Saanen 1961, Rede 4 – Teil 1

Das letzte Mal, als wir zusammenkamen, sprachen wir über Ernsthaftigkeit und sagten, sie sei der Trieb oder der Wille, den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen und ihr Wesen herauszufinden. Wenn nun der zwingende Drang zur Entdeckung des Wahren hier fehlt, fürchte ich, werden diese Gespräche sehr wenig Bedeutung haben. Es ist beinahe schade, an einem so herrlichen Morgen wie heute zu sprechen; trotzdem möchte ich auf das Thema Demut und Lernen näher eingehen.

Unter Demut verstehe ich natürlich nicht die anmaßende Eitelkeit, die sich hinter diesem Wort verbergen kann. Demut ist keine Tugend; denn alles, was man ausbildet, aus sich hervorzieht, übt oder beherrscht, ist unecht. Man kann Demut weder säen noch ernten, sie muss entstehen. Demut liegt nicht in der Unterdrückung unseres Verlangens, das seine Erfüllung im Erfolg sucht; noch ist sie die religiöse Demut der Mönche, Heiligen und Priester oder ein Ergebnis gezüchteter Einfachheit. Sie ist etwas vollkommen anderes. Um sie wirklich zu erleben, muss man, wie ich glaube, ihr ganz auf den Grund gehen, damit alle Winkel des Denkens, alle dunklen, geheimen, verborgenen Stätten von Herz und Sinn der Demut ausgesetzt werden und sie einsaugen können. Und wenn wir das innerste Wesen der Demut enthüllen wollen, müssen wir meiner Ansicht nach auch darüber nachdenken, was Lernen bedeutet.

Lernen wir überhaupt? Ist unser ganzes Lernen nicht rein mechanisch? Wir betrachten Lernen als einen Addierungsvorgang, nicht wahr? Der Addierungsvorgang bildet ein Zentrum aus, unser ›Ich‹, und dieses Zentrum macht Erfahrungen; die Erfahrungen werden zu Erinnerungen, nein, sie sind Erinnerungen, die alle unsere künftigen Erlebnisse färben. Ist aber Lernen wirklich nur ein Addierungsvorgang wie Wissen? Und wenn die Addierung von Erfahrung, Wissen, Sein und Werden vor sich geht, herrscht dann Demut? Solange unser Sinn mit Wissen, Erfahrung und Gedächtnis überladen ist, kann er unmöglich etwas Neues empfangen. Muss also unser Denken nicht erst vollkommen leer werden, ehe das Zeitlose in Erscheinung treten kann? Und bedeutet das nicht das völlige, umfassende Gefühl eines demütigen Sinnes, der nichts mehr werden, nichts ansammeln, nicht länger suchen oder lernen will?

Haben wir wohl je etwas gelernt? Wir haben Wissen erworben und Erfahrungen gemacht; viele Ereignisse haben ihre Spuren hinterlassen und sind als Erinnerungen aufgespeichert worden. Ich kann zwar eine neue Sprache lernen oder eine neue Art der Himmelsforschung; das sind aber alles mechanische Addierungsvorgänge, die wir Lernen nennen. Das mechanische Lernen hinterlässt ein Zentrum, nicht wahr, und dieses Zentrum des Wissens sammelt, macht Erfahrungen, leistet Widerstand, verlangt nach Freiheit, bringt sich zur Geltung, nimmt an und verwirft – kurz, es befindet sich stets in Kampf und Konflikt. Und es ist dieses Zentrum, das beständig ansammelt und sich wieder entleert; es hat positive Regungen des Erwerbens und negative des Verwerfens. Den ganzen Vorgang nennen wir Lernen.

Bitte, verzeihen Sie, wenn ich es ausspreche, aber ich bin sicher, dass einige von Ihnen versuchen, etwas von dem Redner zu lernen. Sie werden jedoch von mir nichts lernen, denn Sie können nur etwas Mechanisches lernen, wie zum Beispiel Ideen. Wir befassen uns hier aber nicht mit Ideen, wir befassen uns nicht mit Beschreibungen irgendwelcher Art; wir beschäftigen uns mit Tatsachen, mit dem, was ist. Und Verständnis für das, was ist, stellt keinen mechanischen Vorgang dar; es ist keine Betrachtungsweise zum Zweck des Erwerbens, und man kann damit weder dem Zentrum etwas hinzufügen noch etwas von ihm wegnehmen. Aus unserm Zentrum heraus, das jahrhundertelang gewachsen, durch Gesellschaft, Religion, Erziehung und Erfahrungen beeinflusst ist, streben wir beständig nach Veränderung. Aus dem Zentrum heraus funktionieren wir und versuchen, unsere Eigenschaften oder unsere Denkweise zu ändern, uns neue Ideen einzuprägen und alte abzuwerfen. So strebt das Zentrum unentwegt danach, sich zu verbessern oder sich zu zerstören, um dadurch etwas mehr zu erreichen; und das spielt sich beständig bei uns ab.

Bitte, hören Sie gut zu. Das Zentrum ist das, was wir Ego oder Ich nennen, oder wie Sie es sonst bezeichnen wollen. Der Name ist belanglos, nur die Tatsache ist wichtig – das, was ist. In jedem Vorgang der Veränderung ist aber auch Gewaltsamkeit enthalten. Jeder Wechsel schließt Gewalttätigkeit ein, und dadurch kann nichts Neues entstehen. Wenn man sagt: »Ich muss mich beherrschen, ich muss mich unterwerfen«, was soviel heißt wie, sich einem Schema anzupassen, so bedeutet das Gewaltsamkeit. Alle Heiligen, Führer, Lehrer und Propheten sprechen von Änderung und Beherrschung; aber dieser Vorgang der Selbst-Erziehung des Zentrums, um sich einem Schema anzupassen, enthält offenbar auch Gewalttätigkeit. Und wenn wir über das Prinzip der Gewaltlosigkeit sprechen, bedeutet es immer noch dasselbe.