leichthin ›Ja‹. Es bedeutet, so vieles aufzugeben, woran Sie noch festhalten. Es könnte bedeuten, dass Sie Ihre Familie, Ihre Stellung, Ihre Kirche, Ihre Götter und alles andere aufgeben. Nur sehr wenige wollen das tun. Die meisten stellen oberflächliche Fragen, beispielsweise wie man sich von der Angst befreien kann, und glaubt, damit das Problem gelöst zu haben. Oder sie fragen, ob es so etwas wie einen Gott gibt – stellen Sie sich nur die Dummheit einer solchen Frage vor! Um herauszufinden, ob es einen Gott gibt, müssen Sie doch erst alle Götter aufgeben. Sie müssen nackt und bloß sein, um es herausfinden zu können. All die blödsinnigen Dinge, die der Mensch über Gott angehäuft hat, müssen ausgebrannt werden. Das bedeutet, furchtlos zu sein und allein zu wandern, und nur sehr wenige wollen das tun.

Bemerkung: Es ist recht schmerzhaft, auf ein Problem einzugehen.

Krishnamurti: Nein, nein meine Dame, es ist schwierig, aber nicht schmerzhaft. Sehen Sie, wir benutzen ein Wort wie ›schmerzhaft‹, und  allein schon das Wort hindert Sie daran, auf das Problem einzugehen. Deshalb müssen wir, wenn wir ein Problem untersuchen wollen, zuerst einmal verstehen, wie der Geist ein Sklave der Worte ist. Bitte, hören Sie gut zu. Wir sind Sklaven der Worte. Beim Wort ›Schweiz‹ zum Beispiel ist ein Schweizer angenehm berührt, genau wie ein Christ beim Wort ›Christus‹ oder ein Engländer bei dem Wort ›England‹. Wir sind Sklaven der Worte, Symbole und Ideen. Wie aber kann so ein Geist auf ein Problem eingehen? Bevor er so etwas tun kann, muss er doch zuerst herausfinden, was ein Wort bedeutet. Es ist nicht gerade eine leichte Aufgabe, es erfordert einen Geist, der umfassend versteht und nicht in Bruchstücken denkt.

Sehen Sie, das Problem ist einfach. In der Welt verhungern Menschen – wahrscheinlich nicht sehr viele in der Schweiz oder in Europa, aber im Osten. Sie haben keine Ahnung von der Armut, vom Hunger, von der Erniedrigung und wie grauenvoll das alles ist. Das Problem wird nicht gelöst, weil jeder es auf seine Weise lösen will – auf die kommunistische oder demokratische Weise oder nach den eigenen nationalen Vorstellungen. Man geht das Problem in bruchstückhafter Weise an und daher wird es nie gelöst. Es kann nur gelöst werden, wenn wir es in seiner Gesamtheit angehen, ohne Rücksicht auf Nationalität, Parteipolitik und den ganzen übrigen Unsinn.

Bemerkung: Um also mit den Schwierigkeiten und Problemen in der Welt fertig zu werden, brauchen wir Ordnung.

Krishnamurti: Einen Augenblick. Wollen wir Ordnung in der Welt? Bitte, denken Sie einmal nach. Schließlich bieten die Kommunisten auch Ordnung. Stifte zuerst Unruhe, Verwirrung und Leid und dann schaffe Ordnung gemäß einem bestimmten Vorstellungsmodell. Wollen Sie Ordnung in Ihrem Leben? Bitte, denken Sie darüber nach.

Nachfrage: Welchen Preis müssen wir dafür zahlen?

Krishnamurti: Das ist nicht das Problem. Sie können Ordnung haben und den Preis dafür durch eine Militärdiktatur zahlen, durch die Unterwerfung Ihres Geistes, indem Sie sich an eine Autorität anpassen und so weiter. Und zahlen Sie nicht auch den Preis, wenn Sie einer bestimmten Gruppe oder religiösen Gemeinschaft angehören? Wenn Sie Jesus oder Mohammed oder jemand anderem in Indien folgen, entsteht ebenfalls Ordnung – diesen Preis haben Sie jahrhundertelang gezahlt. Wollen Sie also Ordnung? Denken Sie bitte darüber nach und erkennen Sie, was das gleichzeitig beinhaltet. Oder ist so, dass im Ablauf des Lebens selbst, der zerstörerisch ist, Ordnung herrscht?