Saanen 1961, Rede 2 – Teil 2

Meiner Ansicht nach ist es wichtig zu erkennen, dass äußerlich und innerlich tatsächlich Unordnung herrscht, und dass unser Verlangen nach Ordnung nichts als ein Wunsch nach Sicherheit und Gewissheit ist. Unglücklicherweise gibt es aber keine Sicherheit, weder äußerlich noch innerlich. Die Banken können ihre Zahlungen einstellen, es kann zum Kriege kommen, die Börse kann zusammenbrechen, Todesfälle können eintreten – alles mögliche kann geschehen, und erschreckende Dinge geschehen auch. Das Verlangen nach Ordnung ist also unser Wunsch nach Sicherheit; danach streben wir alle, jung oder alt. Wir machen uns weniger besorgt um innere Sicherheit, weil wir nicht recht wissen, wie wir sie erlangen sollen; aber wir hoffen, dass wir wenigstens äußerlich Sicherheit erreichen können durch gute Banken, eine gute Regierung und unsere Tradition, die sich unbegrenzt fortsetzt. So wird unser Denken allmählich gesättigt, stumpf, sicher und an Tradition gebunden; aber mit solchem Denken kann man niemals herausfinden, was wahr und was falsch ist; man wird unfähig, damit den gewaltigen Herausforderungen des Daseins zu begegnen.

Ich hoffe, Sie lassen sich nicht durch meine Worte hypnotisieren, sondern hören so zu, dass Sie dabei selber entdecken können, ob es überhaupt irgendwelche Sicherheit gibt. Das ist ein ungeheures Problem. Wenn man nach außen hin in einer Welt lebt, in der es keine Sicherheit gibt, und innerlich keinerlei Tradition, kein Gestern und kein Morgen kennt, so bedeutet es entweder, das Gleichgewicht zu verlieren und wahnsinnig zu werden, oder aber vollkommen geistig gesund und lebendig zu sein.

Das ist keine Sache der Wahl. Man kann nicht zwischen Sicherheit und Unsicherheit wählen; man kann nur die Tatsache erkennen, dass es innerlich, psychologisch keinerlei Sicherheit gibt. Keine Beziehung ist je sicher; und klammert man sich auch noch so sehr an eine bestimmte Lehre oder einen Glauben, so entstehen doch unweigerlich Zweifel und Misstrauen und damit Furcht. Solche Untersuchung wird nötig, wenn man eine Leidenschaft für Ordnung hat.

Das Gegenteil davon ist ebenso wenig wahr – dass man in Unordnung oder Chaos leben müsse. Es wäre nichts als Reaktion. Sie wissen sicherlich, dass sich unser Leben und Handeln in Reaktionen abspielt. Alle unsere Handlungen sind Reaktionen. Haben Sie das je bemerkt? Wenn wir erkennen, dass Ordnung unmöglich ist, glauben wir sofort, dass das Gegenteil, nämlich Unordnung – als Reaktion auf Ordnung – eintreten müsse. Erkennt man aber die Wahrheit, dass unser Verlangen nach Ordnung alles enthält, was wir soeben angedeutet haben, dann entsteht beim Aufdecken dessen, was wahr ist, wirkliche Ordnung. Mache ich mich verständlich? Ich will versuchen, es anders auszudrücken.

Frieden ist bestimmt nicht der Zustand, in dem kein Krieg herrscht. Frieden ist etwas ganz anderes. Er ist nicht die Pause zwischen zwei Kriegen. Will man herausfinden, was Frieden ist, so muss man frei von aller Gewalttätigkeit sein; und um davon frei zu werden, muss man Gewalttätigkeit ungeheuer tief untersuchen. Es bedeutet, wirklich alles zu sehen, was Gewalttätigkeit umschließt: Wettbewerb, Ehrgeiz, Verlangen nach Erfolg, außerordentliche Tüchtigkeit, Selbstschulung und Anschluss an bestimmte Ideen und Ideale. Offenbar bedeutet der Zwang zur Anpassung des Denkens auch Gewalttätigkeit – ob das betreffende Schema nun edel oder unedel sei, ist belanglos.

Wir behaupten, dass Chaos entstehen würde, wenn wir uns nicht anpassten; aber die Behauptung ist nur eine Reaktion, nicht wahr? Gewaltsamkeit ist nichts Oberflächliches; um sie zu ergründen, muss man wirklich tief auf sie eingehen. Ärger, Eifersucht, Hass und Neid sind alles Ausdrucksformen der Gewalttätigkeit. Sich von ihr zu befreien, bedeutet, Frieden zu haben und nicht mehr in Unordnung zu leben. Deshalb kann man Selbsterkenntnis auch nicht erlangen, indem man diese Dinge einen Morgen lang beiläufig betrachtet und sie dann für den Rest der Woche wieder vergisst. Es ist vielmehr eine sehr ernste Angelegenheit.

Nun ist es also viel wichtiger, Ordnung zu verstehen, als aus bloßer Reaktion zu sagen: »Wenn keine Ordnung herrscht, gibt es Chaos« – als ob die Welt, in der wir leben, so wundervoll, so herrlich und schön wäre und es kein Chaos oder Leid gäbe! Man braucht nur sich selber zu betrachten, um zu sehen, wie arm man innerlich ist. Wir haben keine Zuneigung, kein Mitgefühl, keine Liebe; wir sind hässlich und lassen uns nur allzu leicht überreden; unaufhörlich suchen wir nach Gesellschaft und sind niemals imstande, allein zu sein.

Daher wird es höchst bedeutsam, Ordnung in seiner Gesamtheit zu begreifen – nicht nur hier und da kleine Teile, die einem zusagen. Es ist aber sehr schwer, etwas in seiner Gesamtheit zu sehen, wie zum Beispiel den Baum dort. Ich habe also ein wenig über Ordnung, Autorität und Anpassung gesprochen, und wenn Sie das Gesamtbild verstanden haben, werden Sie sehen, dass sich Ihr Denken von seinem Wunsch nach Ordnung und damit von allem Nachfolgen befreien kann – sei es vom Nachfolgen eines Nationalhelden, einer Legende und dergleichen Unsinn, oder von seinem eigenen Lehrer, Guru, Heiligen und so weiter.