Saanen 1961, Rede 2 – Teil 4 und Fragen

Umfassende Erkenntnis kann daher nur stattfinden, wenn unser Gehirn in hohem Grade feinfühlig und äußerst zugänglich für Vernunft, Zweifel und Fragen wird, und dabei trotzdem die Grenzen von Vernunft, Zweifel und Fragen wahrnimmt, ohne dass die Erkenntnis dadurch gestört wird. Will man wirklich etwas anderes als das Erzeugnis seines eigenen Denkens entdecken, so muss das Gehirn zuerst bis an seine Grenzen gehen, es muss fragen, erörtern, diskutieren und muss bereit sein, zu untersuchen und sein eigenes begrenztes und einseitiges Dasein zu erkennen; dann wird das Erlebnis der eigenen Begrenzung unser Gehirn und Denken ruhig machen. Und dann entsteht umfassendes Begreifen.

Kann man einmal Ordnung in ihrer Gesamtheit wahrnehmen – mit allen Verwicklungen, auf die wir mehr oder weniger eingegangen sind – dann wird man sehen, dass aus solcher umfassenden Erkenntnis eine ganz andere Art Ordnung entsteht. Wahre Ordnung kann aber bestimmt erst auftreten nach der Vernichtung des Gehirns, das nur zu seiner eigenen Befriedigung und Sicherheit nach Ordnung verlangt. Hat das Gehirn erst seine eigene Schöpfung vernichtet und den Nährboden zerstört, auf dem alle möglichen Einbildungen, Illusionen, Begehren und Wünsche gedeihen, dann wird aus der Zerstörung eine Liebe erwachsen, die ihre eigene Ordnung schafft.

Bemerkung: Ich glaube, mehr schöpferische Betätigung in der Klasse würde dazu beitragen, unser Denken von seiner Bedingtheit zu befreien.

Krishnamurti: Wir müssen zuerst klarstellen, was wir unter schöpferischer Kraft verstehen. Sehen Sie, wir gebrauchen das Wort ›schöpferisch‹ so leichthin, so oberflächlich. Ein Maler, ein Dichter, ein Erfinder, ein Lehrer in der Klasse – alle behaupten, sie seien schöpferisch. Wissen Sie denn, wann Sie schöpferisch sind, und können Sie die schöpferische Kraft in einem Klassenzimmer benutzen? Es spielt sich doch etwa so ab: hat ein Maler einen Augenblick der Erleuchtung gehabt, worin er etwas gesehen oder erlebt hat, so versucht er später, es auf die Leinwand zu setzen. Bitte, folgen Sie dem ein wenig. Während er dabei ist, den Ausdruck auf der Leinwand zu suchen, bemerkt er, dass er den Augenblick der Erleuchtung verloren hat. Da er ihn nicht wieder einfangen kann, fängt er an, danach im Trunk, bei Frauen, Unterhaltung oder Vergnügen zu suchen – immer in der Hoffnung, es werde noch einmal eintreten. Wenn er all das später wieder aufgegeben hat und vielleicht ruhig auf einem Wege oder am Flussufer spazieren geht, kommt plötzlich dasselbe Empfinden über ihn, und er kann es auf der Leinwand zum Ausdruck bringen. Dann wird die Ausdrucksform verkäuflich, und der Maler bekommt Ehrgeiz, er möchte mehr produzieren, mehr schaffen.

Ist nun ein ehrgeiziger Mensch je schöpferisch, ein Mensch, der nach Beliebtheit oder Ruhm strebt – sei es im Klassenzimmer oder in der Geschäftswelt, mit Erfindungen oder mit der Kunst? Er will sofort etwas mit seiner ›Schöpferkraft‹ anfangen, er strebt sofort danach, sie nutzbar zu machen, andern damit zu helfen und so weiter – hat er in demselben Augenblick nicht schon alle Schöpferkraft zerstört? Sehen Sie, wir wollen gern Schöpferkraft oder Gott oder was es auch sei, nützlich anwenden, wir wollen Gewinn daraus schlagen, aber ich fürchte, das geht nicht. Auch wenn Sie eine Fähigkeit oder ein Talent in einer bestimmten Richtung haben, nennen Sie es bitte nicht schöpferisches Handeln oder Denken. Denken ist niemals schöpferisch, denn es ist bloße Reaktion. Und kann Schöpferkraft je eine Reaktion sein?

Frage: Wie kann man Angst in ihrer Gesamtheit erkennen?

Krishnamurti: Ich glaube, wir können jetzt nicht mehr darauf eingehen, weil wir aufhören müssen; aber wir werden im Lauf unserer Gespräche noch darauf zurückkommen. Sehen Sie, es ist sehr wichtig zu verstehen, was mit dem umfassenden Sehen gemeint ist – nicht nur Eins umfassend zu sehen, wie zum Beispiel Furcht, Liebe oder Hass. Wollen Sie die Furcht in ihrer Gesamtheit erkennen, so wollen Sie sich auch ihrer entledigen, nicht wahr? Aber gerade der Wunsch, sich einer Sache zu ›entledigen‹ oder etwas dadurch zu gewinnen, steht der umfassenden Erkenntnis im Wege. Wissen Sie, all das setzt sehr viel Selbsterkenntnis voraus – man muss alles über sich selber wissen, jeden Winkel seines Wesens kennen. Wenn man sein Gesicht im Spiegel betrachtet, lernt man es sehr gut in jeder Kurve, jeder Linie und von allen Seiten kennen; in gleicher Weise muss man tief gehendes Wissen über sich selber erwerben, nicht nur in den bewussten, sondern auch in den verborgenen Schichten des Unterbewusstseins. Ich möchte heute morgen nur eins deutlich machen – keine Idee, kein Gefühl, nichts außerordentlich ›Geistiges‹ -nämlich wie wichtig es ist, etwas umfassend zu sehen. Und umfassendes Sehen heißt, ohne Urteil, ohne Tadel oder Bewertung zu sehen. Es besagt auch, dass unser Gehirn nicht auf das reagiert, was es sieht, sondern nur beobachtet, und zwar in einem Zustand, in dem es keinen Denker getrennt vom Gegenstande seiner Beobachtung gibt. Das ist ungeheuer schwer; glauben Sie also nicht, dass Sie es erreichen werden, wenn Sie nur mit Worten spielen. Es umfasst auch das ganze Problem der Widersprüche, denn wir sind beständig im Zustand des Widerspruchs.