Saanen 1961, Rede 2 – Teil 1

Ich halte es für sehr wichtig, besonders während dieser Diskussionen, zu untersuchen, wie wir zuhören. Wenige Menschen hören zu, meistens hören wir nur. Wir hören oberflächlich, wie zum Beispiel das Geräusch draußen auf der Straße, und von solchem Hören geht nur sehr wenig in unser Gehirn ein. Was wir rein oberflächlich hören, werfen wir beim geringsten Anlass wieder ab. Es gibt aber eine andere Art Zuhören, wobei unser Gehirn ohne Anstrengung aufmerksam, interessiert, ernsthaft ist und herausfinden möchte, was wahr und was falsch ist; wobei es keine Meinung und kein Urteil vorbringt, noch das, was es hört, übersetzt oder mit dem vergleicht, was es schon weiß. Nehmen Sie ein Beispiel: heute ist es Mode, sich für Zen Buddhismus zu interessieren, es ist eine Manie geworden. Wenn Sie nun während dieser Gespräche versuchen, das gesprochene Wort mit dem, was Sie gelesen haben, zu vergleichen, so hören Sie überhaupt nicht zu, nicht wahr? Dann vergleichen Sie nur, und Vergleich ist eine Art Faulheit. Hören Sie dagegen zu, ohne dass Sie das, was Sie gelernt, gehört oder gelesen haben, dazwischentreten lassen, so hören Sie unmittelbar und reagieren direkt, ohne jedes Vorurteil. Dann erkennen Sie Wahrheit oder Falschheit in dem gesprochenen Wort, und das ist viel wichtiger, als nur zu vergleichen, zu bewerten oder zu beurteilen.

Ich hoffe also, Sie haben nichts dagegen, wenn ich noch einmal wiederhole, wie schwer es ist, die Kunst des Zuhörens zu erlernen. Es ist ebenso schwer wie etwas wahrzunehmen; aber beides ist nötig: wahrnehmen und zuhören.

Das letzte Mal sprachen wir davon, dass großes Chaos in der Welt herrscht. Nach außen hin besteht Armut, Hungersnot und Verfall, und in uns herrscht Verwirrung, Leid und innere Armut. Die Welt ist voller Widerspruch. Politiker erklären sich für den Frieden, aber bereiten zum Kriege vor; man spricht von Einheit unter den Menschen und versucht gleichzeitig, sie zu zerrütten. Und aus soviel Chaos und Unordnung wollen wir Ordnung schaffen! Wir haben eine Leidenschaft für Ordnung. Die Leidenschaft für Sauberkeit und Ordnung in unsern Zimmern wollen wir auf die Ordnung in der Welt ausdehnen. Ob wir wohl je eingehender über das Wort und seine tiefere Bedeutung nachgedacht haben? Wir wollen Ordnung in unserm Innern, wir wollen Widersprüche, Kämpfe und Verwirrung beseitigen, um ohne Disharmonie und Anstrengung zu leben; daher wenden wir uns an geistige Führer, schließen uns irgendwelchen Gruppen an oder folgen bestimmten Ideen und Lehren. Damit stellen wir Autoritäten auf und lassen uns vorschreiben, was wir tun sollen. Wir versuchen, durch Nachahmung und Anpassung Ordnung herbeizuführen.

In gleicher Weise wollen wir Ordnung nach außen hin, in der Politik und in der Geschäftswelt, herstellen. Daher kommen die Diktatoren, Tyrannen und Totalregierungen, die vollkommene Ordnung versprechen, aber den Menschen nicht erlauben zu denken. Es wird einem genauso vorgeschrieben, was man denken soll, wie in den Kirchen oder den Gruppen, die an bestimmte Ideen glauben. Die Tyrannei der Kirche ist ebenso unmenschlich wie die der Regierungen. Aber es ist uns recht, weil wir um jeden Preis nach Ordnung streben. Und wir bekommen Ordnung. Sogar der Krieg bringt dem Staate außerordentliche Ordnung: jeder hilft, den andern zu zerstören.

Man muss also diese Besessenheit mit Ordnung zu verstehen suchen. Kann aber die Verleugnung unserer eigenen Verwirrung in Bezug auf innere und äußere Autorität zur Ordnung führen? Begreifen Sie die Frage?

Ich bin verwirrt und weiß nicht, was ich tun soll. Mein Leben ist beschränkt, kleinlich, verworren, elend; ich befinde mich dauernd im Zustand des Widerspruchs und weiß wirklich nicht, wohin ich mich wenden soll. Daher gehe ich zu irgendjemandem, einem Lehrer, einem Guru, einem Heiligen oder Erlöser – wahrscheinlich kommen auch einige von Ihnen mit dieser Einstellung hierher. Aus Ihrer Verwirrung heraus wählen Sie sich also einen Führer; aber wenn Sie in Verwirrung handeln, muss Ihre Wahl neue Verwirrung stiften. Sie überlassen sich einer Autorität, und das bedeutet, dass Sie nicht selber nachdenken, dass Sie nicht selber herausfinden wollen, was wahr und was falsch ist. Es ist sehr anstrengend zu untersuchen, was wahr oder falsch ist, denn man muss in hohem Grade aufmerksam sein. Aber die meisten unter uns sind träge, stumpf und nicht wirklich ernsthaft, wir lassen uns lieber vorschreiben, was wir tun sollen; daher haben wir als innere Führer Heilige, Erlöser und Lehrer und nach außen hin Regierungen, Tyrannen, Generäle, Politiker und Spezialisten. Und wir hoffen, dass wir uns, wenn wir ihnen folgen, allmählich von unsern Sorgen befreien und Ordnung bekommen können.

Das Wort ›Ordnung‹ schließt zweifellos all das ein, nicht wahr? Führt aber unser Verlangen nach Ordnung schon Ordnung herbei? Bitte, überlegen Sie es, denn ich möchte darauf eingehen. Ich bin der Meinung, dass Autorität und Macht jeder Art zerstörend wirkt. Macht ist in jeder Form böse. Und doch streben wir voller Eifer danach, das Böse anzunehmen; denn in unserer Verwirrung und Unwissenheit verlangen wir nach Vorschriften.

Ich glaube also, wir müssen gleich zu Anfang dieser Gespräche klarstellen, dass ich als Redner keinerlei Autorität habe; ebenso wenig sind Sie, die Sie hier zuhören, meine Nachfolger. Wir wollen zusammen untersuchen und etwas herauszufinden trachten. Sind Sie in dem Glauben hergekommen, dass Sie Vorschriften für Ihr Verhalten bekommen können, so werden Sie mit leeren Händen fortgehen.