Saanen 1961, Rede 3 – Teil 3

Sehen Sie, es ist außerordentlich schwer, mit etwas zu leben. Mit den Bergen hier um uns zu leben, mit der Schönheit der Bäume, mit den Schatten, dem Morgenlicht und dem Schnee – wirklich damit zu leben, ist recht schwierig. Wir alle nehmen es als selbstverständlich hin, nicht wahr? Wenn wir es Tag für Tag sehen, stumpfen wir dagegen ab, wie es den Bauern geht, und betrachten es am Ende gar nicht mehr. Doch damit zu leben, es täglich frisch, klar, voller Empfänglichkeit, Würdigung und Liebe wieder anzusehen, dazu gehört sehr viel Energie. Und mit etwas Hässlichem zu leben, ohne dass es unser Denken entstellt oder verdirbt, erfordert ebenfalls eine Menge Energie. Um mit dem Schönen wie mit dem Hässlichen leben zu können – wie es das Leben verlangt – braucht man gewaltige Energie, aber die Energie wird einem versagt und zerstört, wenn man sich beständig im Zustand des Konflikts befindet.

Kann also unser Denken Konflikt in seiner Gesamtheit sehen, damit leben, ohne ihn hinzunehmen oder zu bestreiten, ohne sich dadurch verderben zu lassen, vielmehr alle inneren Regungen seines Verlangens, das Konflikte schafft, wirklich beobachten? Ich glaube, das ist möglich – nicht nur möglich; sondern wenn wir tief darauf eingehen, wenn unser Denken nur rein beobachtet und keinen Widerstand mehr bietet, weder verleugnet noch wählt, dann ist es tatsächlich so. Ist man schließlich so weit gegangen – nicht in Begriffen von Zeit und Raum, sondern im Erleben der Gesamtheit allen Konflikts – dann wird man selber herausfinden, wie viel intensiver, leidenschaftlicher und erfüllter man leben kann; solcher Geisteszustand ist aber wesentlich, wenn das Unermessliche in Erscheinung treten soll. Ein Sinn voller Konflikte kann niemals entdecken, was wahr ist. Wenn man auch noch soviel über Gott, Güte, Geistigkeit und anderes dummes Zeug schwatzt, so kann doch nur ein Mensch, der das Wesen allen Konflikts vollkommen verstanden hat und daher außerhalb steht, das Unnennbare und Unermessliche empfangen.

Vielleicht können wir jetzt darüber diskutieren und ein paar Fragen stellen. Es ist sehr schwer, richtig zu fragen, aber ich glaube, gerade in der richtigen Fragestellung können wir selber die Antwort finden. Die rechte Frage zu stellen, bedeutet, dass man zu dem Tatsächlichen, zu dem, was ist, eine Beziehung hat, nicht zu Ideen und Meinungen.

Zwischenfrage: Was ist das Wesen der Schöpfung?

Krishnamurti: Was ist das Wesen der Schönheit? Was ist das Wesen der Liebe? Was ist das Wesen unseres Denkens, wenn es keine Konflikte hat? Wollen Sie Beschreibungen? Wenn Beschreibungen Sie befriedigen und Sie sie gelten lassen, nehmen Sie doch nur Worte an und experimentieren nicht selber. Sehen Sie, wie leicht wir uns mit Erklärungen und Verstandesbegriffen zufrieden geben! Das ist nichts als ein Spiel mit Worten, und daraus entstehen falsche Fragen. Wollen Sie denn nicht selber herausfinden, ob es möglich ist, in dieser Welt ohne Konflikte zu leben?

Bemerkung: Man fühlt, dass man zur Außenwelt Stellung nehmen muss; aber indem man der Welt entgegentritt, entsteht bereits Konflikt.

Krishnamurti: Ich frage mich manchmal ab, ob wir je etwas tun, weil wir es lieben? Wissen Sie, was ich meine? Ich liebe das, was ich tue – nicht dass es für mich einen besonderen Reiz hätte, auf einer Plattform zu sitzen und zu vielen Menschen zu sprechen; das ist nicht der Grund. Ich tue es, weil ich es wirklich gern tue, selbst wenn ich nur einen oder gar keinen Zuhörer hätte. Und wenn es zum Konflikt führt, was macht das? Schließlich will kein Mensch gern gestört werden. Wir möchten immer nur in unserm eigenen geistigen Stauwasser in Behaglichkeit mit unsern Ehemännern, Frauen und Kindern, mit unsern Ideen und Göttern leben. Und dann geschieht etwas – das Leben, ein Sturm, ein Erdbeben oder Krieg kommt daher und rüttelt uns auf. Wir reagieren darauf, indem wir festere Mauern zu errichten suchen und größeren Widerstand schaffen, um nur nicht wieder gestört zu werden; am Ende wird Gott zu unserer letzten Zuflucht, und wir hoffen, bei ihm keine Störung mehr zu erleiden. Werden wir aber gestört und es entsteht Aufruhr – was ist daran falsch? Ich will Sie keineswegs zwingen, mir zuzuhören: die Tür steht offen. Was ist daran falsch, dass wir uns gegen die Welt behaupten? Schließlich ist die Welt, gegen die wir uns stellen, eine Welt der Konventionen, zahlloser falscher Götter, Kirchen und Ideen; wir wollen uns gegen Hass, Neid und Gier behaupten und gegen alle anderen törichten Dinge, die wir erfunden haben, um uns selber zu schützen. Tut man das und verursacht dadurch Störung – was ist daran falsch?

Bemerkung: Ich glaube, es gibt keinen Konflikt, wenn wir von einem Augenblick zum andern leben.

Krishnamurti: Eine Minute, bitte! Sehen Sie, wie wir uns gleich wieder in Ideen flüchten? Das ›Wenn wir von einem Augenblick zum andern leben‹ ist eine Bedingungsform, eine Idee, aber sie bedeutet, dass wir uns noch nie von etwas völlig losgesagt haben, weder von Vergnügen und Schmerz, noch von Verlangen und Ehrgeiz. Kann man sich nicht von all dem lossagen?