Saanen 1961, Rede 3 – Fragen

Frage: Wie können wir feststellen, ob wir wirklich eine Tatsache oder nur unsere Idee über die Tatsache betrachten?

Krishnamurti: Hier ist tatsächlich eins Ihrer Probleme, nicht wahr? Wie wollen Sie darangehen, es zu untersuchen? Haben Sie je etwas richtig betrachtet oder ein Gefühl gehabt, ohne dabei zu denken? Gesetzt den Fall, ich fühle Ärger aufsteigen – kenne ich das Gefühl dann nur durch Worte? Fühlen wir durch unsere Ideen? Wenn ich sage, ich bin Inder – und das ist eine Idee – spüre ich eine gewisse Erregung in Bezug auf meine Nationalität; daher ist es die Idee, die mein Gefühl erzeugt, nicht wahr? Denn infolge meiner Erziehung betrachte ich mich als Inder und habe mich mit einem Stück Land und einer bestimmten Farbe identifiziert, was in mir bestimmte Gefühle auslöst; mit diesen Gefühlen gebe ich mich zufrieden. Wäre ich aber anders erzogen, etwa nur als menschliches Wesen, ohne mit einer besonderen Rasse oder Gruppe identifiziert zu sein, dann wäre mein Gefühl bestimmt ganz anders, nicht wahr? Worte haben also für uns gewisse Bedeutungen – wie zum Beispiel Kommunist, Gläubiger, Ungläubiger oder Christ – und erwecken daher bestimmte Gefühle und Sensationen. Für die meisten Menschen sind Worte sehr bedeutsam. Ich versuche nun herauszufinden, ob das Denken sich je von Worten befreien kann; und wenn ja, in welchem Zustand sich das Denken befindet, wenn es fühlt. Mache ich mich verständlich?

Sehen Sie, wir haben heute morgen über Konflikte gesprochen, und ich möchte nun untersuchen, ohne mit Worten zu spielen, ob mein Denken imstande ist, sich von Konflikten zu befreien. Ich möchte es herausfinden, der Sache auf den Grund gehen, und das bedeutet, dass ich in direkte Berührung mit dem Konflikt kommen muss – nicht mit Ideen. Ist das richtig? Ich darf mich also nicht durch Ideen ablenken lassen, muss mich auf meinem Wege vortasten, muss mit Schmerz, Leid, Enttäuschung, kurz, der Gesamtheit allen Konflikts Fühlung nehmen; ich darf keine Entschuldigungen oder Rechtfertigungen erfinden, sondern muss wirklich tief einzudringen suchen. Kann ich das aber mit bloßen Worten tun? Verstehen Sie, was ich sage? Aus diesem Grunde habe ich heute morgen gefragt, wie wir etwas erkennen: ob durch den Schleier von Worten oder im tatsächlichen Kontakt? Ist es möglich, ohne Worte zu fühlen? Ein hungriger Mensch will am Ende Nahrung, er ist nicht mit der Beschreibung von Nahrung zufrieden. Sind Sie in der gleichen Lage, wollen Sie Konflikt ebenso untersuchen und ihm ganz auf den Grund gehen? Oder sind Sie mit einer wörtlichen Beschreibung des Geisteszustands ohne Konflikt zufrieden? Wenn Sie dem Konflikt wirklich auf den Grund gehen wollen, müssen Sie ihn erleben und alles über ihn zu erfahren suchen. Können Sie mit einem Konflikt leben, ihn studieren, mit ihm schlafen, von ihm träumen, ihn sich einverleiben, so wird er Ihnen die Gesamtheit aller Konflikte enthüllen. Dazu ist aber Leidenschaft und tiefes Fühlen nötig. Nur an der Oberfläche zu leben und zu diskutieren, führt zu nichts und vergeudet die wenige Energie, die wir haben.

Frage: Wenn man dem Konflikt bei sich selber auf den Grund geht, muss man dann den Konflikt in der Welt einfach hinnehmen?

Krishnamurti: Können Sie die Welt so klar und deutlich von sich abgrenzen? Ist die Welt ganz anders als Sie selber? Sehen Sie, ich glaube, wenn ich es aussprechen darf, da ist etwas, was Sie noch nicht verstanden haben. Für mich ist Konflikt ein höchst zerstörender Faktor, innerlich wie äußerlich; und ich möchte untersuchen, ob man auch so leben kann, dass man keine Konflikte hat. Ich sage also nicht, dass es unvermeidlich sei, noch versuche ich mir zu erklären, dass Konflikt herrschen müsse, solange ich erwerbsüchtig bin. Ich will das Problem verstehen, es erleben, sehen, ob ich es zerstören kann, und ob es möglich ist, ohne es zu leben. Danach bin ich hungrig, und keinerlei Beschreibungen oder Erklärungen können mich befriedigen. Das heißt, ich muss den Gesamtvorgang meines Bewusstseins, mein ›Ich‹, begreifen, und mit dem Verständnis hierfür kommt das Verständnis für die Welt. Die beiden Dinge sind nicht zu trennen. Mein Hass ist der Hass der Welt; meine Eifersucht, mein Erwerbssinn, mein Trieb nach Erfolg ist auch ein Teil der Welt. Kann mein Denken all das zerstören? Wenn ich aber darum bitte: »Zeige mir den Weg, wie ich es zerstören soll«, will ich nur eine Methode benutzen, um meine Konflikte zu besiegen, und das heißt noch nicht, sie zu verstehen.

Ich erkenne also, dass ich meine Konflikte sehen, sie bewusst aufnehmen, alle ihre Regungen in meinem Ehrgeiz, meiner Gier, meinen Zwangsvorstellungen beobachten muss. Und wenn ich sie ausschließlich beobachte, kann ich vielleicht etwas entdecken; aber es gibt keine Garantie. Ich fühle auch, dass ich sehr gut weiß, was bei meiner Untersuchung wesentlich ist: Leidenschaft, tiefes Fühlen, Nichtachtung für Worte und Erklärungen, damit mein Denken sehr scharf und wachsam ist und jede Form von Konflikt beobachten kann. Zweifellos ist das der einzige Weg, um seinen Konflikten ganz auf den Grund zu gehen.