Saanen 1961, Rede 3 – Teil 2

Will man den Dingen auf den Grund gehen und ihr innerstes Wesen untersuchen, so braucht man dazu Leidenschaft, tiefes Fühlen und einen höchst empfindsamen Sinn – kein gelehrtes Denken, das mit Wissen überladen ist. Ohne Leidenschaft kann man nicht feinfühlig sein; und Leidenschaft oder unser Trieb zum Entdecken stumpft sich durch den beständigen Kampf in unserm Innern ab. Unglücklicherweise nehmen wir Kampf und Konflikt als selbstverständlich hin und werden daher täglich gefühlloser und stumpfer. In seiner äußersten Form führt dies zur Geisteskrankheit: meist finden wir aber Wege der Ausflucht in Kirchen, bei Ideen oder allen möglichen oberflächlichen Dingen. Ist es also denkbar, ohne Konflikt zu leben? Oder sind wir so tief durch die Gesellschaft, unsern eigenen Ehrgeiz, durch Gier und Neid und die Sucht nach Erfolg beeinflusst, dass wir Konflikte als etwas Gutes, etwas Edles mit einem guten Zweck hinnehmen? Ich glaube, es wäre nützlich, wenn jeder von uns einmal untersuchen würde, was wir tatsächlich über Konflikte denken. Nehmen wir sie hin, sind wir so tief darin verstrickt, dass wir nicht wissen, wie wir uns wieder befreien sollen, oder sind wir mit unseren vielen Ausfluchtmöglichkeiten zufrieden?

Das bedeutet tatsächlich, auf die ganze Frage der Selbsterfüllung und den Konflikt der Gegensätze einzugehen, und zu untersuchen, ob der Denker, derjenige der erlebt und beständig nach mehr Erlebnissen, mehr Sensationen oder einem weiteren Horizont verlangt, überhaupt Wirklichkeit hat.

Vielleicht gibt es nur Denken und keinen Denker, nur den Zustand des Erlebens und keinen, der erlebt? Im Augenblick, da der Erlebende mit seinem Gedächtnis in Erscheinung tritt, muss Konflikt entstehen. Ich glaube, das ist ziemlich einfach, wenn man darüber nachdenkt. Es ist die Wurzel allen Widerspruchs in unserm Innern. Bei den meisten Menschen ist der Denker überaus wichtig geworden, im Gegensatz zum Denken – der Erlebende im Gegensatz zum Zustand des Erlebens.

Das umfasst aber auch die Frage, die wir neulich besprachen, nämlich was wir unter dem Sehen verstehen. Sehen wir das Leben oder einen anderen Menschen oder einen Baum durch unsere Ideen, Meinungen und Erinnerungen, oder stehen wir in direkter Beziehung zum Leben, zu dem Menschen oder dem Baum? Ich glaube, wir sehen alles durch Ideen, Erinnerungen und Urteile und sehen es daher überhaupt nicht. Ebenso, sehe ich mich selber, wie ich wirklich bin, oder nur so, wie ich sein sollte oder gewesen bin? Mit andern Worten, lässt sich unser Bewusstsein teilen? Wir sprechen so leichthin über unser Bewusstsein, unser Unterbewusstsein und die vielen Schichten darin. Es gibt solche Einteilungen und Schichten, und sie stehen im Widerspruch miteinander. Müssen wir aber durch alle Schichten einzeln gehen und versuchen, sie aufzugeben oder zu verstehen – was eine sehr langweilige und unwirksame Art der Behandlung des Problems ist – oder wäre es möglich, alle Einteilungen vollkommen beiseite zu fegen und sein gesamtes Bewusstsein auf einmal wahrzunehmen?

Wie ich neulich schon sagte: will man etwas in seiner Gesamtheit erkennen, so braucht man dazu ein Wahrnehmungsvermögen, einen Ausblick, der nicht durch Ideen gefärbt ist. Das ist aber kaum möglich, solange noch ein Beweggrund, ein Zweck besteht. Sind wir um Abänderung besorgt, so sehen wir niemals, was tatsächlich ist. Beschäftigen wir uns mit dem Gedanken, dass wir uns ändern müssten, dass wir das, was wir sehen, in etwas Besseres, Schöneres und so weiter verwandeln sollten, dann sind wir nicht imstande, die Gesamtheit dessen, was ist, zu erkennen. Dann befasst sich unser Denken nur mit Wechsel, Änderung, Verbesserung oder Vervollkommnung.

Also kann ich mich selber so sehen, wie ich bin, als ein Gesamtbewusstsein, ohne in die Einteilungen, Schichten und widerspruchsvollen Ideen meines Bewusstseins verstrickt zu werden? Ich weiß nicht, ob Sie je meditiert haben – und ich möchte es jetzt nicht erörtern – wenn Sie es aber getan haben, müssen Sie auch den Konflikt beim Meditieren beobachtet haben: wie der Wille immer versucht, das Denken zu beherrschen, und die Gedanken beständig abschweifen. Dieses Verlangen, zu beherrschen, zu formen, Zufriedenheit und Erfolg zu erlangen oder Sicherheit zu finden, ist ein Teil unseres Bewusstseins; und gleichzeitig sehen wir auch, wie absurd, nutzlos und eitel all das ist. Sehr viele Menschen versuchen daher, eine bestimmte Handlungsweise, eine Idee oder starken Widerstand zu entwickeln, womit sie eine Mauer um sich errichten, hinter der sie in einem konfliktlosen Zustand zu bleiben hoffen.

Wäre es nun möglich, Konflikt in seiner Gesamtheit zu sehen und damit in Berührung zu kommen? Es bedeutet nicht, eine Beziehung zur bloßen Idee des Konflikts herzustellen, oder sich mit den Worten, die ich hier gebrauche, zu identifizieren. Es bedeutet vielmehr, eine Beziehung zu der Tatsache des gesamten menschlichen Daseins mit allen Konflikten von Leid und Elend, von Sehnsucht und Kampf zu haben. Es bedeutet, sich der Tatsache zu stellen, mit ihr zu leben.