Saanen 1961, Rede 4 – Teil 2

Änderung schließt also Gewaltsamkeit auf dem Gebiet der Zeit ein, nicht wahr? Wenn ich etwas bin, will ich mich zwingen, etwas anderes zu werden. Das ›Andere‹ liegt in der Entfernung: es ist das Ideal, das Beispiel, die Richtschnur. Dieser Versuch, Gewalt in Frieden umzuwandeln, enthält den ganzen Konflikt der Gegensätze. Wenn ich daher sage: »Ich will alles über mich selber erfahren«, bin ich immer noch im Ansammeln verstrickt und bestärke nur mein Zentrum. Man muss sehen und es nicht nur wörtlich, intellektuell, sondern als wirkliche Tatsache erleben, dass man mit einem Zentrum, das nach Veränderung verlangt – und Gewaltsamkeit mit sich bringt – nie Frieden haben kann.

Für mich gibt es also kein Lernen, sondern nur Sehen. Beim Sehen kann man nichts ansammeln; es ist kein Erwerben und kein Verleugnen. Sieht man das, was ist, so wirkt es zerstörend, und in der Zerstörung liegt Frieden, nicht Gewaltsamkeit. Gewalt, Umsturz, Veränderung herrschen beim Ansammeln, beim Bestärken des Zentrums. Kann man jedoch mit seinem ganzen Wesen diesen Vorgang umfassend und vollständig wahrnehmen, so hat das Tatsächliche, das, was ist, eine zerstörende Wirkung; und Zerstörung ist zugleich Schöpfung.

Demut ist also ein Geisteszustand, worin man den Vorgang des Ansammelns und sein Gegenteil völlig aufgegeben hat und von einem Augenblick zum andern das, was ist, wahrnimmt. Man hat keine Meinungen oder Urteile mehr, aber man weiß, was Freiheit ist. Wenn sich unser Denken in Gewaltsamkeit verfängt, ist es nicht frei; und wenn es nach Freiheit sucht, kann es nie frei werden; denn Freiheit wird dann zu einer neuen Ansammlung.

Demut bedeutet vollkommene Zerstörung, nicht äußerlicher Dinge, nicht der Gesellschaft, sondern vollkommene Zerstörung des Zentrums, des eigenen Ich, der eigenen Ideen und Erfahrungen, des Wissens und der Tradition – es bedeutet, aus dem Denken alles, was es gewusst hat, restlos zu entfernen. Dann denkt man nicht mehr in Begriffen der Veränderung. Es ist tatsächlich etwas Wunderbares, dies zu empfinden. Sehen Sie, das ist Teil einer Meditation.

Zuerst müssen wir also den Veränderungsvorgang gründlich zu verstehen suchen; denn die meisten Menschen streben nach einem Wechsel. Die Welt ändert sich schnell genug in äußerlichen Dingen. Man versucht, zum Mond zu gelangen; Raketen werden erfunden mit allem, was dazugehört; Wertbegriffe ändern sich; Coca-Cola ist über die ganze Welt verbreitet; alte Kulturen stürzen. Die Schnelligkeit, mit der die Veränderungen vor sich gehen, ist größer als die Tatsache an sich. Die alten Götter, die Traditionen, Erlöser, Meister schwinden dahin, wenn sie nicht schon verschwunden sind. Ein paar Menschen halten noch daran fest, bauen Verteidigungsmauern um sich herum, aber alles vergeht. Und unser Denken befasst sich weder mit Zerstörung noch mit Schöpfung – nur mit Selbstverteidigung, immer auf der Suche nach neuem Schutz, nach anderer Ausflucht.

Will man also wirklich tief und ernst auf das Problem der Demut eingehen, so muss man unvermeidlich das Lernen in Frage stellen, nämlich alles Lernen auf der Ebene der Worte, das uns beim Betrachten der Dinge, wie sie tatsächlich sind, im Wege steht. Beschäftigt sich unser Denken nicht mehr mit Veränderung, so hat es keine Furcht und ist daher frei. Es scheint mir auch unbedingt notwendig, dass unser Denken alles, was wir besprochen haben, versteht. Denn dann wird es nicht mehr versuchen, sich in andere Form zu gießen, sich neuen Erfahrungen auszusetzen; es wird nicht mehr fragen und bitten; dann ist es frei und kann still und ruhig sein, und dann kann vielleicht das Namenlose ins Dasein treten. Demut ist also wichtig, aber nicht auf künstliche, gezüchtete Weise. Sehen Sie, man muss ohne Fähigkeit, ohne Talent sein können, innerlich ein Nichts. Und ich glaube, wenn man all das erkennt und nicht zu lernen versucht, wie man nichts sein soll – was wirklich zu töricht ist – dann wird das Erkennen zum Erleben; und dann kann vielleicht das Andere entstehen.

Können wir das nun besprechen – aber nur das, nicht, wie wir die Welt ändern können, oder was Chruschtschow demnächst tun wird?