Saanen 1961, Rede 2 – Teil 3

Was bedeutet nun umfassendes Sehen? Zuerst einmal, was ist Sehen? Ist es nichts als ein Wort? Bitte, folgen Sie hier, wenn möglich, etwas vorsichtig. Wenn Sie sagen: »Ich sehe«, was meinen Sie damit? Antworten Sie mir nicht, sondern gehen Sie lieber mit mir mit. Ich will mich aber nicht als Autorität hinstellen, und Sie sind nicht meine Anhänger – ich habe keine, Gott sei Dank! Wir wollen hier gemeinsam die Frage des Sehens untersuchen, weil sie sehr wichtig ist, wie Sie bald selber herausfinden werden. Wenn Sie sagen: »Ich sehe den Baum«, sehen Sie ihn dann wirklich, oder geben Sie sich mit dem bloßen Wort ›ich sehe‹ zufrieden? Denken Sie einmal darüber nach. Lassen Sie uns langsam vorgehen. Sagen Sie nur: »Das ist eine Eiche, eine Fichte oder eine Kiefer«, je nachdem, was es ist, und gehen daran vorbei? Wenn ja, dann ist es ein Zeichen, dass Sie den Baum überhaupt nicht sehen, weil Sie sich im Worte verfangen. Erst wenn Sie verstehen, dass das Wort nicht wichtig ist, und Ihre Symbole, Begriffe oder Namen beiseitesetzen, können Sie etwas betrachten. Es ist recht mühsam, etwas richtig zu betrachten, denn es bedeutet, den Namen oder das Wort mit allen damit verbundenen Erinnerungen fallen zu lassen. Zum Beispiel sehen Sie mich überhaupt nicht. Sie haben bestimmte Ideen über mich, denn ich habe einen gewissen Ruf, und so weiter, was Sie am Betrachten hindert. Können Sie all den Unsinn aus Ihrem Denken entfernen, dann werden Sie etwas sehen; und solches Sehen ist etwas ganz anderes als das Sehen durch ein Wort.

Sind Sie nun imstande, Ihre Götter, Ihre Lieblingsvergnügen, Ihr Gefühl des Adels oder der Geistigkeit und alles dergleichen einmal zu betrachten – aller Worte entblößt? Es ist tatsächlich schwer, und nur wenige Menschen sind wirklich dazu bereit. Solches Sehen ist aber umfassend, weil es nicht mehr an Worte und die Erinnerungen oder Gefühle, die unsere Worte hervorrufen, gebunden ist. Etwas umfassend zu sehen bedeutet also, keine Spaltung und keine Reaktion in Bezug auf das Gesehene zu haben: nur zu sehen. Und das Betrachten einer Tatsache an sich führt zu einer Reihe von Handlungen, die nicht mehr an Worte, Erinnerungen, Meinungen und Ideen geknüpft sind. Das ist kein Kunststück des Intellekts, obwohl es so klingen mag. Es ist nur töricht, intellektuell oder leicht erregbar zu sein. Kann man aber seine Furcht umfassend erkennen, so befreit man sich von ihr.

Wir sehen nie etwas in seiner Gesamtheit, weil wir alle Dinge mit unserm Gehirn betrachten. Das heißt nicht, dass wir unser Gehirn nicht benutzen sollten; im Gegenteil, wir müssen es zu seiner höchsten Fähigkeit entwickeln. Es ist aber die Aufgabe unseres Gehirns, alles zu zerlegen; wir haben es dazu erzogen, nur teilweise zu beobachten, teilweise zu lernen, niemals umfassend. Will man sich der Erde, der Welt als Ganzes bewusst werden, so darf man kein Gefühl für Nationalität, für Tradition, Götter oder Kirchen haben, darf die Felder nicht zerteilen, noch die Erde in eine farbige Landkarte auflösen. Und die Menschheit als menschliche Wesen zu sehen, bedeutet, sie nicht in Europäer, Amerikaner, Russen, Chinesen oder Inder einzuteilen. Doch unser Denken weigert sich, die Erde und die Menschen darauf als Ganzes zu erkennen, weil es jahrhundertelang durch Erziehung, Überlieferung und Propaganda beeinflusst worden ist. Unser Gehirn kann mit all seinen mechanischen Gewohnheiten, seinen tierischen Trieben, seinem Drang nach Sicherheit und Schutz niemals etwas in seiner Gesamtheit erfassen. Und doch ist es das Gehirn, das beständig arbeitet und uns beherrscht.

Bitte, stürzen Sie sich hier nicht auf die Idee, dass es noch etwas anderes als das Gehirn geben müsse, dass wir eine Seele haben, mit der wir in Berührung kommen sollten, oder derartigen Unsinn. Ich gehe Schritt für Schritt vorwärts, versuchen Sie bitte, mir zu folgen.

Unser Gehirn wird also beeinflusst – durch Gewohnheit, Propaganda, Erziehung, durch alle täglichen Eindrücke, durch die Kleinlichkeit unseres Lebens und durch sein eigenes, ewiges Geschwätz. Und mit solchem Gehirn wollen wir beobachten. Wenn unser Gehirn dem zuhört, was hier gesprochen wird, wenn es einen Baum oder ein Bild betrachtet, ein Gedicht liest oder ein Konzert hört, ist es immer einseitig eingestellt und reagiert immer mit: ›Ich mag‹ oder ›Ich mag nicht‹, mit dem Begriff ›vorteilhaft‹ oder ›unvorteilhaft‹. Es ist die Aufgabe unseres Gehirns, zu reagieren, sonst würden wir über Nacht zerstört werden. Das Gehirn mit all seinen bewussten und unbewussten Reaktionen, Erinnerungen, Trieben und Zwangsvorstellungen ist es also, das betrachtet, sieht, hört und fühlt. Da aber unser Gehirn an sich einseitig und das Produkt von Zeit und Raum und unserer ganzen Erziehung ist, wie wir soeben beschrieben haben, kann es nichts umfassend erkennen. Es muss unentwegt vergleichen, urteilen und bewerten. Es ist die Funktion unseres Gehirns, zu reagieren und zu bewerten; um also die Dinge umfassend zu begreifen, muss es sich ruhig verhalten, gleichsam in der Schwebe bleiben. Ich hoffe, dass ich es deutlich mache.