Saanen 1961, Rede 4 – Fragen, Teil 1

Frage: Ist Verständnis eine Fähigkeit?

Krishnamurti: Ist Verständnis eine Fähigkeit, die man ausbilden und langsam entwickeln kann? Das Entwickeln einer Fähigkeit schließt Zeit ein; werde ich etwas mit der Zeit, in einer Reihe von Tagen verstehen, oder erkenne, erfasse ich es unmittelbar? Kann ich begreifen, wir töricht es tatsächlich ist, Nationalist zu sein, sich mit einer bestimmten Gruppe oder Sekte oder einem Glauben zu identifizieren? Kann ich die volle, umfassende Bedeutung davon erkennen, was es heißt, zu etwas zu gehören oder sich einer Sache zu verpflichten? Wissen Sie, wir wollen alle gern einer besonderen Gruppe, Gesellschaft, Rasse oder Familie angehören; wir wollen uns auf eine gewisse Handlungsweise festlegen – die kommunistische oder sozialistische, eine religiöse oder ethische. Und warum? Es liegt allerlei darin enthalten, nicht wahr? Wir lieben sogenannte Zusammenarbeit. Das kann auf einer gewissen Ebene sehr gut sein; ist man aber innerlich an etwas gebunden, so steht das sicherlich im Wege, wenn man Aufklärung suchen und etwas verstehen will. Braucht man Zeit, um das zu sehen? Es erfordert Zeit, weil ich faul bin, weil ich mich verpflichtet habe und nun fürchte, wenn ich mich von meiner Verpflichtung zurückziehe, dadurch Unheil zu stiften. Darum sage ich: »Ich will mir Zeit lassen und es überlegen.« Das träge Denken hält sich selbst davon ab, etwas direkt, klar und wirklich zu sehen. Zweifellos erfordert es keine Zeit, sich selbst als dumm zu erkennen. Ich kann es sehen, und niemand braucht es mir zu sagen. Doch sobald ich es ändern will, sobald ich klüger werden will, sobald ich mehr von einem und weniger vom andern sein möchte, ist Zeit und auch Gewaltsamkeit miteinbegriffen. Die Erkenntnis, dass ich dumm bin, das wirkliche Sehen und Aufgehen darin, erfordert einerseits Verständnis, und andrerseits wird die bloße Erkenntnis an sich alles zerstören, was ich in mir und um mich her aufgebaut habe. Und davor fürchte ich mich.

Zu erkennen, dass ich dumm, engstirnig, kleinlich, bürgerlich, mittelmäßig bin und damit zu leben ohne zu versuchen, etwas daran zu ändern, ohne es abzuschleifen und ihm einen neuen Namen oder Titel zu geben; vielmehr alle Regungen und Scheingründe zu beobachten, und zu durchschauen, wie töricht es ist, klug werden zu wollen – all das erfordert weder Zeit noch Fähigkeit. Man braucht nur Ernsthaftigkeit, um dem auf den Grund zu gehen.

Sehen Sie, wenn Gefahr droht, handeln wir immer unmittelbar, fühlen unmittelbar, erkennen unmittelbar. Dann sind alle unsere Sinne und Instinkte vollkommen wach, und man spricht nicht von Zeit.

Frage: Man scheint die Dummheit der Wünsche zu erkennen und von ihnen frei werden zu können, aber später kommen sie wieder zurück.

Krishnamurti: Ich habe nie behauptet, dass ein freier Mensch keine Wünsche habe. Was ist denn falsch am Wünschen? Es wird erst zum Problem, wenn es Konflikte schafft, wenn ich zum Beispiel das schöne Auto besitzen möchte, das ich nicht haben kann. Weshalb aber nicht das Auto sehen, die Schönheit seiner Linien, seine Farbe, seine Schnelligkeit bewundern – was ist daran verkehrt? Ist der Wunsch, es anzusehen oder zu beobachten falsch? Unser Verlangen wird erst dringend und zwingend, sobald wir etwas besitzen wollen. Wenn wir erkennen, dass dies Versklavtsein an etwas – sei es Rauchen oder Trinken oder eine bestimmte Denkweise – Verlangen einschließt, und dass alle Anstrengung, sich von diesem Schema zu befreien, auch wieder Verlangen bedingt, dann sagen wir: wir müssen zu einem Zustand ohne Verlangen kommen. Sehen Sie nur, wie wir immer das Leben mit unserer Kleinlichkeit in eine Form gießen wollen! Deshalb ist unser Leben auch so mittelmäßig, voll unbekannter Furcht und dunkler Winkel. Wenn wir dagegen alles, was wir hier besprochen haben, wirklich verstehen, wenn wir es tatsächlich sehen, dann glaube ich, wird unser Verlangen ganz andere Bedeutung bekommen.

Frage: Kann man einen Unterschied machen zwischen dem Identifizieren mit dem, was man sieht, und dem Leben mit dem, was man sieht?

Krishnamurti: Warum wollen wir uns mit etwas identifizieren? Um größer, edler, wichtiger zu werden, nicht wahr? Wir wollen dem Leben Bedeutung geben, weil das Leben keine Bedeutung für uns hat. Warum sollte man sich mit seiner Familie, seinem Freund, einer Idee, einem Lande identifizieren? Warum nicht alles Identifizieren beiseite fegen und beständig mit dem leben, was ist, mit dem, was sich immer ändert und nie stillsteht?

Frage: Wenn man sich nicht mit Dingen identifiziert, kann man wahrscheinlich außerhalb von allem leben?

Krishnamurti: Es ist eine Tatsache, nicht wahr, dass wir in unserm eigenen, engen Kreise leben mit allen kleinlichen Eifersüchteleien, aller Eitelkeit und Dummheit. Das ist unser Leben, und damit haben wir uns abzufinden, anstatt uns mit den Göttern, den Bergen und derlei Unsinn zu identifizieren. Es ist viel schwerer und erfordert größere Tiefe und Intelligenz, mit dem zu leben, was ist, ohne es ändern zu wollen, als mit Jesus zu leben, was nichts als eine Ausflucht ist.