Saanen 1961, Rede 3 – Teil 1

Wie ich schon zu Anfang dieser Diskussionen sagte, halte ich es für sehr wichtig, ernsthaft zu sein. Wir sprechen hier nicht über Ideen; unglücklicherweise scheinen die meisten Menschen sich nur mit Ideen zu befassen anstatt mit dem, was ist. Meiner Ansicht nach ist es sehr wesentlich, dem nachzugehen, was ist, das heißt dem Tatsächlichen, dem wirklichen Stand unseres Daseins. Schließlich ist es ein Zeichen von Ernsthaftigkeit, dem Tatsächlichen auf den Grund zu gehen und in das Wesen der Dinge einzudringen. Wir wollen immer gern diskutieren, erörtern und mit Ideen in Berührung kommen; aber es scheint mir, als ob Ideen nirgendwohin führen, sie sind sehr oberflächlich und stellen nur Symbole dar; und sich an Symbole zu klammern, heißt oberflächlich zu leben. Es ist eine recht mühsame Aufgabe, Ideen beiseitezusetzen oder über sie hinauszugehen und die Verbindung mit dem, was ist, aufzunehmen – mit dem wirklichen Zustand unseres Denkens und unseres Herzens. Für mich bedeutet es, ernsthaft zu sein, wenn man auf diesem Gebiet tief, umfassend und gründlich vordringt. Kann man den Dingen wirklich auf den Grund gehen, so wird man ihr innerstes Wesen entdecken und sie dadurch in ihrer Gesamtheit erleben; und dann bekommen unsere Probleme eine ganz andere Bedeutung.

Heute morgen möchte ich der Frage des Konflikts nachgehen und sie wenn möglich bis ans Ende verfolgen, aber nicht als eine Idee; lassen Sie uns vielmehr versuchen, selber zu erleben, ob wir unser Denken nicht vollkommen von allem Konflikt befreien können. Will man das untersuchen, so darf man nicht auf dem Gebiet der Ideen bleiben.

Offenbar kann man nichts in Bezug auf die Konflikte der Außenwelt tun; sie werden von ein paar unbeherrschten Menschen geschaffen, und sie werden uns entweder zerstören oder am Leben lassen. Russland, Amerika oder jemand anders könnte uns in einen Krieg verwickeln, und wir könnten nichts dagegen tun. Aber ich glaube, man kann Wesentliches in Bezug auf seine inneren Konflikte tun, und darüber möchte ich gern sprechen. Warum sind wir innerlich, tief in uns beständig in psychologischen Konflikten? Ist das nötig? Wäre es denkbar, ein Leben ohne Konflikte zu führen, ohne dabei zu vegetieren oder einzuschlafen? Ich weiß nicht, ob Sie je darüber nachgedacht haben, und ob es überhaupt ein Problem für Sie ist. Konflikt zerstört meiner Meinung nach jede Art von Feingefühl; er entstellt alles Denken, und wo Konflikt herrscht, gibt es keine Liebe. Konflikt ist im wesentlichen Ehrgeiz oder das Anbeten von Erfolg; und wir sind innerlich nicht nur in den oberflächlichen, sondern auch in den tieferen Schichten unseres Bewusstseins im Zustand des Konflikts. Sind wir uns wohl dessen bewusst? Und wenn ja, was tun wir dagegen? Versuchen wir, diesem Zustand zu entfliehen durch die Kirche, durch Bücher oder Radio, durch Ablenkung und Vergnügen, geschlechtliche Freuden und alles andere, einschließlich der Götter, die wir anbeten; oder wissen wir, wie wir die Konflikte anpacken, mit ihnen ringen sollen, wie wir ihnen auf den Grund gehen und herausfinden können, ob sich unser Denken ganz von ihnen befreien kann?

Konflikt schließt natürlich auch Widerspruch ein: Widerspruch in unserm Fühlen, Denken und Verhalten. Widerspruch entsteht, wenn man gern etwas tun möchte, aber gezwungen ist, das Gegenteil zu tun. Die meisten Menschen fühlen bei der Liebe auch zugleich Eifersucht und Hass, und das ist ebenfalls ein Widerspruch. Mit der Zuneigung kommen Leiden und Schmerzen und deren Widersprüche und Konflikte. Mir scheint, dass alles, was wir anrühren, Konflikt mit sich bringt, und so steht es um unser Leben vom Morgen bis zum Abend; selbst wenn wir uns schlafen legen, sind unsere Träume noch beunruhigende Symbole unseres täglichen Lebens.

Wenn wir also den gesamten Zustand unseres Bewusstseins betrachten, können wir bemerken, dass wir uns dauernd im Konflikt des Widerspruchs mit uns selber befinden: wir versuchen unaufhörlich, gut oder edel, dies und nicht das zu sein. Warum eigentlich? Ist es wohl nötig, oder kann man auch ohne Konflikte leben?

Wie ich schon sagte, wollen wir darauf eingehen, aber nicht ideologisch, sondern tatsächlich; das heißt, wir wollen unseren widerspruchsvollen Zustand wahrnehmen, seine Verwicklungen zu verstehen suchen und wirklich damit in Berührung kommen – nicht nur durch Ideen oder Worte. Ist das aber möglich? Sehen Sie, man kann mit seinem Konflikt durch eine Idee Fühlung suchen, und meistens stehen wir in der Tat mehr mit der Idee des Konflikts als mit der Tatsache selber in Beziehung. Es ist nun die Frage, ob unser Denken alle Worte beiseite lassen kann, um direkt mit dem Gefühl in Berührung zu kommen. Kann man entdecken, warum Konflikt existiert, wenn wir uns nicht unseres gesamten Denkvorgangs bewusst sind – nicht des Denkens eines andern, sondern seines eigenen?

Zweifellos gibt es eine Trennung zwischen dem Denker und seinem Denken; der Denker versucht unentwegt, sein Denken zu kontrollieren und zu formen. Wir kennen das, und solange diese Trennung herrscht, muss es auch weiter Konflikte geben. Solange der, der erlebt, und sein Erlebnis zweierlei sind, muss es zu Konflikten kommen. Und Konflikt zerstört die Feinfühligkeit, er zerstört Leidenschaft und tiefes Fühlen; ohne Leidenschaft und Tiefe kann man aber kein Gefühl, keinen Gedanken und keine Handlung ergründen.