Saanen 1961, Rede 1 – Fragen, Teil 2

Frage: Zweifellos ist die Furcht eins unserer größten Hindernisse und steht dem Fortschritt im Wege. Aber wir können doch nicht gleich am Anfang alles einreißen. Sollten wir uns nicht im Augenblick mit unvollständigen Maßnahmen begnügen?

Krishnamurti: Sie sagen, es sei zu schwer für Durchschnittsmenschen wie uns, alles einzureißen, um sich von der Furcht zu befreien; und fragen, ob es nicht einen leichteren, langsameren Weg gäbe. Ich fürchte nicht. Sehen Sie, Sie haben die Worte ›Fortschritt‹ und ›Furcht‹ gebraucht. Äußerer Fortschritt erzeugt Furcht, nicht wahr? Je mehr man hat, je mehr Autos, Badezimmer, Reichtümer, desto mehr fürchtet man sich, alles zu verlieren. Bemüht man sich aber um das Verständnis seiner Furcht, dann wird das Denken nicht mehr durch Fortschritt befriedigt und abgestumpft werden. Gibt es nun inneren Fortschritt? Für mich nicht. Es gibt nur unmittelbares Erkennen, und um unmittelbar zu erkennen, darf unser Denken nicht träge sein. Nein, stimmen Sie mir bitte nicht zu, denn es ist recht schwierig. Folgen Sie nur dem, was ich sage. Um etwas klar zu erkennen, was stets augenblicklich geschieht, muss unser Verstand die Fähigkeit zum Wählen verlieren. Will man die Dinge so, wie sie sind, unmittelbar sehen, dann muss man aufhören, zu tadeln, zu bewerten und zu verurteilen. Dazu ist weder Fortschritt noch Zeit nötig. Bei einer Gefahr sehen Sie etwas unmittelbar, Ihre Reaktion ist augenblicklich. Dabei gibt es keinen Fortschritt. Und sobald Sie etwas mit Ihrem ganzen Wesen lieben, findet unmittelbare Wahrnehmung statt.

Bemerkung: Um aber die Möglichkeit unmittelbarer Wahrnehmung zu erreichen …

Krishnamurti: Aber bitte; sehen Sie, das Wort ›erreichen‹ schließt schon wieder Zeit ein, Zeit und Entfernung. Und unser Denken ist wiederum Sklave des Wortes ›erreichen‹. Erst wenn wir uns von den Worten ›erlangen‹, ›erreichen‹, ›Erfolg haben‹ befreien, kann unmittelbare Wahrnehmung stattfinden.